NSU-Untersuchungsausschuss: Die Familie von Florian H. berichtet

Laptop und Handy wurden nicht ausgewertet, das Umfeld nicht richtig befragt. Die Familie von Florian H. berichtete vor dem NSU-Untersuchungsausschuss von Zweifeln und schlampigen Ermittlungen.

THUMILAN ... |

Sein Vertrauen in die Behörden ist zerstört. Er und seine Familie fühlen sich alleingelassen. "Was meinen Sie, wie uns das den Boden weggerissen hat?" Gerhard H., 58, sitzt am Montag sichtlich angespannt vor dem NSU-Untersuchungsausschuss in Stuttgart und spricht über den Tod seines Sohnes.

Laut offizieller Theorie soll sich Florian H. am Morgen des 16. September 2013 am Rande des Cannstatter Wasens  aus Liebeskummer mit Benzin überschüttet und sich in seinem Peugeot 306 selbst angezündet haben.  Sowohl Gerhard H. als auch seine Tochter Tatjana (29) berichteten allerdings, dass sie dazu nie ernsthaft von den Ermittler befragt wurden und große Zweifel an der These haben. Auch die damalige Freundin wurde nie vernommen. Sie äußerte sich erstmals - unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor den Mitgliedern des Untersuchungsausschusses.

Das Gremium befasst sich mit dem Fall, weil Florian H. ein früher Hinweisgeber zum Polizistenmord in Heilbronn gewesen sein soll. Laut seinem beruflichen Umfeld habe er bereits im Sommer 2011 davon berichtet, dass Neonazis hinter dem Mord stecken könnten - Monate vor dem Auffliegen des Nationalsozialistischen Untergrunds.

"Die gehen über Leichen"

Gerhard H. ist überzeugt, dass sein Sohn in jenem Sommer konkret vom NSU sprach. Auch der Begriff NSS, "Neoschutzstaffel", sei damals gefallen - als radikale Untergruppierung der Standarte Württemberg. "Denen ist ein Menschenleben egal. Die gehen über Leichen" - das habe Florian H. seinem Vater berichtet. Der junge Mann habe auch gesagt, der NSU-Prozess in München sei eine Farce, weil die Mörder von Kiesewetter Rechtsextreme aus der Region Heilbronn seien. Der Vater spricht von einer Drohkulisse, falls er auspacken würde, weil er aussteigen wollte.

Die Hinweise von H. machten damals auch die Beamten des Aussteigerprogramms Big-Rex im Landeskriminalamt neugierig. Vater Gerhard H. kritisiert, dass sie ihm als Vorwand Schutz angeboten haben, um ihn dann wie eine Kuh zu melken, um an Informationen zu gelangen. "Mein Sohn ist jämmerlich gehängt worden." Der Druck aus der Szene habe zugenommen, auch der von der Polizei. Davon berichtet auch die Schwester. Florian H. sei von Rechtsextremen als Bote genutzt worden, auch für Drogen. Er habe immer wieder Schusswaffen für die anderen deponiert. Bei einer Hausdurchsuchung seien einige Waffen gefunden worden. "Ich glaube, der Florian hat einfach zu viel gewusst." Sie ist überzeugt: Ihr kleiner Bruder musste sterben.

Sie beschreibt dem Ausschuss das letzte Wochenende von Florian H.. Freitags hätten sich LKA-Beamte gemeldet, um ihn nochmals zu seinen Hinweisen zum Polizistenmord zu befragen. "Als er davon erfuhr, geriet er in Panik", schildert die Schwester teilweise unter Tränen. Die Beamten machten einen Termin für Montag, 17 Uhr, in Geradstetten, wo seine überbetriebliche Ausbildungsstätte ist. Doch dazu kam es nicht mehr. Am Sonntagabend sei Florian H. von einer unbekannten Person angerufen worden. "Er war danach sehr verstört." Gegen 18 Uhr sei der damals 21-Jährige dann nach Geradstetten aufgebrochen, aber kurz darauf zurückgekehrt, weil er Arbeitsschuhe und Geodreieck vergessen hatte. Die Nacht selbst lässt sich schwer rekonstruieren. Florian H. holte Kollegen ab, kaufte unterwegs einen Kanister, füllte diesen mit Benzin und kam gegen 21 Uhr in Geradstetten an. Er ließ seine Kollegen aussteigen und fuhr weiter. Gegen Mitternacht wird sein Auto von Zeugen am Wasen gesehen, gegen 9 Uhr gerät es in Brand. Florian H. stirbt qualvoll. Im toxikologischen Gutachten ist von einem Medikamentencocktail die Rede, der ihn handlungsunfähig gemacht haben könnte. Allerdings wird auch klar, dass der junge Mann selbst häufig Beruhigungs- und Schmerzmittel nahm, gar eine paranoide Schizophrenie im Raum stand - die aber nie diagnostiziert wurde.

Unverständlich ist für die Familie, was dann passiert: Die Ermittler suchen das Auto wohl nicht gründlich genug ab, wollen das Fahrzeug einen Tag später verschrotten lassen. Doch die Familie sichert sich das Wrack, entdeckt Handy und Laptop, die "unangetastet im Fahrzeug lagen", so Tatjana H. Auf dem Laptop finden sie Fotos von Waffen und Rechtsextremen aus der Szene, die die Tochter dem Ausschuss übergibt. Die Ermittler haben sich dafür offenbar nicht interessiert.

Hinweise auf Terrorgruppe nicht ernstgenommen?

Zeugen Der NSU-Untersuchungsausschuss will sich am 16. März mit dem Fall des Ex-Verfassungsschützers "Günter S." und dem Informanten "Erbse" beschäftigen. Zu dem Vorgang würden eine Reihe Zeugen geladen, darunter auch "S." und "Erbse" selbst, teilte der Ausschuss-Vorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) mit.

Informant Laut Drexler war Günter S. Mitarbeiter des Landesamtes für Verfassungsschutz. Bereits 2003 habe ihm nach eigener Aussage ein ehemaliger Informant mit dem Decknamen "Erbse" berichtet, dass es eine rechtsradikale Terrorgruppe namens NSU gebe, zu deren Mitgliedern auch Uwe Mundlos gehöre. Günter S. habe daraufhin seine Kollegen im Landesamt informiert. Doch seien den Informationen dort keine Beachtung geschenkt worden. Dies habe Günter S. bei seiner Befragung im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags ausgesagt, erklärte Wolfgang Drexler. "Diesen Vorgängen wollen wir intensiv nachgehen." Der NSU ist erst im Jahre 2011 aufgeflogen.

 

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Themenschwerpunkt

Die Mordserie des NSU und ihre Aufarbeitung

Die Mordserie des NSU und ihre Aufarbeitung

München/ Stuttgart: Zehn lange Jahre zog die neonazistische Terrorzelle NSU mordend durch Deutschland. Anfang 2013 hat in München der Prozess gegen die letzte Überlebende, Beate Zschäpe, begonnen. In Stuttgart tagt währenddessen ein Untersuchungsausschuss.

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