„Wahnsinnsausblick über Bächlingen“

31 Jahre lang war sie die rechte Hand der Langenburger Fürsten. Sie arbeitete für Fürst Kraft und für Fürst Philipp, ehe sie 2012 in den Ruhestand trat. Niemand außerhalb der Fürstenfamilie kennt das Leben im Schloss so gut wie sie.

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Für ein Foto ist Marlies Herrscher noch einmal zum Langenburger Schloss zurückgekehrt.  Foto: 

Zum Interview empfängt Marlies Herrscher Redakteur und Fotograf in ihrem wunderschönen Garten in Kirchberg. Von hier aus schweift der Blick hinauf zum Kirchberger Schloss. Ihr Lebensinhalt aber war ein anderes Schloss, ein paar Kilometer jagstabwärts.

Frau Herrscher, wie sind Sie Assistentin des Langenburger Fürsten geworden?

Marlies Herrscher: Ich war seit eineinhalb Jahren in der Jugendleiterschule in der Hubertusmühle in der Erwachsenenbildung tätig, als mich Herr Sigether, der Verwaltungsdirektor des Fürsten, angerufen und gefragt hat, ob ich nicht vorbeikommen könnte. Er wusste wohl, dass ich eine Stelle suche, weil die Jugendleiterschule verlegt werden sollte. Bankdirektor Fritz Schmidt und Bürgermeister Dieter Rometsch hatten mich empfohlen. Ich bin dann in Langenburg angetreten. Der Fürst war sehr nett, wir haben uns von Anfang an gut verstanden. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, dort zu arbeiten. Die Schlossverwaltung war doch sehr männlich dominiert, und ich befürchtete, dass das für mich als Freigeist mit manchmal losem Mundwerk nichts werden würde. Nachdem Herr Sigether aber immer wieder angerufen hat, haben wir noch einmal ein Gespräch geführt: Dann habe ich gesagt: „Na gut, dann probieren wir es halt.“

Worauf hat Fürst Kraft im Bewerbungsgespräch Wert gelegt?

Er hat sehr wenig gefragt, und ich habe bis heute keine Bewerbungsunterlagen eingereicht. Ihn hat vor allem interessiert, was ich beruflich gemacht habe, wie mein familiärer Hintergrund ist und wann ich anfangen kann.

War im Schloss die Anrede „Durchlaucht“ üblich oder sogar vorgeschrieben?

Die war durchaus üblich. Unser alter Intendant Karl Schneider hat noch in der dritten Person mit dem Fürsten gesprochen und zum Beispiel gefragt: „Haben Durchlaucht ein schönes Wochenende gehabt?“

War das dann später unter Fürst Philipp anders?

Das ist schon unter Fürst Kraft anders geworden. Das Erste, was er zu mir gesagt hat, als ich am 1. Oktober 1981 angetreten bin, war: „Wir zwei schneiden die alten Zöpfe ab.“ Und so haben wir es auch gehandhabt. Das war dann ein sehr angenehmes und lockeres Miteinander.

Wie muss man sich Ihren Arbeitsplatz im Schloss vorstellen?

Ich hatte den schönsten Arbeitsplatz Süddeutschlands, mindestens. Das lag an diesem Wahnsinnsausblick über Bächlingen und das Jagsttal. Das war jeden Morgen eine Freude, wenn ich da rausgeschaut habe. In der Verwaltung gab es drei Zimmer: das Vorzimmer, die Kanzlei des Fürsten und mein Büro. Ich war relativ modern eingerichtet, auch technisch, aber ich hatte einen großen Biedermeier-Schreibtisch. Der hatte unendlich viel Platz, den habe ich gegen jedes moderne System verteidigt, das mir angeboten wurde. Der war mir heilig.

Was waren Ihre Aufgaben?

Alles, was den Chef betrifft: Das waren sehr viele Sekretariatsarbeiten von der Organisation des Tagesablaufs über Reisevorbereitungen bis hin zur Betreuung der Gäste, insbesondere der Jagdgäste, von der Zimmerbelegung bis zur Menüplanung. Der Fürst hatte sehr viele Ehrenämter, für die ich Sitzungen organisieren und Protokolle schreiben musste. Ich habe Themenführungen entwickelt und war zuständig für die Presse und das Personal. Ich habe mich auch um das Inventar des Schlossmuseums gekümmert und zu bestimmten Objekten wie die Holzbibliothek, für Fabergé-Gegenstände oder Fayencen Texte geschrieben.

Das Fürstenhaus ist ja zum einen eine Familie, zum anderen ein Wirtschaftsunternehmen. Ist die Grenze zwischen beidem klar gezogen?

Das vermischt sich im Alltag, insbesondere in meiner Arbeit. Die anderen Kollegen der Schlossverwaltung waren im anderen Flügel untergebracht. Da war die Distanz mehr gegeben. Aber bei mir hat sich das total vermischt.

Wie nahe sind Sie der Familie gekommen?

Das war sehr persönlich. Man hat mich zur erweiterten Familie gezählt, und das wurde mir auch immer so gesagt. Insbesondere aus vielen Briefen, die ich zum Abschied bekommen habe, liest man, wie weit das ging.

Welche persönlichen Begegnungen mit prominenten Besuchern hatten Sie, zum Beispiel aus dem englischen Königshaus?

Prinz Philipp, Prinzessin Anne und Prinz Charles habe ich im Schloss alle persönlich getroffen. Eines der schönsten Erlebnisse war im Sommer 1985 der 50. Geburtstag von Fürst Kraft und der 18. Geburtstag seiner Tochter Cécile. Da haben wir kräftigst gefeiert, den ganzen Sommer lang. Es war viel Arbeit, aber es war super. Es gab ein Betriebsfest, dann ein ländliches Sommerfest mit den lokalen Fürsten und den Geschäftspartnern. Ministerpräsident Späth hat die Geburtstagsrede gehalten. Ein paar Wochen später gab es in allen Räumen des Schlossmuseums einen Adelsball, zu dem jede Menge Hochadel nach Langenburg kam. Fürstin Charlotte hat mich dabei der Königin Sophia von Spanien und den beiden Infantinnen vorgestellt, die in Abendgarderobe auf dem Weg zum Ballsaal waren. Kronprinz Frederik von Dänemark war da und die früheren Bundespräsidenten Roman Herzog und Richard von Weizsäcker.

Welche Rolle spielt im Schloss die englische Verwandtschaft?

Das ist ein ganz normaler Umgang unter Verwandten. Fürst Philipp und seine Familie sind sehr häufig eingeladen in England zur Jagd oder zu Geburtstagen.

Noch einmal zu den beiden Fürsten: Hat der Sohn einen anderen Führungsstil als der Vater?

Ja natürlich. Fürst Kraft ist ja noch ganz anders aufgewachsen. Da war alles noch steifer und distanzierter. Fürst Philipp gehört der jungen und toughen Generation an. Das unterscheidet sich dann auch in der täglichen Arbeit. Für Fürst Kraft habe ich alles so weit vorbereitet, wir haben es durchgesprochen, und er hat unterschrieben. Fürst Philipp macht vieles selber. Er beherrscht das wunderbar und ist sehr engagiert.

Als Sie 1981 als Assistentin angefangen haben, war Philipp elf Jahre alt. Sie haben ihn aufwachsen sehen. Wie war es, als er 2004 mit 34 Jahren auf einmal Ihr Chef war?

Daran mussten sich beide Seiten gewöhnen, das ist ganz klar. Wir haben es allerdings nach ein bisschen Gestolpere sehr gut geschafft. Das ging wirklich überraschend gut. Beide waren natürlich auch gewillt, ihr Bestes zu tun.

Pflegen oder pflegten die Fürsten Hobbys außer der Jagd?

Bei Fürst Kraft war die Jagdleidenschaft nicht mehr so stark ausgeprägt, bei Fürst Philipp allerdings schon. Vor allem aber ist Fußball seine Leidenschaft. Er spielt nicht im Verein, aber auf dem Sportplatz. Seine beiden Hunde, von denen einer nicht mehr lebt, hat er „Messi“ und „Zidane“ genannt.

Wird in der Fürstenfamilie in Hohenloher Mundart gesprochen?

Fürst Philipp spricht häufig in Mundart, Fürstin Saskia natürlich nicht, weil sie nicht hier aufgewachsen ist. Fürst Kraft hat immer dann Mundart gesprochen, wenn er entweder sehr gut aufgelegt war oder wenn ihn einmal die Wut gepackt hat. Er hat nie einen Tadel laut geäußert. Er hat dann gesagt: „Ich hob nix g’socht, awwer der Herrgott härd mi brumme.“

Kennen Sie alle Zimmer im Schloss?

Ja, ich denke schon. Eine Zahl kann ich aber nicht nennen; das scheitert schon daran, dass man nicht weiß, wie man diesen Riesendachboden und diesen Riesenkeller in Räumen ausdrücken soll. Bis zum Ende meiner beruflichen Karriere war ich überall. Was man weiß, ist, dass man 450 Fenster zu putzen hat. Den Frühjahrsputz zu organisieren, gehörte auch zu meinen Aufgaben. Das war eine Menge Holz.

Wenn Sie Ihre Zeit im Schloss betrachten, woran denken Sie dann am liebsten zurück?

An das offene und freie Miteinander. Natürlich war in dieser ganzen Zeit nicht immer alles nur Zuckerlecken, es gab natürlich auch Durststrecken. Aber „Discrettissima“, wie ich einmal genannt wurde, kommt von „verschwiegen“. Wenn es einmal schwierig wurde und ich gesagt habe „Herr, lass mich aus dem Fenster!“, dann hat Fürst Kraft nur geschmunzelt und gesagt: „Na ja, schau mer halt mal“ – unter meinem Fenster war ja das Schwimmbad.

Es gibt eine Redensart, die auch im Hohenlohischen sehr verbreitet ist: „Gehe nicht zum Fürst, wenn du nicht gerufen wirst!“ Können Sie das bestätigen?

Nein. Ich hatte nie ein Problem damit, zum Fürsten zu gehen. Es wäre weder zeitgemäß noch dem jeweiligen Fürsten recht gewesen, wenn man sich voller Scheu und Ehrfurcht genähert hätte. Beide wollten ein ganz normales Familienleben und einen ganz normalen Umgang mit der Bevölkerung.

Marlies Herrscher wurde 1953 in Wallhausen geboren und wuchs in Kirchberg auf. In der Buchhandlung Baier in Crailsheim erlernte sie den Beruf der Einzelhandelskauffrau. Später folgten Fortbildungen in Betriebswirtschaft und Wirtschaftsenglisch. Als Verwaltungsangestellte arbeitete Marlies Herrscher in den Stadtverwaltungen in Kirchberg und Gerabronn, als Sachbearbeiterin beim Oberbadischen Volksblatt in Lörrach. Bevor sie 1981 Assistentin im Schloss wurde, leitete sie das Sekretariat der Jugendleiterschule des Christlichen Jugenddorfwerks in Amlishagen. Seit 2012 ist sie im Ruhestand. Mit ihrem Mann ­Erich lebt Marlies Herrscher in Kirchberg. Das Ehepaar hat einen Sohn. erz

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