„Wenn ich nur ein richtiger Junge wär!“

Mit „es war einmal...“ beginnt im Kinder- und Familienstücks „Pinocchio“ im Theaterzelt die Geschichte der sprechenden Holzpuppe: ein turbulentes und lustiges Spektakel unter der Regie von Max Merker.

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  • Der Fuchs (Nikolas Gerdell) und die Katze (Anja Gutgesell) wollen den naiven Pinocchio (Manuel Dengler, Mitte) übers Ohr hauen.  1/5
    Der Fuchs (Nikolas Gerdell) und die Katze (Anja Gutgesell) wollen den naiven Pinocchio (Manuel Dengler, Mitte) übers Ohr hauen. Foto: 
  • „Pinocchio“ wird im Theaterzelt als echtes Zirkusspektakel gezeigt (oben). Der Puppentheaterbetreiber Feuerfresser hat Mitleid mit Pinocchio (rechts). Ein Ärzteteam kümmert sich um Pinocchio (rechts unten). Mit einer Taube sucht Pinocchio seinen Papa auf dem Meer. Vorne singen drei Matrosen (unten) 2/5
    „Pinocchio“ wird im Theaterzelt als echtes Zirkusspektakel gezeigt (oben). Der Puppentheaterbetreiber Feuerfresser hat Mitleid mit Pinocchio (rechts). Ein Ärzteteam kümmert sich um Pinocchio (rechts unten). Mit einer Taube sucht Pinocchio seinen Papa auf dem Meer. Vorne singen drei Matrosen (unten) Foto: 
  • Freilichtspiele Schwäbisch Hall: "Pinocchio"  - Kinder- und Familienstück nach Carlo Collodi in einer Fassung von Max Merker und Christian Doll.  Premiere am 18. Juni 2017, gespielt wird im Haller Theaterzelt auf dem Teurershof 3/5
    Freilichtspiele Schwäbisch Hall: "Pinocchio" - Kinder- und Familienstück nach Carlo Collodi in einer Fassung von Max Merker und Christian Doll. Premiere am 18. Juni 2017, gespielt wird im Haller Theaterzelt auf dem Teurershof Foto: 
  • Freilichtspiele Schwäbisch Hall: "Pinocchio"  - Kinder- und Familienstück nach Carlo Collodi in einer Fassung von Max Merker und Christian Doll.  Premiere am 18. Juni 2017, gespielt wird im Haller Theaterzelt auf dem Teurershof 4/5
    Freilichtspiele Schwäbisch Hall: "Pinocchio" - Kinder- und Familienstück nach Carlo Collodi in einer Fassung von Max Merker und Christian Doll. Premiere am 18. Juni 2017, gespielt wird im Haller Theaterzelt auf dem Teurershof Foto: 
  • Freilichtspiele Schwäbisch Hall: "Pinocchio"  - Kinder- und Familienstück nach Carlo Collodi in einer Fassung von Max Merker und Christian Doll.  Premiere am 18. Juni 2017, gespielt wird im Haller Theaterzelt auf dem Teurershof 5/5
    Freilichtspiele Schwäbisch Hall: "Pinocchio" - Kinder- und Familienstück nach Carlo Collodi in einer Fassung von Max Merker und Christian Doll. Premiere am 18. Juni 2017, gespielt wird im Haller Theaterzelt auf dem Teurershof Foto: 
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„Hereinspaziert, hereinspaziert“, ruft die Conférencière zur Begrüßung. Eine waschechte Zirkusatmosphäre mit Holzstreu, typischen Streifen, klassischen Clowns und der humoristischen Ansagerin (Tina Haas) entführt die Zuschauer am Sonntag in der fast ausverkauften Premierenvorstellung in eine andere Welt. Trommelwirbel, Pfeifentöne und Gesang untermalen das bunte Geschehen rund um „Pinocchio“. Die Geschichte von Carlo Collodi ist 130 Jahre alt und in der Fassung von Max Merker (Regie) und Christian Doll märchenhaft geblieben. Die Erzählung passt hervorragend unter die Haller Zirkuskuppel, die Handlung verschmilzt mit dem Raum, und die Kostüme sind nostalgisch schön.

„Ist er gerade Mensch, Holz oder Puppe?“, rätselt der eine oder andere junge Zuschauer anfangs über Manuel Dengler als Pinocchio. Mit überdimensionierten Beilen ist das Schnitzen auf dem Bock dargestellt – der Wechsel von der Nacherzählung im Zirkus hin zum direkten Erleben genial gelöst. „Nudelkopf!“ nennt der zum Leben erweckte Pinocchio bald darauf frech seinen Vater Gepetto (Ekki Busch) mit der gelben Perücke. „Holzkopf“, kontert dieser. Er verkauft seine Jacke, damit er ihn zur Schule schicken kann. Pinocchio aber ist eigensinnig und naiv: „Zur Schule gehen? Dazu habe ich nicht das kleinste bisschen Lust. Ich will essen, trinken, Spaß haben und ein Faulenzerleben von morgens bis abends führen“, meint Pinocchio zur Grille (Theresa Weber), nachdem er weggelaufen ist. Nicht ohne zu wissen: „Wer so frech ist wie ich, wird es später sehr schwer haben.“

Dengler ist der einzige Schauspieler im Stück mit durchgängiger Rolle. Von der stakenden Puppe wird er zum staunenden, bockigen Kind, vom frechen Bengel zum angsterfüllten Buben und aus jauchzendem Übermut wird Reue. Seine acht Ensemblekollegen hingegen besetzen mehrere Rollen zugleich, wechseln mit Flossen vom Harlekin zum Fisch, werden mit Mützen zu Pudeln oder trotz Eselsohren zu Musikern. Das passt wunderbar zur turbulenten Komödie, wie das Stück trotz seiner tragischen und aufregenden Elemente genannt werden darf. Während anfangs vor allem die lustige Seite überwiegt, sind die späteren Szenen handlungsreicher und besonders für Jüngere teils sehr aufregend. So manches Kind verbirgt sich kurzzeitig in den elterlichen Armen. Erlebt der sympathische, aber leichtfertige Pinocchio doch allerhand Gefahren, macht Fehler und lügt. So schwänzt er die Schule, lässt sich vom rechten Weg abbringen, wird von Mördern verfolgt und arglistig bestohlen.

Doch findet er auch liebe Helfer. Selbst den bösen „Feuerfresser“ rührt er mit seinem großen Herzen. „Hatschi!“, erklingt der Schlüssel zu dessen Mitleid. Jeder Nieser wirft zur Freude der Kinder die Schauspieler auf der Bühne schier um. Vermeintliches Stolpern oder Schlagen wird per Trommelwirbel – wie im Zirkus üblich – untermalt. Pinocchio erhält Goldstücke für den armen Vater. Naiv lässt er sich von Fuchs (Nikolas Gerdell) und Katze (Anja Gutgesell) aber zum Gelage in einer Wirtschaft und zum „Goldvermehren“ überreden – anstatt gleich nach Hause zu gehen. Auf hilfreiche Ratschläge hört der eigensinnige Holzkopf nie. „Der ist dumm“, kommentiert ein kleiner Zuschauer vernehmlich. Er leidet mit ihm an den unvermeidlichen Folgen seines unreflektierten Handelns.

Die blaue Fee rettet Pinocchio dabei mehrmals. Trotzig und ungeniert erbittet dieser ein Zuckerstückchen nach dem anderen zur Linderung der bitteren Arznei. „Ich will lieber tot sein, als diese grässliche Medizin zu trinken“, ruft Pinocchio dann. Erst als die Fee groteske Totengräberhasen mit übergroßen Köpfen und einen Sarg auftreten lässt, nimmt er sie ein. Der erhobene Zeigefinger ist im Stück selten so direkt wahrzunehmen. Die liebende und verzeihende Haltung von Gepetto und der blauen Fee leitet Pinocchio, doch die Verführungen sind groß.

„Ach, wenn ich doch endlich ein richtiger Junge wär“, seufzt Pinocchio, der gern stark und groß wäre. Und sich dann doch ganz Kind dazu verleiten lässt, mit einer Kutsche ins „Spielzeugland“ zu fahren. „Ia!“, warnen ihn die Zug-Esel deutlich. Klar, dass Pinocchio sich anschließend selbst in einen sprichwörtlichen Esel verwandelt. Was für ein Jauchzen der Kinder im Publikum, als der dickköpfige Kerl wieder den Gehorsam verweigert und zu flüchten versucht. Er scheitert und wird ins Meer geworfen – die gute Fee hilft ihm. Mit imponierender Leichtigkeit wird aus der Manege ein Feld, sturmgebraustes Meer oder ein Theater im Theater. Ein blaues Kinderplanschbecken ist der Meeresgrund und verwandelt sich zum gefräßigen Haifischmaul. Die Choreografie im Stück ist originell. Aus dem Zählen Pinocchios („ich kann nur bis drei“) entwickelt sich ein Walzer. Die menschlichen Fische scheinen tanzend zu schwimmen. Die Band „Tante Polly“ (Benjamin Leibbrand, Dominik Dittrich, Sebastian Strehler) begleitet mit Musik, Schauspiel und Gefühl das Bühnengeschehen. Überhaupt übernehmen Lieder und Töne die Erzählstränge im Kinder- und Familienstück. Herrlich, wie die drei Matrosen den aufziehenden Sturm kommentieren und dann: „Kleine Möwe, flieg nach Helgoland, kleine Taube, flieg ins Schwabenland, wo am Kocherstrand ich die Liebe fand ...“ singend umdichten.

Pinocchio wandelt statt in Italien gar bei den fleißigen Schwaben. Und versteht bei „Schaffeschaffeländchen“ hungrig „Schlaraffenländchen“ – zur besonderen Freude der begleitenden Erwachsenen und älteren Kinder. Die Puppe Pinocchio entwickelt sich am Ende geläutert in einen echten Jungen. „Holz schwimmt sicher auf den wildesten Wogen. Papa, ich schwör‘s dir, das ist echt nicht gelogen. Deine Holzpuppe bringt dich sicher an Land“, rettet er singend Gepetto. Ein roter Flickenteppich symbolisiert den Weg aus dem Haifischmaul. „Du bist kein Holzkopf, sondern ein sehr schlauer Junge“, lobt ihn am Ende die blaue Fee.

Donnernder Applaus belohnt die gelungene Aufführung, untermalt mit Fußgetrommel und Pfiffen.

Weitere Aufführungen von „Pinocchio“ gibt es am 21., 27. und 28. Juni sowie 4., 5., 6., 13., 18., 19., 20. und 25. Juli jeweils um 10 Uhr, am 15. und 16. Juli sowie am 13. und 20. August jeweils um 15 Uhr im Haller Theaterzelt.

Künstlerische Leitung Regie: Max Merker, Musikalische Leitung: Dominik Dittrich, Musik und Rollen: Tante Polly (Dominik Dittrich, Benjamin Leibbrand, Sebastian Strehler), Ausstattung: Martin Dolnik, Dramaturgie: Eva Veiders.

Rollen Pinocchio: Manuel Dengler, Gepetto, Feuerfresser: Ekki Busch, Fuchs, Kutscher und andere: Nikolas Gerdell, Blaue Fee, Conférencière: Tina Haas, Katze, Thunfisch und andere: Anja Gutgesell, Grille, Rosaura und andere: Theresa Weber.

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