Bahnstrecke bleibt vorerst gesperrt

Viele Reisende müssen in Hessental und Gaildorf länger warten als geplant. Die Ursache der Zug-Entgleisung in Michelbach ist noch unklar. Fachleute ermitteln jetzt den Schaden.

|

Eine Stunde später als geplant kamen Katharina und Günther Hellenschmidt gestern aus dem Island-Urlaub nach Hause zurück. Die Crailsheimer waren nach der Landung in Stuttgart per Bahn vom Flughafen nach Gaildorf-West gefahren. Dort stieg das Ehepaar in einen Bus um – diesen Ersatzverkehr auf vier Rädern gibt es, seit am Donnerstagnachmittag in Michelbach drei Waggons eines Güterzugs entgleisten. Die Bahnstrecke zwischen Gaildorf-West und Schwäbisch Hall-Hessental ist seitdem gesperrt (wir berichteten).

Die Hellenschmidts stiegen in den Bus, der schon am Bahnhof stand, „der Fahrer hat uns gleich gewunken“, erzählt der Crailsheimer, „das hat gut funktioniert“. Aber: Ein Bus ist langsamer als ein Zug. Die Urlaubs-Rückkehrer kamen um kurz nach 11 Uhr am Hessentaler Bahnhof an  – wenige Minuten, nachdem um 10.59 Uhr der Zug in Richtung Crailsheim und Nürnberg losgefahren war.

So mussten die Hellenschmidts ebenso wie ein 25-jähriger Stuttgarter knapp eine Stunde lang auf dem Bahnsteig warten. Dann, um 11.59 Uhr, kam der nächste Zug, der Richtung Nürnberg fuhr. „Das wird jetzt zeitlich knapp“, sagte der Mann, der einen Kontrabass im Gepäck hatte. Seine Vorstellung mit dem Instrument sollte um 19.30 Uhr in Dresden beginnen. Für ihn zählte jede Stunde.

Malte Gräper – ein Münchner, der in Fichtenberg zu Besuch war – fuhr gestern zurück in seine bayerische Heimat. „Ein bisschen bitter“ sei es, dass der um 10.59 Uhr abgefahrene Zug nicht die wenigen Minuten gewartet habe, bis die Passagiere mit dem Ersatzbus angekommen waren.

Mehr Glück hatten die Fahrgäste eine Stunde später: Der Zug fuhr nicht fahrplanmäßig um 11.59 Uhr, sondern erst um 12.11 Uhr ab. Die Lokführer hatten gewartet, bis der Bus aus Gaildorf am Hessentaler Bahnhof angekommen war. Das Fahrzeug war proppenvoll. Der Zug, der um 12.59 Uhr in Hessental einfuhr, wartete einige Minuten und fuhr dann wieder los. Erst danach kam ein Bus aus Gaildorf an – auch dessen Passagiere mussten warten.

Wer mindestens eine Stunde später als angegeben am Zielbahnhof ankommt, erhalte eine Preisermäßigung von 25 Prozent, sagte eine Hessentaler Bahn-Mitarbeiterin. Von der Streckensperrung waren auch Reisende in die andere Richtung betroffen. Zwei Schwestern wollten den 11.14-Uhr-Zug nach Stuttgart nehmen. Doch ab Hessental kamen sie nur mit dem Bus weiter – der um kurz nach 12  Uhr kam. Etwa 20 Menschen hatten auf ihn gewartet – die beiden Schwestern mehr als 45 Minuten lang.

Immer dann, wenn ein Zug aus Crailsheim in Hessental stoppte, entstiegen ihm viele Menschen, die nicht wussten, wie es weitergeht. „Schade, dass es keinen Fahrplan für den Bus-Ersatzverkehr gibt“, meinte ein 22-Jähriger, der zu Bekannten nach Winnenden wollte. Um die Mittagszeit fuhren, im Gegensatz zum späten Vormittag, zwei Busse als Bahn-Ersatz von Hessental los. „Weil um die Zeit mehr los ist“, sagte einer der Busfahrer.

Unterdessen untersuchen Fachleute den Michelbacher Zugunfall vom Donnerstagnachmittag. Über Ursache und Höhe des Schadens kann die Deutsche Bahn noch keine Angaben machen. Die Bundespolizei und die Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes (EUB) müssten erst ihre Ermittlungen abgeschlossen haben, bevor mit der Schadensaufnahme begonnen werde. Die Bahnstrecke zwischen Gaildorf-West und Hall-Hessental wird auch in der kommenden Woche sicher gesperrt sein, teilt ein Sprecher mit. Wie lange sie nicht befahrbar sei, „kann erst nach erfolgter Schadensaufnahme gesagt werden“, heißt es in einer Mitteilung.­

EUB-Mitarbeiter sind seit vorgestern an der Unfallstelle. „Im Fokus der Ermittlungen steht der Oberbau“, also das Gleis mit Schotter, sagt ein Sprecher. „Nach aktuellem Stand gibt es keine Hinweise darauf, dass der Unfall auf Fehler im Betriebsdienst oder bei der Signaltechnik zurückzuführen wäre.“

Einer der drei entgleisten Waggons wurde noch am Donnerstag mit einem Schwerlastkran auf einen Tieflader gehievt und zu einer Werkstatt transportiert. Die anderen beiden, nur leicht entgleisten Wagen wurden wieder auf die Schiene gesetzt. Dort bleiben sie vorerst, bis die Schäden an ihnen und am Gleisbett ermittelt worden sind.

Die EUB untersucht und rekonstruiert gefährliche Ereignisse im Eisenbahnbetrieb. Die unabhängige Stelle untersteht dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Sie arbeitet mit dem Ziel, solche Bahn­unfälle aufzuklären. Die Untersuchungsstelle macht dann Vorschläge, wie die Sicherheit im Eisenbahnverkehr verbessert werden kann.

Die Untersuchungen der EUB sind unabhängig von denen der Strafverfolgungsbehörde. Sie dienen auch nicht dazu, die Fragen nach Schuld, Haftung oder zivilrechtliche Ansprüche zu klären. Ob die EUB sich einschaltet oder nicht – auch die Bahn ist gefordert. „Die beteiligten Unternehmen müssen das gefährliche Ereignis untersuchen, bewerten und entsprechend korrigierend und vorbeugend handeln“, so ein EUB-Sprecher.

Katharina und Günther Hellenschmidt, die Island-Urlauber, hatten nach der Landung in Stuttgart überlegt, als Alternative mit der Bahn über Aalen nach Crailsheim zu fahren.  Das hätte nicht geklappt: Wegen Bauarbeiten auf der Strecke wären sie auf diesem Weg nicht nach Hause gekommen. Also nahmen sie den Ersatzbus von Gaildorf nach Hessental.

Erdaushub von der Bahnhofsbaustelle „Stuttgart 21“ wird regelmäßig per Bahn in Containern nach Hirschfelden transportiert. Dort kommt der Aushub in den Steinbruch Wilhelmsglück. Nach der Entgleisung gebe es derzeit aber keinen Abfuhrstau, teilt ein Bahn-Sprecher mit. Es gebe alternative Ablageorte.

Nach dem Unfall waren mehr als 80 Einsatzkräfte vor Ort – darunter auch das Technische Hilfswerk (THW) Schwäbisch Hall. Dessen Mitarbeiter beleuchteten in der Nacht auf Freitag die Unfallstelle. Der Einsatz endete gestern um 6.30 Uhr, teilt Raphael Noe vom Technischen Hilfswerk in Hall mit. wd

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

„Selbstverständlich können Leute bei uns aufs WC gehen“

In Stuttgart sollen Gastronomen und Geschäftsleute ihre Klos für Bürger öffnen. In Hall gibt es diese „nette Toiletten“ an einigen Orten bereits. weiter lesen