Aufgewühlt und abgeklärt

Dem neuen Organisationsteam der Kirchberger Schlosskonzerte gelingt mit dem Gastspiel des Aris Quartetts ein vielversprechender Auftakt.

|
Das junge Aris Quartett mit (von links) Anna Katharina Wildermuth und Noémi Zipperling (Violinen), Caspar Vinzens (Viola) und Lukas Sieber (Violoncello) überzeugt beim Auftakt zu den Kirchberger Schlosskonzerten.  Foto: 

Franz Schuberts fast unscheinbarer Quartettsatz in c-Moll D 703 war es, der am Sonntagabend bei der Eröffnung der Kirchberger Schlosskonzertereihe am meisten Aufmerksamkeit erregte. Das junge Aris Quartett, das 2016 einen zweiten Preis und den Publikumspreis beim Internationalen ARD-Musikwettbewerb gewinnen konnte, verstand es, musikalische Gegensätze zuzuspitzen, ohne die Einheitlichkeit des Satzes in Frage zu stellen.

Dafür hatten die vier Musiker ein fließendes Tempo gewählt, das aber immer noch ermöglichte, Gesangspassagen ausdrucksvoll geatmet auszugestalten. Demgegenüber wirkten die mit dem Tremolo zu spielenden Einbrüche wie Erschütterungen. So erschien die Interpretation beinahe wie eine Psychoanalyse. Wer nun gedacht haben sollte, dass dieser Eindruck mit dem nachfolgenden Werk, Béla Bartóks fünftem Streichquartett, weggewischt werden würde, sah sich  getäuscht. Zwar gingen die Mitglieder des Aris Quartetts den ersten Satz mit kompromissloser Klangschärfe an, doch blieb neben den rhythmisch aufgerauten Momenten noch genügend Raum für gesangliches Formulieren.

Leierkästen parodiert

Ein aufgewühlter Tonfall beherrschte auch das Pendant in der fünfsätzigen Symmetrie des Werks, den finalen Satz. Den gaben die Musiker lustvoll ausgespielt wieder und gewährten dabei humorvolle Seitenblicke, etwa bei der Parodie von Leierkastenklängen.

Im Zentrum des Streichquartetts steht der Scherzosatz im bulgarischen Stil. Tänzerisch-folkloristisches Pulsieren ließen die Violinspielerinnen Anna Katharina Wildermuth und Noémi Zipperling, Bratschist Caspar Vinzens und Cellist Lukas Sieber dabei auf Momente der Zerrissenheit treffen. Etwas kecke Glissandobewegungen zu gezupften Tönen bestimmten zunächst den zweiten  Satz, gefolgt von klar herausgestelltem Springbogenspiel und leidenschaftlich erregten Tönen.

Dagegen gingen die Musiker den ersten langsamen Satz mit Trillermotiven vorsichtig tastend an. Der nachfolgende Streichergesang erhielt einen harmonisch beruhigenden Grundton. Zum Tremolieren der zweiten Violine wurde die Intensität gesteigert, ehe alles in Trillern verfloss.

Einige kleine Parallelen finden sich von diesem Werk Bartóks zu den späten Streichquartetten Ludwig van Beethovens. Dazu gehört der Streichergesang in jenem Satz ebenso wie das kontrapunktische Verarbeiten. In Beethovens cis-Moll-Streichquartett op. 131 findet sich dies besonders in den beiden Ecksätzen.

Ehe alles in Trillern verfließt

Bemerkenswert bei der Wiedergabe des Aris Quartetts war im Schlusssatz, dass der Tonfall zwar geschärft, aber nicht so übertrieben wie bei vielen anderen Ensembles dieser Generation ausfiel. Im Eingangs-Adagio stach die klangliche Homogenität des Ensembles heraus, ohne die Vielstimmigkeit zu verschleiern.

Dazwischen – neben den drei Sätzen mit Übergangscharakter des ohne Unterbrechung zu spielenden Werkes – brachten die vier Musiker den Variationensatz zum Blühen.

Neben dem verdichteten Ineinandergreifen der Stimmen war da fassungsloses Stocken ebenso zu vernehmen wie kraftvolle Einspruchsfiguren im Violoncello oder abgeklärte Heiterkeit. Dem Presto-Satz verlieh das Aris Quartett bei aller Flüchtigkeit in so mancher Wendung auch Witz.

Lang anhaltender Beifall

Mit dem vor Spiellust sprühenden, raschen und fugierten Schlusssatz aus Beethovens Rasumowsky-Quartett op. 59 Nr. 3 bedankte sich das Ensemble für den lang anhaltenden und begeisterten Beifall des Publikums im gut besuchten Kirchberger Rittersaal.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Download: Haller Stadträte zum Doppelhaushalt

25 Räte sind dafür – sechs dagegen. Die Reden der Fraktionen zum Haushalt gibt es hier zum Download. weiter lesen