Freibad-Jubiläum: Aus fünf Metern auf den Hintern

Das Schenkensee-Freibad feiert sein 75-jähriges Bestehen. Hunderte kommen zu Sprungshow, Feuershow und Open-Air-Party. Festredner erinnern an den umstrittenen Bau.

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  • Eines der waghalsigen Sprünge vom Turm in das große Becken: in diesem Fall auf Skibrettern. 1/2
    Eines der waghalsigen Sprünge vom Turm in das große Becken: in diesem Fall auf Skibrettern. Foto: 
  • Am Nachmittag toben sich Kinder und Jugendliche auf großen, luftgefüllten Spielgeräten aus.  2/2
    Am Nachmittag toben sich Kinder und Jugendliche auf großen, luftgefüllten Spielgeräten aus.  Foto: 
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Der Mann in der Kluft einer Reinigungskraft hängt kopfüber am Sprungturm und wischt mit einem Mob die Unterseite des Zehn-Meter-Bretts. Ohne Sicherung, ohne Schutz, nur vom Kumpanen an den Füßen gehalten. Ein äußerst ungewohntes und spektakuläres Bild für die Zuschauer im Schenkensee-Freibad.

Das ist eines der Höhepunkte der Sprungshow, die von Akrobatik, Humor und Schmerz geprägt ist. Dazu gehört der laute Schlag, als ein Sportler mit voller Absicht aus fünf Metern Höhe eine sogenannte Arschbombe zelebriert und mit seinem Hinterteil auf die Wasseroberfläche knallt.

Manche nennen sie „verrückte Bawü-Springer“, einen echten Namen haben sie aber nicht. Es sind elf Turmspringer aus Heilbronn und Freiburg, die eigentlich bei Wettkämpfen antreten. „In wenigen Tagen etwa steht ein Teil von uns bei den Weltmeisterschaften in Budapest auf dem Sprungbrett“, sagt Landesspringwart Thomas Bertoldo, während er sich mit einem zu kleinen Handtuch das Wasser aus dem Gesicht wischt. Mit lustigen Shows zwischen Turniereinsätzen machen sie Werbung für ihren Sport. Mit dabei haben sie Schlauchboot, Bierbank, Einrad und Fallschirm, die sie für ihre Einlagen in zehn Metern Höhe nutzen.

Früher im Kocher gebadet

Eine gelungene Show für eine außergewöhnliche Geschichte. Denn an diesem Samstag wird das 75-jährige Bestehen des Freibads gefeiert. Gebhard Genter, Chef der Stadtwerke, die das Schenkensee betreiben, erinnert an die Anfänge. Das vorherige Bad sei 120 Jahre genutzt worden – ein Kocherbad am Wehr in Steinbach. Nach den Plänen des Architekten Paul Bonatz, der auch den Stuttgarter Hauptbahnhof entworfen hatte, wurde von 1938 bis 1942 am Schenkensee gebaut. Finanziert wurde das Projekt vom Steinbacher Unternehmer und Haller Ehrenbürger Max Kade, dessen 50. Todestag just auf den selben Tag wie das Jubiläum fällt.

Der Standort indes sei hoch umstritten gewesen, so Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim. Jahrelang konnten die Haller im Zentrum baden, dann sollten sie zu Fuß oder mit dem Rad auf die Höhe. „Der Stadtrat hat sich in die Haare bekommen. Es kam zu einer Kampfabstimmung.“ Letztlich hätten die Haller Glück gehabt. Eine solche Entwicklung, wie das Schenkensee in den Kreuz­äckern genommen hat, wäre im engen Stadtzentrum nicht möglich gewesen. „Heute haben wir hier ein fantastisches Gelände“, so der OB. Das Bad sei eingebettet „in einen großartigen Baumbestand“. Es biete ein attraktives Angebot für Kinder und Erwachsene und locke Besucher aus der ganzen Region.

Gefangene müssen anpacken

Bis dahin war es aber ein weiter Weg. Gentner erinnert an die Kriegswirren: Die Hitlerjugend absolvierte für den Bau Arbeitseinsätze. Auch Kriegsgefangene mussten anpacken. Als das Bad 1942 eröffnete, fehlten noch einige Jahre lang die Leitern und Geländer für den Sprungturm, der dennoch nach waghalsigen Klettermanövern genutzt wurde.

Oliver Storz, der damals dort noch den Mädchen hinterhergeschaut hat, hat dem Schenkensee 2008 mit seinem Roman „Die Freibadclique“ ein literarisches Denkmal geschaffen. Er berichtet aus der Zeit des Krieges und der darauffolgenden Phase mit den US-Amerikanischen Besatzern.

Dunkelhäutige US-Soldaten mussten 1952 noch draußen bleiben, erinnert Gentner. Ein Kommandant habe aber verfügt, dass dienstags und freitags „ohne Rücksicht auf Nationalität und Rasse“ gebadet werden dürfe. Heute sei freilich jeder willkommen, so der Stadtwerke-Chef.

Bereits zu Beginn waren es im Jahr rund 48 000 Besucher, 1959 sogar 150 000. Einen Knick, so Pelgrim, habe es 1980 mit 54 000 Besuchern gegeben. Seither baue das Bad sein Angebot stetig aus. Ein Hallenbad kam hinzu, ein Saunapark, Gastronomie, Fitnessstudio und 2004 die große Umgestaltung des Freibads, trotz der Finanzkrise, in der Hall damals steckte. „Das war eine Investition in die Zukunftsinfrastruktur der Stadt“, meint Pelgrim.

Neben Badetouristen kommen auch Stammschwimmer, etwa Gerlinda Urban. Mit 70 Jahren hat sie kürzlich die deutsche Meisterschaft in 100-Meter-Brustschwimmen in ihrer Altersklasse errungen.  Sie lobt das Schenksee, das als eines der wenigen Häuser Freibad und Hallenbad kombiniere „Das 50-Meter-Becken gab es auch schon, als ich als 21-Jährige nach Hall kam. Das war aber aus Beton und nicht so modern.“

Party und Konzert

An diesem Tag genießt sie den Blick von der Wiese, während im Wasser Spielgeräte aufgebaut werden. Trotz wechselhaftem Wetter kommen Hunderte. Bei freiem Eintritt erleben sie eine Open-Air-Party, Konzert, Kleine Sieder und Feuershow – „in einem der schönsten Bäder der Region“, wie Gentner „mit viel Stolz“, sagt.

Die Stadtwerke teilen mit, dass im Schenkenseebad vom 31. Juli bis voraussichtlich 11. August „umfangreiche Sanierungs- und Renovierungsarbeiten“ durchgeführt werden müssten. Das Hallenbad, der Saunapark, der Kassen- und Eingangsbereich sowie der Backshop seien in dieser Zeit geschlossen. Das Freibad bleibe während der Schließwochen aber weiter nutzbar. Geöffnet ist montags bis freitags, 7 bis 20 Uhr, samstags und sonntags, 8.30 bis 20 Uhr. thumi

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