Anton Rattinger: Die italienische Art des lockeren Seins

Zum ersten Mal spielt Anton Rattinger bei den Freilichtspielen in Schwäbisch Hall. Ab Samstag verkörpert er den Antonio in „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“.

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Zum ersten Mal in seiner Karriere spielt der gebürtige Steirer Anton Rattinger bei den Freilichtspielen in Schwäbisch Hall auf der Treppe vor St. Michael. Ab Samstag verkörpert er den kauzigen Schwiegervater Antonio in „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“.  Foto: 

Mit offenem und forschendem Blick sieht Anton Rattinger sein Gegenüber an. In seinen graublauen Augen blitzt der Schalk auf, wenn der Schauspieler von seinen ersten Proben zu „Brenz 1548“ und „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ auf der steilen Treppe erzählt: „Das war schon eine Herausforderung.“

Für den gebürtigen Steirer ist es das erste Mal, dass er auf einer Freilichtbühne steht, obwohl Anton Rattinger bereits seit 1975 in vielen verschiedenen Rollen auf unterschiedlichen Bühnen zu sehen ist. Erste Erfahrungen hat er schon mit dreieinhalb Jahren gemacht. Da musste er vor Publikum in der Obersteiermark ein achtstrophiges Gedicht vortragen. Mit 16 Jahren hat er dann gewusst, dass er Schauspieler werden möchte. „Ich möchte den zuhörenden Menschen etwas vermitteln, aber nicht mich selbst, sondern die Rolle, die ich spiele.“

So auch sein Anliegen bei den Freilichtspielen in Schwäbisch Hall, bei denen er zum ersten Mal dabei ist. „Auf der Treppe ist das schon eine andere Erfahrung.“ Gerade wenn es so warm ist wie in den vergangenen Wochen. „Die Treppe strahlt dann zurück. Man darf ja nicht vergessen, sich das Gesicht einzucremen.“

Anton Rattinger freut sich besonders darauf, in der Rolle des kauzigen Schwiegervaters Antonio in „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ das Publikum zu unterhalten. Eine Rolle, mit der er sich zumindest schon einmal den Namen teilt. „Die leichte Komödie ist gar nicht so einfach“, erklärt er. Erst nach etwa zehn Vorstellungen könne man die Rolle so richtig locker spielen. „Die wirklich freie Lockerheit entsteht erst vor dem Publikum.“ Die Feinabstimmung ergebe sich nach und nach. Aber der italienische Akzent sitzt schon, wie man nach einer kurzen Kostprobe feststellen kann. Wie viel seiner eigenen Persönlichkeit in die Rolle einfließt, kann Anton Rattinger zwar nicht genau sagen, aber „ich musste über die Figur lachen“. „So ein uriger Kauz mit seiner eigenen Art, das Leben zu sehen, ja, diese italienische Art des lockeren Seins, die gefällt mir.“

Ganz anders gelagert ist da die zweite Rolle, die Anton Rattinger in der diesjährigen Freilichtspielsaison verkörpert. In „Brenz 1548“ spielt er den protestantischen Reformator Martin Luther. Wie circa fünf Millionen der rund 8,5 Millionen Einwohner Österreichs ist aber auch Rattinger katholisch erzogen worden. Damit er der Rolle, die zwar nur zwei Szenen umfasst, gerecht werden könne, beschäftigte er sich mit der Person Martin Luther und setzte sich mit seiner Geschichte auseinander. „Hätte noch mehr sein können. Aber ich kann ja nicht schnell mal Theologie studieren.“

Studiert hat Rattinger da doch lieber Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar in Berlin. Eigentlich wollten seine Eltern, dass er Gymnasiallehrer wird. Sie haben ihn deshalb nach der Schule nach London geschickt, damit er Anglistik und Musikerziehung studiert. „Ich habe dann zwei Monate lang Klavier und Querflöte geübt, um mich für die Aufnahmeprüfung vorzubereiten.“ Doch ganz geheim, ohne seinen Eltern Bescheid zu sagen, hat er sich auch für die Schauspielaufnahmeprüfung an der Akademie in Graz angemeldet – und bestanden. Dort war er dann für ein Jahr, bevor er nach Deutschland ging. „Ich wollte einfach raus aus dem gemütlichen Österreich.“

Musical, Theater und Film

Als Österreicher in Berlin hat er damals den Vorteil seiner Herkunft nutzen können – Österreich gehörte zu den neutralen Staaten. „Ich konnte so sowohl das Ost- als auch das Westtheater sehen.“ Gespielt hat Anton Rattinger über die Jahrzehnte hinweg an den großen Musicalbühnen wie im Theater an der Wien und dem Theater des Westens und wirkte in zahlreichen Funk- und Fernsehsendungen sowie nationalen und internationalen Filmen mit. Wer zum Beispiel Fernsehkrimis wie „Tatort“ oder „Bella Block“ kennt, wird das Gesicht des Österreichers schon gesehen haben. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm die Rolle des Herrn Karl von Helmut Qualtinger und Carl Merz, die er auf der Vaganten Bühne in Berlin gespielt hat. Ein knapp einstündiges Monologstück, das in einem Keller einer Wiener Feinkosthandlung in der Nachkriegszeit spielt. „Das Thema hat bei den Leuten sehr viel ausgelöst“, erinnert er sich.

Obwohl Anton Rattinger schon viele Jahre in Deutschland lebt, hat er den morbiden Humor und den Schmäh, den man Österreichern gerne nachsagt, nie ganz abgelegt. Denn neben seiner Schauspielerei ist er auch als Schriftsteller tätig. Unter anderem hat er eine Ballade über den Untergang der Wiener Gesellschaft geschrieben. „Ist zwar absurd, aber mit einem wahren gesellschaftlichen Kern.“ Momentan ist er auch dabei, einen Roman zu verfassen, der aber gerade ruht. Und kaum ist die Freilichtspielsaison vorbei, wird Anton Rattinger wieder vor der Kamera stehen: Für Folgen der Krimi-Fernsehserie „Babylon Berlin“, die in den 1920er-Jahren in Berlin spielt. „Dazwischen muss ich aber versuchen, erst einmal wieder zu mir selbst zu kommen.“

Öffentliche Generalprobe für das deutsch-italienische Sommermusical „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ von Heiko Lippmann, Max Merker und Christian Doll nach dem Bestseller von Jan Weiler ist am heutigen Freitag um 20.30 Uhr auf der Treppe vor St. Michael. Premiere feiert das Stück dann am morgigen Samstag, ebenfalls um 20.30 Uhr. Mit leichten und temperamentvollen Songs soll das Musical in eine Welt zwischen italienischer Popmusik und Tarantella entführen. Ziel sei es laut Intendant Christian Doll das Genre Musical in Hall zu stärken.

Weitere Vorstellungen sind am 2., 4., 5., 6., 7., 13., 14., 15., 16., 18., 19., 20. Juli, 5., 6., 8., 9., 10., 11., 23., 24. und 25. August jeweils um 20.30 Uhr.

Anton Rattinger wurde 1951 in Möderbrugg in der österreichischen Steiermark geboren. Seine Schauspielausbildung absolvierte er an der Max-
Reinhardt-Schule in Berlin von 1972 bis 1975. Seit 1972 lebt er auch in der Stadt. Außerdem erlangte er an der Technischen Universität Berlin 1983 seinen Abschluss als Diplompsychologe. Des Weiteren hat er eine Tanzausbildung für Musical- und Jazztanz. Ebenso ist Anton Rattinger Gastdozent an der Hochschule der Künste Berlin. In verschiedensten Rollen stand er schon auf unterschiedlichen Bühnen, wie zum Beispiel als Edgar Wibeau in „Die neuen Leiden des jungen W.“, als Gus im Musical „Cats“ oder zuletzt als Firmin in „Das Phantom der Oper“. kv

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Die Freilichtspiele Schwäbisch Hall zeigen in ihrer 92. Spielzeit unter anderem Goethes „Wahlverwandtschaften“ und das Reformationsstück „Brenz 1548“. Es ist die erste Saison unter dem neuen Intendanten Christian Doll.

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