Ahmad Zia (25) flüchtet aus Afghanistan nach Hall

Trotz Beschleunigungs-Gesetzen fürs Asylverfahren: Ahmad Zia weiß auch nach 18 Monaten in Deutschland nicht, ob er bleiben darf. Er erzählt über seine Flucht, während der er in ein Gefängnis gesteckt wurde.

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Nach 18 Monten in Deutschland beherrscht Ahmad Zia (25) die Sprache so gut, dass er vor 200 Menschen im Haus der Bildung frei sprechen kann. Er erzählt von seiner Flucht auf der er tagelang in ein Gefängnis gesteckt wurde.  Foto: 

Er spreche Paschtun als Muttersprache, Englisch und noch so einige andere Sprachen, mit denen man in Afghanistan durchkommt. Auch Deutsch beherrscht der Afghane so gut, dass er kürzlich vor rund 200 Zuhörern bei einer Volkshochschulveranstaltung in Hall über das Thema Flüchtlinge frei spricht.

"Ich war Dolmetscher bei den Amerikanern. Für die habe ich drei Jahre lang gearbeitet." Ahmad Zia musste dabei feststellen: "Es wurde immer schwerer für mich, in Afghanistan zu leben." Zu bedrohlich wurde die Lage für ihn.

Er entschloss sich vor zwei Jahren, eine lange Reise anzutreten. "Der Weg von Afghanistan nach Deutschland hat für mich sechs Monate gedauert", berichtet er den aufmerksam zuhörenden Besuchern im Saal im Haus der Bildung. Bei seinem Vortrag hält er sich fast die ganze Zeit am Rednerpult fest - als suche er Halt. Dabei beherrscht er die fremde Sprache sehr gut, verhaspelt sich kaum, alle Sätze sind zu verstehen und ergeben ein Bild der aufregenden Reise.

Er passierte den Iran und die Türkei - was sich als mehr oder weniger unproblematisch darstellte. Kritisch sei es erst in Bulgarien geworden. "Wir haben im Land nichts bekommen. Ich war in drei verschiedenen Gefängnissen." Er habe die Wärter gefragt, was die Insassen essen sollten. Die hätten ihm zu verstehen gegeben: "Kauf dir was von deinem Geld." Auf seine Frage, was derjenige machen sollte, der kein Geld habe, kam die Antwort sinngemäß: "dein Problem".

In Schwäbsich Hall kann Ahmad Zia die Geschichte nüchtern erzählen. Doch damals war er extrem besorgt: "Das war sehr schlecht dort." Er sagte sich: "Ich muss weitergehen." Schließlich konnte Zia nach Wochen Bulgarien verlassen.

"Als ich in Deutschland war, fand ich es richtig gut." Für die Formalitäten, die im bulgarischen Gefängnis 20 Tage dauerten, benötigten deutsche Behörden eine Stunde. Nach einem Tag in der Aufnahmestelle in Karlsruhe verbrachte er einen Monat in Mannheim, kam nach Hall. Er war der erste Flüchtling, der in Tüngental untergebracht wurde. Nach einem Jahr wechselte er ins Asylbewerberheim im Steinbeisweg. "Ich muss die deutsche Sprache lernen", habe er sich gesagt. Obwohl er nicht kontinuierlich Kurse besuchen konnte, kann er alles ausdrücken, was er will. "Respekt für diese Deutschkenntnisse", lobt Marcel Miara, der in der Volkshochschule den Fachbereich Politik leitet. Auch wenn Ahmed Zia die deutschen Behörden lobt: Es bleibt ein Problem bestehen. "Er lebt seit 18 Monaten hier und weiß nicht, ob er bleiben kann. Er hatte noch nicht einmal sein Interview", erläutert Hanna Hald vom Freundeskreis Asyl. Dieser Gesprächstermin mit der Migrationsbehörde sei ein entscheidender Schritt in Richtung der Frage, ob jemandem Asyl gewährt werde oder nicht. Meist schließt sich daran aber ein längerer Prozess an, bis alles endgültig geklärt ist. Der dauert Jahre - "und dann sind Sie psychisch krank". "Wir haben ein Asylbeschleunigungsgesetz und es beschleunigt sich nichts", erzählt Hanna Hald, die sich seit Ende der 1980er-Jahre für Flüchtlinge einsetzt und mit Pro Asyl auch politisch Einfluss nehmen will.

Ahmad Zia hätte im Zuge der Dublin-Verordnung im "sicheren Drittstaat" Bulgarien bleiben müssen, um dort Asyl zu beantragen. Doch er konnte den deutschen Behörden glaubhaft darstellen, dass der Staat für ihn kein sicherer Ort war. Daher hofft er, in Deutschland bleiben zu dürfen.

"Nach fast zwei Jahren wird mir immer klarer: Man muss eine Ausbildung machen, um einen Job zu finden." Der 25-jährige Afghane sucht derzeit nach einer Möglichkeit, eine Aus- oder Fortbildung zu machen.

Arbeit für Flüchtlinge: Start mit einem 1,05-Euro-Job nach drei Monaten im Land

Ankunft Baden-Württemberg ist verpflichtet, nach dem bundesweiten Schlüssel 12,97 Prozent der Flüchtlinge aufzunehmen. Im Idealfall werden sie in Landeserstaufnahmestellen (zum Beispiel in der in Ellwangen) registriert und nach zwei bis drei Wochen dort auf die Landkreise verteilt. Dort werden sie im Rahmen der "vorläufigen Unterbringung" in Häusern (wie denen in Tüngental), oder in einer Notunterkunft (wie der in einer Turnhalle am Berufsschulzentrum in Hall) untergebracht - das berichtet Martina Steinecke, Dezernentin für Recht und Ordnung des Landkreises Schwäbisch Hall. Der Landkreis erhält dafür Geld von der Landesregierung - auch für die Betreuung. "Das Land zahlt den Kreisen pro Flüchtling in der vorläufigen Unterbringung eine einmalige Pauschale. Der darin enthaltene Anteil für die Flüchtlingssozialarbeit beträgt aktuell 897,95 Euro", teilt das Integrationsministerium mit. "Dieser Betrag muss vollumfänglich für den vorgesehenen Zweck eingesetzt werden." Das Geld muss aber im längsten Fall zwei Jahre ausreichen. Denn nach spätestens 24 Monaten in diesem Status werden die Flüchtlinge in die "Anschlussunterbringung" umquartiert. Für die sind die Gemeinden zuständig.

Geld Flüchtlinge haben einen Anspruch auf eine Wohnfläche von 4,5 Quadratmetern in einer Unterkunft und auf Verpflegung. Ein alleinstehender Erwachsener erhält zudem 359 Euro pro Monat für Ernährung, Kleidung und Körperpflege. Davon werden ihm im Kreis Hall 31 Euro für Strom abgezogen. Zudem gibt es Zusatzleistungen wie Geld für den Schulausflug eines Kindes. Nach 15 Monaten wird Flüchtlingen der etwas höhere Hartz-IV-Satz bezahlt.

Arbeit In den ersten drei Monaten dürfen Flüchtlinge nicht arbeiten. Vom 3. bis 15. Monat seit der Ankunft ist eine Arbeit nur dann erlaubt, wenn kein anderer Europäer den Job haben will. Oder es kommt ein 1,05-Euro-Job in Frage. Die werden vereinzelt angeboten - zum Beispiel im Haller Werkhof. Nach 15 Monaten im Land ist eine reguläre Arbeit möglich.

Schule Nach sechs Monaten im Land besteht für Kinder Schulpflicht. Viele gehen aber schon früher in die Klassen. Derzeit fehlen Lehrer, die Integrationsklassen leiten.

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