Auf Zeitreise darf gelacht werden

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    Offenes Lachen, wache Augen und eine zugewandte Erscheinung: Dirk Schäfer beim Cappuccino in einem Haller Café. Foto: 
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    Erste Probe am Mittwoch auf der Treppe. Foto: 
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Dirk Schäfer wirkt auf andere Menschen. Wer ihm gegenübersteht, sieht in zwei hellwache, warm und neugierig blickende Augen. Seine tiefe Stimme erfüllt mühelos den Raum. Und auch auf der Bühne hat er eine starke Präsenz. Der Dramaturg der Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Florian Götz, sagt über ihn: „Die Bühne ist zu klein für Dirk Schäfer.“ Höhenangst kennt der Schauspieler nicht. Deshalb konnte ihn die steile Treppe in Schwäbisch Hall, wo er dieses Jahr erstmals dem Ensemble angehört, auch nicht verunsichern. Kürzlich stand er das erste Mal mit seinen Schauspielkollegen des Brenz-Stückes auf den Stufen vor St. Michael. „Ich fand das klasse. Die Akustik ist schön. Der Markt gibt einem was zurück. Die Treppe ist ein guter Theaterraum.“ Angst davor, Fehler zu machen, hat der gebürtige Aachener keine. „Ich versuche, nicht in richtig und falsch zu denken. Durch ,Fehler’ kann neue Kreativität entstehen. Und das ist ein Punkt, an dem Humor anfängt.“

Auch Lampenfieber ist ihm fremd. „Sicher, ich bin manchmal sehr aufgeregt“, gibt Dirk Schäfer gerne zu. „Aber nie so, dass ich nicht raus wollte auf die Bühne. Ich empfinde es als Abenteuer, Menschen im Publikum zu begegnen und nicht zu wissen, wie sie reagieren.“ Dass er seit einigen Jahren als freier Schauspieler ohne Festanstellung arbeitet, findet er befreiend. Die Unsicherheit seines Berufs hat ihn nie abgeschreckt. „Ich kann mir Zeit nehmen fürs Denken, Spinnen und Kreativsein“, sagt er. Auch seine Frau ist Schauspielerin. Und inzwischen tritt selbst sein 14-jähriger Sohn am Theater auf.

Einige Wochen hat Dirk Schäfer nun Zeit, das Brenz-Stück zu proben. Am 17. Juni feiert das Drama über den Haller Reformator, das eigens für die Freilichtspiele entwickelt wurde, Premiere. Nach „Die Tochter des Salzsieders“ wird im Lutherjahr 2017 die Theatertreppe also erneut als historischer Ort bespielt. „In der Rolle des Johannes Brenz habe ich viel Text und viele Gedanken zu durchdringen“, erzählt Schäfer. Hektik komme dennoch keine auf. Dafür sorge auch Intendant Christian Doll, mit dem er bereits zwei Jahre in Bad Gandersheim zusammengearbeitet hat. „Fünf Wochen Probenzeit mit Christian fühlen sich an wie drei Monate“, erzählt Schäfer. Auch die Stimmung im Ensemble sei familiär. Abends sitzen die Schauspieler schon jetzt – nach nur wenigen Probentagen – zusammen, essen und diskutieren. Auf der Großen Treppe wollen Dirk Schäfer und das Brenz-Ensemble nicht nur die Reformation spannend erlebbar darstellen. Sie wollen auch eine Diskussion anregen, etwa über die Frage, wo sich Religion heute hinbewegt – und dies durchaus humorvoll. „Wir machen kein Historien­spektakel und flüchten uns mit dem Brenz-Abend nicht aus dieser Welt“, sagt Schäfer. „Die Zeitreise wird immer wieder gebrochen, und es wird ins Heute zurückgeführt.“

Er singt auch

In eine andere Welt entführt Schäfer die Besucher des Eröffnungsfestes im Theaterzelt. Am 10. Juni singt er dort „TangO.und Piaf!“, zusammen mit dem Trio Total. Er verspricht ein Konzert über das Führen und Verführen und einen Versuch über die Liebe. Dirk Schäfer wird Tangochansons von Edith Piaf, Astor Piazzolla, Boris Vian und anderen singen. Die französische Sprache hat es ihm angetan, vor allem, wenn es um Liebeslieder geht. „Für Liebeslieder eignet sich die deutsche Sprache nicht so gut, sie ist nicht so emotional.“

Und Emotionen sind wichtig in Schäfers Beruf. Er selbst wird auch emotional, wenn er über die Arbeit des Schauspielers spricht – von der „Hingabe an etwas Größeres“. Er ist überzeugt davon, mit Neugierde und Visionen auf der Bühne etwas bewegen zu können. Diese Leidenschaft soll sich schon bald auch auf das Theaterpublikum in Schwäbisch Hall übertragen.

Dirk Schäfer wurde am 6. April 1967 in Aachen geboren. Er studierte Schauspiel am Mozarteum in Salzburg. Nach einem Aufenthalt in Japan, wo er die Grundlagen des Butoh-Tanzes erlernte, arbeitete er als Schauspieler und Sänger unter anderem fest am Theater Kiel und gastweise am Thalia Theater Hamburg, den Hamburger Kammerspielen, dem Theater Erfurt, sowie an der Hamburgischen Staatsoper. In Kiel initiierte er 1999 erstmals den Jacques-Brel-Abend, der seitdem an verschiedenen Bühnen mit großem Erfolg gespielt wurde. Bei den Freilichtspielen Hall ist er auf der Treppe in der Rolle des Johannes Brenz und als Sänger beim Eröffnungskonzert im Zelt zu erleben. Dirk Schäfer ist verheiratet und hat einen Sohn. Er lebt in Kiel. buf

„Freilichtspiele Proben Bitte nicht stören“ steht auf den Schildern am Marktplatz. Rot-weiße Absperrketten sind um die Große Treppe gespannt. Auf dem Platz stehen Stühle für Regisseur und Team. Auf den Stufen sind die Schauspieler in Aktion. Es ist ein vertrautes Bild in Hall, das seit Mittwochabend nun wieder regelmäßig auf dem Marktplatz zu sehen ist.
Doch bevor die Akteure vor dieser ersten Bühnenprobe die Stufen erobern, gibt es vom Technischen Leiter Christian Gentner eine Sicherheitseinweisung. Er erklärt, wie man sich bei Gewitter zu verhalten hat, dass der Durchgang zwischen Bühnenwand und Kirchenmauer stets frei bleiben muss und dass Unfälle „und seien sie noch so klein“ immer gemeldet werden müssen. Das Team lauscht aufmerksam. „Wir dürfen im Grunde alles machen, aber wir müssen uns immer über die Situation und die Gefahr im Klaren sein“, appelliert er an die Kollegen. Auch Intendant Christian Doll bittet die Künstler, auf sich zu achten: „Die Treppe ist nicht ungefährlich.“

Nach einem Rundgang durchs Class-Gebäude, wo neben der Schneiderei auch die Maske und die Garderoben untergebracht sind, geht es auf die Theaterstufen, die noch von der Abendsonne beschienen werden. „Denkt später unbedingt an einen Sonnenschutz“, warnt Jürgen Müller. Der Bühnentechniker hat jahrelange Erfahrung mit der Theaterarbeit auf der Treppe. Und er weiß auch, dass es bei den Abendproben bitterkalt werden kann. Schließlich geht jeder auf seine Position. Die Probe beginnt. Der Countdown läuft: „Brenz 1548“ hat am 17. Juni Premiere. blo

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