Klarinette näselt als Lehrer Lämpel

Wilhelm Buschs Lausbuben "Max und Moritz" treiben in Hall ihr Unwesen - nicht nur in der Kunsthalle Würth. Am Mittwoch gastierten sie als Musiktheater der Stuttgarter Philharmoniker im ausverkauften Neubau-Saal.

MAYA PETERS |

"Habt ihr Max und Moritz gelesen?", fragt der Dirigent Olivier Tardy das junge Publikum, statt ihm nach der begrüßenden Verbeugung den Rücken zuzuwenden. Bejahendes Rufen der rund 600 Kinder im Haller Neubau-Saal schallt zurück. Viele der Reime von Wilhelm Busch sind als geflügelte Worte bekannt: "Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich" oder "Bosheit ist kein Lebenszweck".

Nah an den Bedürfnissen der Kinder ab fünf Jahren lässt Tardy die Stuttgarter Philharmoniker zunächst nicht einfach drauflos spielen. Er beginnt vielmehr eine kleine Vorstellungsrunde der 15 Schlaginstrumente und der musikalischen Themen. Zu den Lausbuben Max und Moritz gehört ein freches, signalartiges Motiv, gespielt vom Saxofon. Meister Böck wird durch den dünneren, näselnden Ton der Klarinette charakterisiert. "Und wie klingt der Lehrer Lämpel?", fragt der Dirigent das junge Publikum. Eine getragene, barocke Melodie ertönt als Antwort. "Für mich etwas langweilig", kommentiert Tardy mit leichtem französischen Akzent.

Noch während er spricht, huscht der Kontrabassist fast wie ein Clown hin und her und versucht den übergroßen Schrankkoffer auf der linken Bühnenseite zu öffnen. Darin befindet sich sein Instrument. Aus den Zuschauerreihen ist Kichern zu hören. "Wir fangen trotzdem an, oder?", fragt der Dirigent rhetorisch. Nun wird der Neubau-Saal zum Konzertsaal - mit weiterhin komischen und unterhaltenden Effekten.

Prisca Maier (Max) und Cornelius Nieden (Moritz) singen und sprechen die sieben Streiche nach. Der originelle Schrankkoffer ist die wichtigste Requisite, er wird Haus, Zimmer und - umgestürzt - zur Mühle. Die Tür und die Klappe mit beschreibbarer Tafel verwandeln den kleinen Raum in eine Bühne auf der Bühne. Ein simples Kissen steht fürs Federvieh, ein Streicherbogen ist mal Angel, mal Säge. Die Musik begleitet und verstärkt das Tun der beiden Schauspieler. Sie sind in Sprache, Gestik, Mimik und Gesang überzeugend. In der musikalischen Umsetzung kann man das Mühlenklappern, das "Ritsche-Ratsche" oder das letzte Eierlegen der sterbenden Hühner deutlich erkennen.

Komponist Gisbert Näther (geboren 1948) arbeitet bei Max und Moritz mit Klangmalerei, das Stück wurde 1996 uraufgeführt. Die Orchestermusik ist für die Kinder gut verständlich und trotzdem anspruchsvoll. Einige Musiker spielen bei dem szenischen Konzert neben den Instrumenten kleine Rollen: Der Klarinettist wird zum Lehrer Lämpel, sein Instrument zur Meerschaumpfeife. Einem Geiger spielen Max und Moritz wiederholt Streiche. Der Dirigent schlüpft in die Rolle des Onkel Fritz. Zur Musik legt er sich über das Geländer seines Podests, das Orchester spielt ihn in den Schlaf. Die fantasievolle und unkonventionelle Musik passt sich den Charakteren an. Musik, Schauspiel und Sprache finden in dem Stück zu einer Einheit, die gut zu den komischen Reimen Wilhelm Buschs passt - und den erhobenen Zeigefinger auch mal vergessen lassen.

Die lauten Zugabe-Rufe der jungen Zuhörer haben Erfolg: Das letzte Lied wird wiederholt, der Applaus ist kräftig. Und später auf dem Weg zum Marktplatz pfeift ein Junge noch lange das eingängige Motiv von Max und Moritz.

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