Auf Spurensuche des Kunstmalers Zipperer

Die Familie des 1982 verstorbenen Kunstmalers Ernst August Zipperer ist dabei ein Werksverzeichnis zu erstellen. Viele Bilder sind in der Region entstanden.

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Wie die berühmten Kirchenmaler hat Ernst August Zipperer 1934 Teile der Tannenburg von innen bemalt: Im Treppenhaus scheucht ein junges unbeschwertes Reh einen Schwarm Fantasie-Vögel auf, die an Reiher oder Kraniche erinnern. Vera Prior, Lara Ziegler, Ernst Martin Zipperer, Lothar Zipperer (von rechts) betrachten das Werk.  Foto: 

Sein größter Fehler war seine Vielseitigkeit“, beschreibt Ernst Zipperers Tochter Vera Prior (85) ihren Vater. Denn Ernst August Zipperer (1888 bis 1982) habe wunderbar Klavier gespielt, wunderschön gezeichnet und wundervolle Geschichten erzählt, erinnert sich das Kind an den Vater. Als Erwachsene weiß sie, dass viele Begabungen nicht zur Entfaltung gekommen sind, weil zwei durchlebte Weltkriege Spuren hinterlassen haben. An Land und an Leuten.

Zipperer aber sei ein Kämpfer gewesen – mit Körper, Geist und Seele. Wie ein Turner, der er auch war. Die Landesturnanstalt Spandau bescheinigte ihm am 11. November 1913, „dass seine turnerischen Leistungen und Fertigkeiten das Maß dessen, was nach den Vorschriften gefordert wird, weit übersteigen“. Was Enkel Ernst Martin Zipperer (66) spontan bestätigt: „Mein Opa konnte mit 70 noch den ganzen Innenhof der Tannenburg entlang auf den Händen laufen.“

„Mein Opa war seiner Zeit voraus.“
- Lara Ziegler, Urenkelin von Ernst August Zipperer

Der Talente nicht genug, habe er überlegt, Architekt zu werden, um seine mathematischen und zeichnerischen Fähigkeiten zu kombinieren. Er verwarf den Gedanken aber und entschied sich für die freie kreative Kunst. Abgesichert als Beamter, denn von 1918 bis 1939 war er Zeichenlehrer am  Humanistischen Gymnasium Berlin-Friedenau. Nachdem die Qual der Wahl ein Ende gefunden hatte, liest sich Ernst Zipperers Lebenslauf fortan wie der eines Malers. Eines auffallend vielseitigen Malers, sowohl in der Materialauswahl als auch der Auswahl der Motive: 1903 bis 1917 Frühwerk, Bleistift- und Farbstiftzeichnungen. 1918 bis 1939 Kaltnadelradierungen von Kirchen, Schlössern, Häusern, Industrieanlagen. 1940 bis 1950 künstlerische Pause, Bewirtschaftung der Tannenburg bei Bühlertann. 1950 bis 1972 farbige Ölkreidezeichnungen, Temperazeichnungen und Heliogravüren mit Pastellzeichnungen als Vorlage, vorrangig von Landschaften, Bäumen, Pflanzen, Tieren.

Sein Enkel Lothar Zipperer (64), der sich seit über zwei Jahren intensiv mit der Katalogisierung des Vermächtnisses seines Großvaters beschäftigt, geht davon aus, dass Zipperers Gesamtwerk rund 2000 Motive umfasst. Da der Großteil Radierungen sind, dürfte die Zahl der gedruckten Werke noch um ein Vielfaches höher sein.

Sieht man genauer hin, kommen Zweifel auf, ob man dem Menschen Ernst August Zipperer gerecht wird, wenn man schreibt, dass er sich unter seinen Talenten ausschließlich für das Zeichnen entschieden habe. Ein Beispiel: In seiner ersten großen Schaffensperiode in Berlin wird Zipperer Mitte der 1930er-Jahre gebeten, eine Radierung von der neuen Hallenkonstruktion des Berliner Ostbahnhofes zu machen. Für seinen Bildentwurf wählte er einen Standort in der oberen Hallenwölbung: wackelig, beengt, von Lokomotivqualm belästigt, jedoch ideal, um die architektonische Perspektive aus dem Zentrum heraus einzufangen. Ein Maler hätte von unten skizziert. Ein Architekt aus dem Gewölbe heraus. Und Zeichenlehrer Zipperer? „Sitzt waghalsig im Gewölbe, während ihm die Schulklasse von unten zusieht“, erzählt Vera Prior. „Mein Opa war seiner Zeit voraus. Sowohl im Denken als auch in seinen Unterrichtsmethoden. Von frontalem Lehrermonolog hielt er schon damals nichts“, sagt Grund- und Hauptschullehrerin Lara Ziegler (41), die Urenkelin von Zipperer.

Vom Bleistift zur Kreide

Im Spätwerk, knapp 20 Jahre später, setzte Zipperer Musik, bevorzugt Bach und Tschaikowski, in Farben und Formen um (Serie „Der Zauber der Musik“). Diese Bilder markieren nicht nur den Wechsel von Bleistift zu Kreide und Öl, sondern auch den Übergang vom Natürlichen zum Abstrakten. Zipperer war kein Komponist der Noten, dafür einer, der es verstand, Farben und Formen musikalisch zu Papier zu bringen. Zeichnete Zipperer jedoch einige Zeit abstrakt, was er humorvoll als Larifari bezeichnete, habe es ihn immer wieder zum Gegenständlichen zurück gezogen, erinnert sich Prior. „Jetzt muss ich wieder Gänseblümchen malen“, habe er dann gesagt.

Schüler dankten ihm

Zipperer blieb seinen vielen Talenten treu. So wie er sich selbst treu blieb. Seine Frau Elisabeth Nestler lernte er als 15-jähriges Mädchen kennen und blieb an ihrer Seite bis zu ihrem Tod 1977. Als guter Schwabe baute er in den Zwanziger Jahren in Berlin-Lichterfelde für seine Familie ein Haus. Und wie ein braver Bürger zog er nachts nicht durch die Klubs, sondern ging artig zu Bett. Denn am frühen Morgen klingelte der Wecker zur ersten Stunde am Gymnasium. Gezeichnet wurde erst in der Freizeit. Zipperer liebte seinen Beruf und seine Berufung, was ihm die Schüler dankten. „An seinem 75. Geburtstag trafen sie sich in Aalen, im Kofferraum ein Picknick, und überraschten ihren ehemaligen Lehrer auf der Tannenburg damit“, erzählt Prior. Auch politisch war er klar und konsequent. Er trat in die NSDAP ein, „weil sie Ordnung schuf“, und distanzierte sich 1936 wieder, als er durchschaute, was passierte. Er verkaufte seine bequeme Villa in Berlin und tauschte sie gegen eine kalte heruntergewirtschaftete Stauferburg am anderen Ende Deutschlands, um sich und seine Familie aus der Schusslinie zu bringen, nachdem er als „dem jüdischen Volke wohlgesinnt“ entlarvt wurde. Wohl wissend, dass dies eine künstlerische Schaffenspause mit sich bringen würde, denn die zur Burg gehörende Hofstelle musste bewirtschaftet werden.

Erst als er 1950 die Burg an seinen Sohn weitergibt, zieht er mit seiner Staffelei und seinem Stühlchen wieder los. Nicht mehr zu architektonischen Wunderwerken, sondern in die Natur Gottes. Er malt, was er sieht: Wege, Pflanzen, Bäume, Wolken. Und haucht ihnen außer dem Atem der Schöpfung immer auch eine Prise Zipper’sche Poesie ein.

Im Infokasten unserer Printausgabe vom 9. Februar ist uns in dem Bericht „Auf Spurensuche“, der sich mit dem künstlerischen Vermächtnis Ernst Zipperers befasst, ein Fehler unterlaufen. Der Enkel des Kunstmalers, Lothar Zipperer, möchte keine Werke erwerben oder verkaufen. Vielmehr sucht er Personen, die bisher ihm unbekannte Bilder, insbesondere Originale, besitzen und bereit sind, ein Foto für die Ergänzung des Werkverzeichnisses zur Verfügung zu stellen. So können Menschen aus der Region dazu beitragen, dass die Erinnerung an das künstlerische Werk Ernst Zipperers erhalten bleibt. Lothar Zipperers E-Mail-Adresse lautet lothar.zipperer@gmx.de

Im Mai 2018 wird sich eine Ausstellung im Hällisch-Fränkischen Museum dem Lebenswerk Ernst Zipperers widmen.

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