Aus Schule formte er Heimat: Jürgen Oelschläger verabschiedet

Er wird seine Schüler vermissen und sie ihn. Nach zehn Jahren als Rektor verlässt Jürgen Oelschläger Michelbach – schweren Herzens und nicht freiwillig. <i>Mit Bildergalerie.</i>

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  • Schüler der Außenklasse vom Sonnenhof schenken Jürgen Oelschläger zum Abschied einen Picknickkorb. Den kann er mitnehmen, wenn er zur nächsten Radtour aufbricht. 1/2
    Schüler der Außenklasse vom Sonnenhof schenken Jürgen Oelschläger zum Abschied einen Picknickkorb. Den kann er mitnehmen, wenn er zur nächsten Radtour aufbricht. Foto: 
  • Die Flötengruppe bereitet dem scheidenden Schulleiter einen herzlichen Abschied – ebenso wie Schülerchöre, die Jazzband und die Schüler vom Sonnenhof. 2/2
    Die Flötengruppe bereitet dem scheidenden Schulleiter einen herzlichen Abschied – ebenso wie Schülerchöre, die Jazzband und die Schüler vom Sonnenhof. Foto: 
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Mucksmäuschenstill ist es jetzt. Und das, obwohl die Rudolf-Then-Halle mit etwa 350 Schülern, Lehrern, Eltern und Mitarbeitern des Evangelischen Schulzentrums sehr gut gefüllt ist. Und obwohl auch die Unterstufenschüler bereits seit mehr als zwei Stunden auf ihren Stühlen sitzen. Sie alle lauschen den Abschiedsworten ihres Schulleiters Jürgen Oelschläger, der auf der Bühne von seinen Gefühlen überwältigt wird. „Euch, meine Schülerinnen und Schüler, euch werde ich vermissen“, sagt Oelschläger. Wäre es nach ihm, der im September 62 Jahre alt wird, gegangen, hätte er das Schulzentrum bis zu seinem Ruhestand geleitet. Doch die Schulstiftung der Landeskirche hat sich dafür entschieden, die Rektorenstelle neu auszuschreiben. Oelschläger hat seine anfängliche Enttäuschung über das aus seiner Sicht intransparente und unverständliche Vorgehen der Schulstiftung inzwischen überwunden. Auch dank der großen Solidarität vieler Eltern, die ihm mit Briefen und E-Mails ihre Wertschätzung ausdrückten. Und auch dank der Vertrautheit mit seinen Kollegen und den „Heinzelmännchen“, also den guten Seelen in Küche, Sekretariat und Hausmeisterbüro.

„Ich hätte diese Rede gerne erst in drei Jahren gehalten“, sagte Tina Kümmerer im Namen des Elternbeirats. Sie bedauere die Entscheidung der Schulstiftung, auf dem Schulleiter-Posten eine „Lücke auf unbestimmte Zeit“ zu reißen.

In seiner zehnjährigen Leitungstätigkeit habe Jürgen Oelschläger das Profil der Schule maßgeblich weiterentwickelt, lobte Bürgermeister Werner Dörr. Die Schule hebe sich mit ihrer musikalischen und diakonischen Ausrichtung positiv ab und sei ein wichtiger Standortfaktor für die ländliche Gemeinde.

Das Profilfach „Natur-Technik-Religion“ hat Oelschläger ebenso entwickelt wie den Unterricht im 60-Minuten-Takt, das grüne Klassenzimmer, die Coaching-Ausbildung für die Lehrer sowie den notenfreien Raum, in dem Schüler ohne Notendruck ihre Talente ausprobieren können.

Oberkirchenrat Werner Baur bescheinigte Jürgen Oelschläger Fachlichkeit, Ruhe und Hartnäckigkeit sowie Energie. Er verkörpere Autorität und habe das Evangelische Schulzentrum zu einer Heimat für die Schüler gemacht.

"Mehr als diese lästige Pflicht, morgens aufzustehen"

Schülersprecher Hosea von Hauff sagte es so: „Michelbach ist eine Schule, die für mich mehr ist als die lästige Pflicht, morgens aufzustehen und am Nachmittag Hausaufgaben zu machen.“ Er und Anneliese Schaal zeigten im Namen der rund 500 Michelbacher Schüler von Realschule, Gymnasium und Internat ihre Zuneigung zu Jürgen Oelschläger mit einer Skizze, die vor den Augen des Publikums angefertigt wurde. Mit ein paar gekonnten Strichen entstand ein Mann mit großem Herzen und offenen Ohren, der meistens lächelt, den Überblick behält und mit anpackt.

Kaum eine Rede habe ihn mehr Zeit und Mühe gekostet wie die zum Abschied seines Kollegen Jürgen Oelschläger, sagte Thomas Brachmann. Er, der „kleine Schulleiter“, der seit sieben Jahren die Geschicke der Realschule lenkt, empfinde „weit mehr als verordnete Kollegialität“ für Oelschläger. Die Umarmung der beiden unterstreicht dies. Kennengelernt habe er Jürgen Oelschläger als einen ruhigen, etwas wortkargen, aber immer aufmerksamen und nie verschlossenen Menschen. „Du warst zu allen sehr hilfsbereit, was auch manchmal zur Zerreißprobe für dich geriet.“

Im Jahr 1996 begann Jürgen Oelschlägers Zeit in Michelbach, nachdem ihn sein Vorgänger Kurt Hertweck vom Haller Erasmus-Widmann-Gymnasium abgeworben hatte. Daran erinnerte Mitarbeitervertreter Peter Aichelin. „Einfühlsam und unterstützend in Krisensituationen“ sei Oelschläger für die Mitarbeiter gewesen. „Jeder hat zu seinem Geburtstag eine handgeschriebene Karte von dir in seinem Fach vorgefunden.“ Oft habe Aichelin hart mit dem Schulleiter gerungen, vor allem wenn es um die Arbeitsbelastung ging, die den Kollegen zugemutet werden konnte. Doch nach jeder Auseinandersetzung habe man wieder vertrauensvoll zusammenarbeiten können.

Das zweistündige Programm wurde mit viel Musik bereichert: von Schülerchören, der Flötengruppe, der Jazzband und auch von der Außenklasse des Sonnenhofs. „Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit als Schulleiter und ich liebe meinen Beruf nach wie vor“, sagte Jürgen Oelschläger. Zum Abschied erhebt sich die Menge im Saal und applaudiert lange.
 

Zur Person

Dr. Jürgen Oelschläger leitet das Evangelische Schulzentrum Michelbach (ESZM) seit 2006. Davor war er bereits zehn Jahre lang Lehrer für Biologie und Sport an der Schule. Der promovierte Biologe ist 61 Jahre alt, verheiratet und lebt in Michelfeld. Er und seine Frau Sibylle haben drei Söhne. Zum Ende des Schuljahres verlässt Oelschläger das ESZM und wechselt als Abteilungsleiter des Heinrich-von-Zügel-Gymnasiums in Murrhardt wieder in den Staatsdienst.

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