"Zu den Fahnen"

Im Juni 1914: Die Haller genießen den Sommer. Wer die Zeitung genau liest, erkennt aber

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  • Postkarte mit Motiven aus Hall. Diese Ansichtskarte wurde im Mai 1915 verschickt. Foto: Sadtarchiv Hall 1/2
    Postkarte mit Motiven aus Hall. Diese Ansichtskarte wurde im Mai 1915 verschickt. Foto: Sadtarchiv Hall
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Zeichen des Säbelrasselns. Noch ahnt kaum einer, dass ein Krieg bevorsteht, den 20 Millionen Menschen nicht überleben.

Das Haller Stadttheater wiederholt im Juni 1914 das Stück "Im wunderschönen Monat Mai", beim Pfingstfest wird die Übergabe der Limpurg in einer Schau dargestellt, es werden Waldfeste gefeiert. Die Stimmung im Sommer vor 100 Jahren scheint ausgelassen gewesen zu sein.

"Die Menschen sind zunächst von Frieden ausgegangen", sagt Dr. Andreas Maisch. Mehr als 40 Jahre lang haben die Waffen geschwiegen. Der letzte Krieg wurde 1870/71 geführt und gegen Frankreich gewonnen. Historiker sagen heute: Das Kaiserreich stand vor einer goldenen Epoche, wenn nicht der Krieg dazwischen gekommen wäre.

Doch Stadtarchivar Maisch, der in ein Buchprojekt der Geschichtswerkstatt zum Weltkrieg leitet, weiß auch: Es gibt Anzeichen für einen Krieg. Gaildorfs Stadtarchivarin Dr. Heike Krause schreibt in ihrem Beitrag fürs Buch: "Doch dieser Krieg kam nicht überraschend; latent war ein solches Ereignis im Bewusstsein der Politiker und der Bevölkerung schon lange präsent." Friedensdemonstrationen werden auch in Hall abgehalten. Bereits am 4. April 1914 ist im Haller Tagblatt ein Aufruf zu lesen für eine "Rote-Kreuz-Sammlung . . . zugunsten der freiwilligen Krankenpflege im Kriege". Von "Kriegsvorbereitungen" ist die Rede. Diese Vorahnung wird später von der blutigen Realität bestätigt.

Am 28. Juni 1914 werden der Thronfolger Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin in Sarajevo ermordet. Das löst die Juli-Krise aus, die zum Ausbruch des Weltkrieges führt. In einer Sonderausgabe des Haller Tagblatts am 1. August 1914, um 23 Uhr, erfolgt die Gewissheit. Es ergeht der Aufruf, dass "unsere waffenfähigen Männer zu den Fahnen" zu eilen haben.

Das in Hall aufgestellte III. Bataillon des Reserve-Infanterie-Regiments 121 rückt nach einem Feldgottesdienst auf dem Marktplatz an die Front. Bis zum Jahr 1918 fallen 303 Bürger, 13 bleiben vermisst.

"Die Stadt, die damals nur ,Hall hieß und knapp 10 000 Einwohner zählte, war in den Kriegszeiten eine ganz typische Provinzstadt", meint Dr. Armin Müller, ein Experte für Wirtschaftsgeschichte. Er hat kürzlich bei den Schöntaler Tagen des Historischen Vereins für Württembergisch-Franken einen Vortrag zu diesem Thema gehalten.

Macht es da überhaupt Sinn, sich mit der Geschichte einer Stadt auseinanderzusetzen, die sich kaum von anderen abhebt? Die Ausstellungsmacher im Hällisch-Fränkischen Museum, der Leiter des Freilandmuseums und die Stadtarchivaren - sie sagen "ja". Dort wird der Weltkrieg thematisiert. 20 Hobby-Historiker - unterstützt von den Profis - bereiten derzeit zwei Buchprojekte in Hall über das Weltkriegsthema vor.

Sie richten den Blick auf die Einzelschicksale und die Details, erhalten dadurch erstaunliche Einblicke. Diak-Schwestern berichten von ihren Einsätzen in Lazaretten hinter der Front. Feldpostkarten sind erhalten, in denen Soldaten davon schreiben, dass sie damit rechen zu sterben. Und auch in Hall selbst spielen sich Dramen ab. Ein Beispiel: Die monatliche Buttermenge für Bürger wurde in den Kriegsjahren bis auf 180 Gramm reduziert. Das entspricht nicht einmal dem Inhalt eines heutigen Butter-Päckchens. Die Haller halten nicht mehr still: Nach Weihnachten, am 27. Dezember 1917, versammeln sich Hausfrauen vor dem Rathaus und protestieren gegen die Butterknappheit - ohne Erfolg.

Die Stadt selbst ist - wie fast alle anderen im Reichsgebiete auch - zwar nicht unmittelbar von Kampfhandlungen betroffen. Sie fungiert aber als Standort für ein Hilfslazarett. Zudem wird eine Erfrischungs- und Verbandsstation am Haller Bahnhof eingerichtet an dem viele Züge mit Kriegsgefangenen und Verwundeten Station machen.

Der Blick zurück kann helfen, die Gegenwart zu verstehen und zu verändern. So vergleichen derzeit Wissenschaftler, wie der Berliner Politologe Herfried Münkler, den Ausbruch des Ersten Welkrieges mit Konflikten der Gegenwart - wie der Ukraine-Krise. Was führt dazu, dass ein lokaler Konflikt (zwischen Österreich-Ungarn und Serbien) zu einem Krieg zwischen den Großmächten (Deutschland, Frankreich und Russland) führt? Und was muss man tun, um eben diese Eskalation zu verhindern?

In der damaligen Zeit wird in Hall das Unmögliche möglich. Es bedarf offensichtlich eines Weltkrieges, damit zum ersten Mal ein evangelischer und katholischer Geistlicher gemeinsam einen Gottesdienst zelebrieren - und die Soldaten an die Front verabschieden. Die Position der Frauen wird gestärkt - sie übernehmen die Jobs der eingezogenen Männer. Und es wird deshalb eine Betreuung für 100 Kinder von 9 Monaten bis 14 Jahren eingerichtet. Sie werden täglich in der Zeit zwischen 7 und 20 Uhr betreut, damit die Frauen arbeiten können. An diese arbeitnehmerfreundlichen Zeiten kommt die Stadt Hall selbst 100 Jahre später nicht heran.

Serie zum Krieg startet

Rückblick Das Haller Tagblatt startet jetzt die Serie "100 Jahre Erster Weltkrieg". Mit kurzen Beiträgen wird an die Ereignisse vor 100 Jahren erinnert. Quellen sind die Ausgaben des Haller Tagblatts, Feldpostkarten und Fotos. Zudem werden Manuskripte ausgewertet. Die wurden von geschichtsinteressierten Bürgern verfasst und werden bald in zwei Büchern abgedruckt.

SWP

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