„Wir sind ein Ort des Friedens“

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Hier wird täglich fünfmal gebetet: Aydin Celik, Vorstand der Türkisch-Islamischen Gemeinde, im großen Gebetssaal der Mevlana-Moschee. Das Muster des Teppichbodens ist nach Mekka ausgerichtet.   Foto: 

Die Lehre von Mevlana Celaleddin Rumi war verblüffend einfach: Da das Universum nur durch die Liebe Gottes existiere, solle der Mensch lernen, Gott zu lieben und würde somit alles lieben lernen, was von Gott erschaffen wurde. Die Haller Moschee ist nach dem muslimischen Mystiker benannt, der im 13. Jahrhundert lebte.

„Es reicht aber völlig, wenn man uns die Haller Moschee nennt“, sagt Aydin Celik, seit 2005 Vorstand der hiesigen Türkisch-Islamischen Gemeinde. „Wir sind ein Teil von Schwäbisch Hall und immer für jeden offen.“ Finanziert wurde der Bau 2004 aus Spenden und durch Eigenleistung der türkischen Gemeinde. Eine halbe Million Euro brachten die Mitglieder dafür auf.

Hauptgebet am Freitag

Die zahlreichen Räume in dem markanten Kuppelbau sind schlicht und einladend. Viel Licht gibt es hier überall, nicht nur im großen Gebetssaal, in den die Sonne durch eine runde, blaue Kuppel hineinscheint. So richtig voll wird er meist nur zum Freitagsgebet, dem wichtigsten der Woche, das mit dem sonntäglichen Kirchgang der christlichen Religion verglichen werden kann.

Gebetet wird auf Arabisch, der Sprache des Koran. „Selbstverständlich haben wir eine türkische Übersetzung“, erklärt Celik, „die wenigsten von uns sprechen Arabisch.“ Die Interpretation der Suren, die ebenso vieldeutig daherkommen wie die Texte der Bibel, obliege dem Imam, der in türkischer Sprache predige. Genau daran stören sich deutschlandweit viele Kritiker, die fordern, dass in Moscheen auf deutschem Boden in deutscher Sprache gepredigt werden müsse.

Beitragszahlungen kein Muss

„Es gibt bei uns viele ältere Gemeindemitglieder, die das Ganze hier finanziell möglich gemacht haben, und sie möchten die Predigt auf Türkisch hören“, wirbt Celik um Verständnis. „Wir wollten längst die deutsche Übersetzung aller Texte per Beamer auf eine Leinwand übertragen, aber das muss erst mal alles übersetzt und technisch umgesetzt werden, und die Kapazitäten haben wir einfach nicht.“ Es mangle an Geld.

Beitragszahlungen seien für die Mitglieder des Vereins kein Muss: „Man darf nicht sagen, du musst erst zahlen, bevor du hier beten darfst.“ Da Moscheen in Deutschland juristisch nicht als Religionsgemeinschaften anerkannt seien, dürften sie keine Kirchensteuer einnehmen: „Darum sind wir auf Imame angewiesen, die in der Türkei ausgebildet und vom türkischen Staat bezahlt werden. Das muss man bedenken, bevor man uns kritisiert.“ Dass die Imame nach fünf Jahren ausgetauscht würden, gehöre dazu, da sie eben eine Art „Leihgabe“ seien. Wäre der Islam in Deutschland als Religion anerkannt, gäbe es sehr viel weniger Probleme im kulturellen Miteinander, so Celik, der 1980 als 14-Jähriger aus der Türkei nach Michelfeld kam: „Dann könnten wir unsere Imame hier ausbilden lassen.“

Bundesanwaltschaft ermittelt

Der Dachverband Ditib, der die Imame schickt, untersteht dem staatlichen Präsidium für Religiöse Angelegenheiten der Türkei. Gerade im Vorfeld des Türkei-Referendums wurde hierzulande heftig über seine Rolle diskutiert. Kritiker sagen, Ditib sei der lange Arm des Machthabers Recep Tayyip Erdogan. Immerhin gab es einen ausreichenden Anfangsverdacht, der den Generalbundesanwalt am 18. Januar dazu bewegte, ein Ermittlungsverfahren wegen geheimdienstlicher Tätigkeit einzuleiten. Der Vorwurf: Die türkische Religionsbehörde Diyanet habe einige Ditib-Imame beauftragt, in deutschen Moscheen Informationen über Anhänger der Gülen-Bewegung zu sammeln. Die Ermittlungen laufen noch. Zwischenzeitlich haben aber einige deutsche Ministerien angekündigt, zurückgehaltene Fördergelder in Höhe von circa einer Million Euro auszubezahlen.

Politik unerwünscht

Auf der Internetseite der Haller Moschee steht zu lesen:  „Unsere Moschee ist ein ritueller Ort des gemeinschaftlichen Gebetes, darüber hinaus der politischen, rechtlichen und lebenspraktischen Wertevermittlung im Sinne des Islams an unsere Gläubigen.“ Um die Seite habe sich lange niemand mehr gekümmert, versichert Celik, dem der Begriff „politisch“ in diesem Zusammenhang sichtlich unangenehm ist. „Politik hat in diesen Räumen absolut nichts zu suchen“, betont er. Sie sei weder Gegenstand von Predigten noch würden Diskussionen darüber geduldet: „Das führt immer zu Meinungsverschiedenheiten, und wir sind hier ein Ort des Friedens.“

Der kleine Verein habe aus eigener Kraft allerlei zu stemmen: „Zu uns kommen sehr viele türkischstämmige Mitbürger, die nicht Mitglied bei uns sind, wir haben arabische Besucher und auch die Flüchtlinge, die hier leben, sind froh, dass es unsere Moschee gibt.“ Das Gebäude sei mehr als ein Ort des Gebets: „Hier wird gefeiert, gemeinsam gegessen, wir haben eine Folkloregruppe und wir unterrichten unsere Kinder in den Grundlagen des Islam.“

Der Bau der Mevlana-Moschee in der Gaildorfer Straße in Schwäbisch Hall wurde 2002 genehmigt und bis 2004 umgesetzt. Lange Zeit stand das Gebäude auf gepachtetem Gelände. Vor zwei Jahren habe man mit Hilfe von Spenden nun auch das Grundstück erwerben können, so Vorstand Aydin Celik.

Seit 1974 unterhalten die in Hall lebenden Türken eigene Gebetsräume. Anfangs waren diese in wechselnden Vereinsheimen des Türkischen Arbeitnehmer Hilfs- und Sportvereins in der Zollhüttengasse, danach beim Kornhaus und später in der Gelbinger Gasse. Der Verein existiert noch immer. Seit dem Bau der Moschee ist er als Pächter in den Nachbargebäuden an der Gaildorfer Straße untergebracht.

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