BAP auf Zeitreise in Ilshofen

Wolfgang Niedecken führt gut 1000 Zuhörer in der Arena Hohenlohe durch das Schaffen seiner Band BAP. Das ist eng verwoben mit der Geschichte der Bundesrepublik.

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BAP, das zeigt nicht nur die Bühnenleinwand deutlich, ist in erster Linie das Werk von Wolfgang Niedecken. Seine teils deutlich jüngeren Mitmusiker schaffen für seine Songs aber ein passendes Gerüst.  Foto: 

Der Nebenmann hat nicht viel Zeit zum Zuhören. Er kennt sich aus mit BAP und Wolfgang Niedecken. Und dieses Wissen muss mitgeteilt werden. Zum Beispiel seiner Nebenfrau. „Ein Schlagzeugsolo wäre jetzt geil“, brüllt er ihr ins Ohr. Bier schwappt aus dem Becher. „Schlagzeugsolo, das hat’s früher immer gegeben.“ Die Frau versucht sich der aufgedrängten Kommunikation zu entziehen. Vergeblich.

Ist das jetzt einer dieser Vollkaskodesperados, die Niedecken später im Konzertverlauf besingen wird? Einer jener Fans, die nach Selfies mit dem Sänger gieren? Klagen, dass die Band früher politischer gewesen sei, seit 1985 kein Album mehr gehört haben und selbst als Versicherungsagent arbeiten? „Bildt dä sich allen Ernstes enn, du bröhts sing Zostimmung für dat, wat du mähß?“, heißt es dazu im Song. Die Antwort kann man sich denken und natürlich hat Niedecken recht.

Hang zur Selbstreflexion

Trotzdem steht dem 65-Jährigen das Hadern mit Teilen der eigenen Anhängerschaft nicht besonders gut. Vielleicht ist es das fortschreitende Alter, das Wissen um die eigene Vergänglichkeit (Niedecken erlitt 2011 einen Schlaganfall), das ihn vor allem in den neueren Songs zur Selbstreflexion treibt?

„Wir haben eine Steckdose gefunden, an der wir noch nicht gespielt haben – in Ilshofen.“

Immerhin sechs Songs vom aktuellen Album „Lebenslänglich“ spielen BAP beim Konzert in Ilshofen. Grobkörnige Bilder flackern dazu über die gewürfelte Leinwand im Rücken der Band. Sie zeigen Niedecken in jungen Jahren oder aktuell mit Hund am Rhein, manchmal tauchen auch alte Mitstreiter wie Klaus „Major“ Heuser auf. Oft singt Niedecken von sich in der dritten Person. Und meist klingt es nach Rückschau, nach einer Art Lebensbilanz zwischen Dankbarkeit („Dä Herrjott meint et joot met mir“) und Wehmut („Alles relativ“) – es sind die schwächeren Momente dieses Konzerts.

Warum der Abend mit Wolfgang Niedecken und seinen Mitmusikern dennoch großartig war? Dafür finden sich einige Gründe.

Die Songs, selbstverständlich. BAP können es sich leisten, mit „Frau, ich freu mich“ und „Ne schöne Jrooß“ gleich zwei ihrer Klassiker an den Anfang des 3,15-Stunden-Auftritts zu setzen. Dass „Jraaduss“ und „Do kanns zaubere“ nichts von ihrer Schönheit, „Anna“ oder „Alexandra nit nur do“ nichts von ihrer Kraft und „Stell dir vüür“ nichts von seinem Witz verloren haben, durfte man hoffen. Doch auch die Lieder aus den Neunzigerjahren, als BAP schon nicht mehr der strahlendste Stern am Deutschrockhimmel waren, haben die Jahre überraschend gut überstanden. „Rita mir zwei“, zum Beispiel, das im dritten Zugabenblock auftaucht, oder „Paar Daach fröher“ vom „Pik Sibbe“-Album.

Dazu kommt: Wolfgang Niedecken hat mit Werner Kopal (Bass), Michael Nass (Piano, Orgel), Anne de Wolff (Gitarre, Geige, Xylophon, Posaune), Ulrich Rode (Gitarre) und Sönke Reich (Schlagzeug) eine solide, spielfreudige Band um sich geschart, die sichtlich Spaß auf der Bühne hat. Vor allem die Virtuosität von Ulrich Rode und Anne de Wolff, im Privatleben ein Paar, tut gerade den älteren Liedern gut.

Ritt durchs Repertoire

Und der Chef selbst? Auch wenn seine Ansagen und Bonmots auf der aktuellen Tour nur in Nuancen voneinander abweichen und die berühmte Zeile aus „Verdamp lang her“ („ob ich jetz do benn, wo ich hinjewollt hann – klar, in Ilshofen, Mann!“) nur ironisch zu verstehen ist: Niedecken genießt den Ritt durchs Repertoire und es scheint ihm auch nichts auszumachen, dass die Arena in Ilshofen zusätzlich zu den vielleicht 1000 Besuchern an diesem Freitagabend noch einmal die selbe Menge an Fans hätte fassen können.

Denn auch dieser Erfolg ist ja nicht selbstverständlich für eine Band, deren Mundart-Texte nach wie vor nur bruchstückhaft verständlich sind, von dessen Ursprungsbesetzung nur noch ein Mitglied übrig ist und dessen größter Singles-Charts-Erfolg mit Platz zehn von 1988 stammt („Fortsetzung folgt“) und eigentlich nicht mal zum BAP-schen Klassikerkanon gehört.

Ein Stück Bundesrepublik

Immerhin: Eben jenes „Fortsetzung folgt“ findet sich 2016 wieder im Live-Repertoire und wie unfassbar lange diese Band schon dabei ist, wird an der Anekdote deutlich, die Niedecken zu diesem Song erzählt: Man habe ihn damals bei „Wetten, dass…?“ vorgestellt. Just in jener Sendung, in der der Satiriker Bernd Fritz mit seiner getürkten Buntstift-Wette das ZDF erschütterte.

„Ein zynischer Kotzbrocken wird Präsident von Amerika. Das ist doch einfach unfassbar.“

So kann man das Werk von BAP auch durchaus als Zeitreise durch eine Epoche bundesrepublikanischer Geschichte begreifen. „Stell dir vürr“ etwa, das von den absurden Gewissensbefragungen für Wehrdienstverweigerer handelt. Oder „Jupp“, die Ballade vom Penner am Severinsstor, der alle möglichen Räuberpistolen erzählt. Von Katmandu und Peking, von „Kokosnöss un Packeis“. Nur von Stalingrad erzählt er nie: „Wo litt dann Stalingrad, en welchem Land ess dat?“ Die Wehrpflicht ist abgeschafft, „Wetten, dass…?“ eingestellt und der Großteil der Soldatengeneration längst gestorben.

Man kann Niedecken nicht dankbar genug sein, dass er diese Geschichten festgehalten und vertont hat. Die Zuschauer in Ilshofen scheinen das genauso zu sehen, erklatschen und ertrampeln sich drei Zugaben. Und das Schlagzeugsolo für den Nebenmann gibt’s am Ende auch noch.

Drummer Sönke Reich übrigens ist Jahrgang 1983. Das Jahr, in dem „Für usszeschnigge!“ nach 81 langen Wochen aus den LP-Charts verschwunden war.

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