Anklage: Scheinehe aus Angst vor der Abschiebung?

Ein marokkanischer Mann und seine 18 Jahre ältere Ehefrau sind vor dem Amtsgericht angeklagt worden: Führen sie eine Scheinehe? Das Gericht sieht den Vorwurf nicht als bewiesen und spricht das Paar frei.

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Die angeklagte 48-jährige Frau ist gebürtige Marokkanerin. Nach zwei Ehen mit deutschen Männern heiratete sie im März 2010 in Hall einen jungen Marokkaner. Als eingebürgerte Deutsche ermöglichte sie damit ihrem heute 30-jährigen Ehemann, in Deutschland leben zu können. Vierteljährlich muss der gut aussehende, umsichtig wirkende Marokkaner beim Landratsamt eine neue Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Dort ist man inzwischen misstrauisch: Es könnte sich um eine Scheinehe handeln. Würde sich dieser Vorwurf erhärten, droht dem integrierten Mann die Abschiebung.

Das Bild, das die Eheleute im Gerichtssaal abgeben, zeigt wenig Intimität: Sie sitzen durch einen Anwalt getrennt. Kein zärtlicher Blick ist zu sehen. Beide hören aufmerksam zu, welche Argumente Partner, beziehungsweise Partnerin vorbringt.

Die 48-Jährige besitzt ein Haus in Braunsbach. Sie wirkt mütterlich im Vergleich zu ihrem jüngeren Ehemann. Der Mann, der in seiner Heimat Biologie studiert hat und fast perfekt deutsch spricht, hat nach seiner Einreise über eine Zeitarbeitsfirma schnell einen Job in Obersontheim gefunden. Nach eigenen Angaben erhält er einen Netto-Lohn von 900 Euro monatlich.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, er lebe nicht gemeinsam mit seiner Ehefrau, sondern in einer eigenen Wohnung in Hessental. Der 30-Jährige wehrt sich: „Die Wohnung ist für die Arbeit!“ Er habe keinen Führerschein und könnte seine Arbeitsstelle von Braunsbach aus mit dem Bus nur schwer erreichen. Hessental liege näher an Obersontheim. Am Wochenende helfe er seiner Frau im Garten.

Die Polizei forschte nach. An einem Donnerstag im Sommer dieses Jahres sprach sie überraschend in Braunsbach vor und inspizierte die Räume der angeklagten Frau. Die Beamten fanden wenig Hinweise auf den Wochenend-Ehemann. An der Klingel war sein Name nicht angebracht. Das Doppelbett im Schlafzimmer war nur einseitig bezogen. Die Polizeifotos von der Besichtigung werden vor Gericht angesehen. Die Verteidiger entdecken auf dem Bett zwei Kissen und daneben zwei Wecker. Sie werten das als Indizien für eine intakte Zweisamkeit. Die ins Zwielicht geratene Deutsch-Marokkanerin betont: „Wir führen eine ganz normale Ehe!“

Sollte die Anklage stimmen, dann hätte sich der 30-Jährige den Aufenthalt in Deutschland mit Hilfe der Eheschließung erschlichen. Seine um 18 Jahre ältere Ehefrau hätte ihm dabei geholfen. Nach fast dreistündiger Verhandlung aber bleiben für das Gericht Zweifel, ob der Vorwurf tatsächlich zutrifft. Das angeklagte Paar wird freigesprochen. Damit ist der junge Marokkaner der drohenden Abschiebung erst einmal entgangen.

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