Alte Feindbilder neu gesehen

Ein handlicher Schützengraben auf Papier zum Ausschneiden - so schlich sich der Krieg spielerisch ins Kinderzimmer. 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs zeigt das HFM nun Flugblätter aus der Imagerie dEpinal.

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Kriegspropaganda auf Postkarten: Das französische Kind lacht, das deutsche Kind unter der Pickelhaube heult. Professor Philippe Alexandre führt im Haller HFM in die neue Sonderausstellung "Bilder vom Krieg" ein. Foto: Ufuk Arslan

Es ist ein Tag der Erinnerung, an dem die Sonderausstellung im Hällisch-Fränkischen Museum eröffnet wird: Vor 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. Vor 70 Jahren landeten die Alliierten in der Normandie und leiteten das Ende Nazi-Deutschlands ein. Vor 50 Jahren wurde die Städtepartnerschaft zwischen Epinal und Hall geschlossen. Aus den Feinden von einst sind Freunde geworden. "Die EU ist in ihrem Kern ein europäisches Friedensprojekt", betont Halls Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim bei der Vernissage im HFM. Der Rechtsruck bei der Europawahl erfüllt ihn jedoch mit Sorge.

Die deutsch-französische Freundschaft mache dagegen Mut. Sie ist gefestigt und ermöglicht den offenen Blick auf die Schrecken der gemeinsamen Vergangenheit. Daher scheut sich die Ausstellung "Bilder vom Krieg" nicht, die Perspektiven zu wechseln, Kriegspropaganda beider Seiten zu zeigen. In einer Vitrine im ersten Raum sind eine Fotografie eines Feldgottesdienstes auf dem Haller Markplatz, der Mobilmachungsaufruf vom 1. August 1914 aus dem "Haller Tagblatt" und ein Bild der Geldablieferung im Haller Rathaus unter den Augen von Stadtschultheiß Emil Hauber zu sehen; daneben eine Übersichtskarte von Epinal, übersät mit roten Punkten - alles Bombeneinschläge. Umgeben ist die Vitrine an den Wänden von Plakaten, die zum Sparen von Ressourcen und Lebensmitteln aufrufen - "Entwürfe von Schulkindern aus Paris", erklärt HFM-Leiter Armin Panter. Diese Plakate seien so in Deutschland wohl noch kaum gezeigt worden. Sie bilden quasi den "sanften Einstieg" ins Thema. Denn die später gezeigte Bilderbögen sparen nicht mit Polemik, Spott und Häme. Die Schau beleuchte die "Kriegskultur", Feinbilder, den Umgang mit Toten, Erinnerungsarbeit und das Selbstbild der kämpfenden Nation, erklärt Professor Philippe Alexandre von der Universität in Nancy. Dabei es geht um die Beeinflussung der Massen. Zwar habe es auch "organisierte Pazifisten" gegeben - 1892 wurde der deutsche Friedensverein gegründet, dessen Haller Ortsgruppe laut Alexandre sehr aktiv gewesen sei. Doch Kriegsgegner seien meist als Idealisten abgestempelt worden.

Die Ausstellung zeigt, dass der Erste Weltkrieg auch ein Medienkrieg war. Epinal war ein Zentrum der Bilderbögen-Produktion. Das 1796 von Jean-Charles Pellerin gegründete Unternehmen brachte im Ersten Weltkrieg Druckgrafiken heraus. Überall erfreuten sich die Bögen volkstümlicher Aufmerksamkeit. Daher eigneten sie sich unter Verwendung von Vorurteilen und Ängsten gut als Propagandamittel. Sie verteufelten den Feind und verherrlichten den Kampf der eigenen Truppen, erklärt Alexandre. Der Überfall auf Belgien oder der deutsche Einsatz von Giftgas lieferte den Stoff. Der Deutsche ist oft in der Rolle des grobschlächtigen Barbaren zu sehen: Auf einem Blatt zerstört er als grässlicher Gott Thor mit dem Hammer eine Kathedrale. Unter dem Titel "Heroische Worte" sind deutsche Soldaten als feige Kämpfer dargestellt, die einen Gefangenen als lebendes Schutzschild vor sich herschieben.

Die Ausstellung macht zudem eindrucksvoll deutlich, wie die Bilderbogen als Kriegsliteratur für Kinder fungierten. Ihnen wurden Helden und Feinde vorgeführt. "Die Bögen sagen aber nichts über die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung", so Philippe Alexandre, "nichts über Trauer, Schmerz und Verlust." Die Epinaler Bilderbögen führen den Krieg als eine geistige Schlacht vor Augen, die auch vor Kindern nicht Halt machte. Die zunächst harmlos daherkommenden historischen Bastelbögen oder die deutschen Propaganda-Kinderbücher mit Geschichten wie "Hans und Pierre - eine lustige Schützengrabengeschichte" führen das besonders drastisch vor Augen.

Rund 70 Epinaler Bilderbögen sind im HFM zu sehen, ergänzt wird die Ausstellung mit deutschem Propagandamaterial. Die wechselnden Perspektiven regen zum neuen Nachdenken über alte Feindbilder an - eine spannende Schau.

Info. Die Ausstellung "Bilder vom Krieg - Der Erste Weltkrieg im Spiegel Epinaler Bilderbögen" läuft bis 16. November. Geöffnet ist das HFM dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, dienstags ist der Eintritt frei.

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