Bahnhof als negatives Beispiel

Hall belegt in einer bundesweiten Statistik zum Thema barrierefreies Wohnen den vierten Platz. In der Stadt müsse noch Vieles verbessert werden, sagt hingegen der Verein "Barrierefrei Schwäbisch Hall".

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Mit Rollstuhl in der Stadt unterwegs: Kirstin und Thilo Schulten vom Verein "Barrierefrei Schwäbisch Hall" messen die Eingangstür der Kreuzäcker-Apotheke am Limpurgerplatz aus. Privatfoto

. "Stadtoberhäupter und Stadträte zeigen zu wenig Interesse an dieser Thematik. Wir würden die Damen und Herren gern mal einladen, sich für ein paar Minuten in den Rollstuhl zu setzen", sagt Thilo Schulten. Der erste Vorsitzende des Vereins "Barrierefrei Schwäbisch Hall" findet, dass in Hall mehr für Menschen mit körperlicher Behinderung getan werden muss. "Die Stadt hängt in diesem Punkt noch hinterher, sie setzt die Inklusion in unseren Augen zu wenig um", sagt Schulten. Er steht dem 75 Mitglieder zählenden Verein vor, der im Jahr 2009 mit 20 Mitgliedern gegründet worden war.

Schulten nennt eine Reihe von Beispielen, die körperliche eingeschränkte Menschen in der Stadt Probleme bereiten. "Die Zugänge zu öffentlichen Gebäuden müssen verbessert werden." Am Rathauseingang beispielsweise gebe es eine große Schwelle. Auch zum Touristikbüro hätten Rollstuhlfahrer, die allein unterwegs sind, keinen Zugang: "Die Rampe ist mit einem Kartenkarussell zugestellt." Außerdem müssten Gehwege an Kreuzungen abgesenkt werden: "Die Stadt kann hierzu 75 Prozent Förderung beantragen", so Schulten.

Er kritisiert auch, dass es in Hall nur wenig Wohnungsangebote für Rollstuhlfahrer gibt. Zu diesem Thema habe der Verein vor Wochen die Rathausspitze angefragt. Eine Antwort des Oberbürgermeisters stehe noch aus, sagt Kirstin Schulten vom Vorstand des Vereins Barrierefrei. Schlimm sei, dass öffentliche Behindertentoiletten als Abstellkammer für Putzmaterial "missbraucht" würden. Außerdem seien viele Busse nicht barrierefrei.

Doch gebe es auch positive Beispiele für Barrierefreiheit in der Stadt. Die Zusammenarbeit mit dem Ordnungsamt sei gut, die Behindertenparkplätze würden besser überwacht. Auch Pflastersteinwege seien reduziert worden. Positiv sei auch die Gestaltung des Kocherquartiers, so Schulten.

Es gebe auch Geschäftsleute, die die Barrieren umgehen und Rollstuhlfahrer auf der Straße bedienen. "Die Wirtschaft", sagt Schulten, "erkennt den Wandel und reagiert nun langsam."

Im öffentlichen Raum der Stadt werde einiges getan, teilt die Haller Gruppe der Architektenkammer Baden-Württemberg mit. Als Beispiele werden erhöhte und geriffelte Bordsteine genannt, zum Beispiel am Spitalbach und in der Einkornstraße. Kritisch seien hingegen Steigungen (Beispiele: Neue Straße und Marktplatz zum Holzmarkt), die umständlich umgangen werden müssten, etwa über den Aufzug Schied. Deutliche Kritik übt die Kammergruppe an der Deutschen Bahn: Am Bahnhof Hessental gebe es "unsägliche Treppen und Rampenrutschen". Im privaten Wohnungsbau werde vor der Planung das Thema Barrierefreiheit noch zu wenig berücksichtigt, teilen Architekten der Haller Kammer mit. Die Bauherrschaft lasse sich "nur in geringem Maße darauf ein, gebenenfalls Türen und ein ebenerdiges Bad in angenäherten Maßen an die Barrierefreiheit vorzusehen".

Unsanierte Altbauten im Stadtgebiet seien erfahrungsgemäß "selten barrierefrei und können nur mit großem Aufwand nachgerüstet werden". Aufwändig sei das auch deshalb, weil meist der Platz fehle. Bei der Sanierung eines Altbaus hänge Barrierefreiheit vom Budget ab, das der Bauherr in die Hand nehme. Ein "schönes Beispiel" sei die ehemalige Landwirtschaftsschule im Laccornweg, in der "hochwertige barrierefreie Wohnungen mit Aufzug" geschaffen worden seien.

"Wir achten bei Baumaßnahmen darauf, dass Barrierefreiheit - wenn möglich - eingehalten wird", sagt Rathaussprecher Robert Gruner. Bei der Genehmigung neuer Häuser orientiere sich die Stadt an der Landesbauordnung. Die regele, wie beziehungsweise wo Barrierefreiheit herzustellen ist. Eine bestimmte Quote barrierefreier Häuser oder Wohnungen schreibe die Bauordnung aber nicht vor, so Gruner.

Info Eine Ausstellung über Barrierefreies Bauen wurde kürzlich im Haller Landratsamt eröffnet. Heute ist die Ausstellung von 9 bis 12 Uhr zu sehen.

Barrierefreier Wohnraum: Freiburg ist Spitze, Hall auf Rang 4

Statistik Auf "Immobilienscout 24" waren sechs Prozent aller Wohnungen, die im Jahr 2013 auf dem Portal zur Miete oder zum Kauf angeboten wurden, als barrierefrei gekennzeichnet. Im Städtevergleich schneidet Freiburg im Breisgau mit 18 Prozent barrierefreier Wohnungen am besten ab. Auf den Plätzen zwei und drei folgen der Kreis Fulda (16,9 Prozent) und Karlsruhe (16,7). Rang vier belegt der Kreis Schwäbisch Hall mit 15,9 Prozent. Schlusslicht ist Hoyerswerda (0,4 Prozent).

Link Der Verein Barrierefrei Schwäbisch Hall im Internet: barrierefrei-sha.de.

WD

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