HT-Interview: „Unsere Klienten stehen ganz hinten“

Wohnungsnot: Ärmere Menschen könnten sich in Innenstädten immer seltener Wohnungen leisten, meint Oliver Klein, Abteilungsleiter der Erlacher Höhe.

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Oliver Klein berät Menschen, die keine Wohnung mehr haben, oder denen eine Zwangsräumung droht. Er setzt sich dafür ein, dass sozial Schwache nicht an den Rand gedrängt werden.  Foto: 

Wie arm sind Menschen in Schwäbisch Hall?

Oliver Klein: Jemand, der in Schwäbisch Hall von Sozialleistungen leben muss, hat zum Lebensunterhalt derzeit 409 Euro zur Verfügung. Hiervon muss alles bestritten werden, außer die Miete.  Als Miet- und Nebenkosten werden bei Einzelpersonen etwa 445 Euro anerkannt. Hartz-IV-Bezieher müssen in Hall aber faktisch über 465 Euro für die Miete ausgeben, weil es einfach so teuer ist. Es gibt also eine Unterdeckung von mehr als 20 Euro pro Monat. Dies bedeutet umgerechnet vier Tage nichts zu essen oder zu trinken – jeden Monat. Das darf verfassungsrechtlich gar nicht sein, denn damit wird dauerhaft das soziokulturelle Existenzminimum unterschritten. Aber Menschen in Notsituationen haben in der Regel nicht auch noch die Kraft, vor Gericht zu ziehen.

In Hall entstehen Wohnungen und Häuser an vielen Ecken, mildert das die Wohnungsnot schon spürbar?

Es kommt zumindest etwas Bewegung in den Wohnungsmarkt. Aber unsere Klienten stehen bei der Wohnungssuche in der Schlange ganz hinten, egal wie lange die Schlange ist.

In Hall werden alte Häuser in exklusiven Wohnraum verwandelt. Können es sich nur noch Reiche leisten, in der Haller Innenstadt zu wohnen?

In vielen Innenstädten sieht man bereits deutlich eine Gentrifizierung – also eine Verdrängung der Geringverdiener an die Peripherien. Ich habe das Gefühl, dass das auch in Schwäbisch Hall so ist. Die Mieten in den deutschen Innenstädten stiegen in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich um mehr als 20 Prozent. Ich befürchte, das ist auch in Hall so. Belastbare Zahlen habe ich aber nicht.

Nehmen Studenten, sozial Schwachen Wohnraum weg?

Es konkurrieren viele Menschen miteinander bei der Suche nach bezahlbarem Wohnraum für eine oder zwei Personen. Da gehören auch Studenten dazu, aber auch andere Alleinstehende, Witwen oder Witwer, Flüchtlinge, Alleinerziehende, junge Menschen, die zum ersten Mal alleine wohnen…

Die Angst vor einer großen Zahl von Flüchtlingen, die auf den Wohnungsmarkt drängen, bewegt viele Menschen. Wie sind die Erfahrungen in Ihrer Praxis?

Die Situation auf dem Wohnungsmarkt vor Ort ist schon seit vielen Jahren sehr schlecht. Bereits vor zehn Jahren forderte die Wohnungsnotfallhilfe eine Wiederaufnahme des sozialen Wohnungsbaus, der nach der Jahrtausendwende fast völlig zum Erliegen kam. Die Zahl der mietpreisgebundenen Wohnungen in Baden-Württemberg hat sich in den vergangenen 15 Jahren mehr als halbiert.

Steuert der Staat nicht dagegen an?

Trotz steigender Mittel beim sozialen Wohnungsbau wird kaum gebaut. In Baden-Württemberg müssten jährlich etwa 10 000 Sozialwohnungen errichtet werden, um den Bedarf zu decken. Tatsächlich wurden 2016 lediglich 1011 Wohnungen gebaut. Bereits vor dem Zuzug der Flüchtenden lebten 22 789 wohnungslose Menschen in Baden-Württemberg. Mittlerweile gehen wir von etwa 30 000 wohnungslosen Menschen aus.

Sind nicht auch die Menschen selbst für sich verantwortlich, Mieten pünktlich zu bezahlen oder in günstigere Wohnungen umzuziehen?

Drohender Wohnraumverlust ist häufig vermeidbar, wenn rechtzeitig interveniert werden kann. In unseren Beratungsstellen wird ein zunehmender Teil der Arbeit in die Prävention von Wohnungslosigkeit investiert, um den durch Überschuldung, Mietrückstände und längerer Arbeitslosigkeit drohenden Wohnraumverlust zu vermeiden.

Wie hilft die Erlacher Höhe?

Die Erlacher Höhe berät und betreut durch ihre Fachberatungsstellen Menschen in prekären Lebenssituationen, die auf der Straße leben, die wohnungslos oder akut von Wohnungsverlust bedroht, beziehungsweise nicht mietrechtlich gemeldet sind.

Beschränkt sich das aufs Thema Wohnen?

Nein. Diese Menschen haben oft weitere soziale Schwierigkeiten, die sie aus der Gesellschaft ausschließen, beispielsweise eine Suchtproblematik, Schulden, psychische Erkrankungen – oft ohne Krankheitseinsicht, traumatische Lebenssituationen, die sie nicht bearbeitet haben oder ein auffälliges, nicht gesellschaftskonformes Auftreten. Im Ambulant-Betreuten-Wohnen unterstützen wir Menschen dabei, dass sie ihre Wohnung nicht verlieren oder nach einer Zeit ohne Wohnung wieder gut im neuen Umfeld zurecht kommen.

Wie helfen Sie konkret?

Oft können Kontakte zu Vermietern oder zu Ämtern hergestellt werden, damit Mietschulden übernommen oder in Raten abgezahlt werden können. Auch bei Nachbarschaftskonflikten können wir ausgleichend wirken. Wir bieten Unterstützung im Haushalt, bei Behördenangelegenheiten und bei der Arbeitssuche. Es gilt, bei der aktuellen Wohnungsnot, unter allen Umständen die Wohnungslosigkeit zu verhindern.

Was hat es mit dem Aufnahmehaus in Künzelsau auf sich?

Das Aufnahmehaus in Künzelsau ist ein kurzfristig belegbares, ambulant betreutes Wohnangebot für Menschen in sozialen Notlagen und Wohnungsnot. Hier können Menschen mit einem Hilfebedarf schnell und unkompliziert aufgenommen werden, damit geklärt werden kann, welche Hilfen sie benötigen und ob sie wieder in eigenem Wohnraum leben können.

Warum gibt es so etwas nicht in Hall?

Drei Landkreise haben vor etwa 30 Jahren beschlossen, in der geografischen Mitte ein gemeinsames Aufnahmehaus zu betreiben, das war Künzelsau. Aus aktueller fachlicher Sicht wären Wohnangebote in allen drei Landkreisen wünschenswert.

Welche Menschen sind vorrangig von der schwierigen Situation auf dem Wohnungsmarkt betroffen?

Nach einer Studie hat die Landesregierung erkannt, dass besonders in den Städten, aber teilweise auch in ländlichen Gebieten günstige Wohnungen fehlen. Betroffen sind insbesondere einkommensschwache Haushalte. Faktoren, wie negativer Schufa-Eintrag, psychische oder gesundheitliche Beeinträchtigung, Drogenmissbrauch, überdurchschnittliche Familiengröße oder Migrationshintergrund können bei Vorstellungen beim Vermieter schnell zum Ausschlusskriterium werden. Für arbeitslose Menschen besteht eine hohe Gefahr, dass sich Arbeitslosigkeit und Wohnungslosigkeit gegenseitig bedingen: Wer zum Beispiel keine Arbeit hat, bekommt schlechter eine Wohnung; wer aber keine Wohnung hat, bekommt schlechter eine Arbeit.

Welche Konsequenzen hat es, wenn ärmere Menschen an die Peripherie gedrängt werden?

Wollen wir, dass bestimmte Menschengruppen nicht mehr in den Zentren leben, weil sie es sich nicht leisten können? Wollen wir soziale Brennpunktgebiete erzeugen? Ich möchte das nicht!

Wird gegengesteuert?

Ich glaube, dass man in Schwäbisch Hall Wert darauf legt, dass es eine soziale Durchmischung gibt. Beim Blick auf manche Neubaugebiete, in denen fast ausschließlich Einfamilienhäuser gebaut werden, habe ich allerdings bei vielen Kommunen meine Zweifel, ob dies so ist. Für die Zukunft braucht es auch verdichtete Wohnräume, in denen mehrere Parteien leben.

Und der soll zentrumsnah sein?

Menschen, die wieder auf dem Weg zurück in ein geregeltes Leben sind, sind angewiesen auf eine Wohnung, die relativ zentral liegt, beziehungsweise die einen gut funktionierenden öffentlichen Nahverkehr hat. Es ist aber zu beachten: im Regelsatz sind etwa 25 Euro monatlich für die Nutzung aller Verkehrsmittel vorgesehen. Davon kann man sich keine Monatsfahrkarte kaufen.

Wie kann man gegensteuern?

Um den sozialen Frieden nicht zu gefährden, muss Wohnraum der öffentlichen Hand oder von kommunalen Wohnungsbaugesellschaften zur Verfügung gestellt und gebaut werden. Eigene Liegenschaften von Bund, Land und Kommunen sollten schnell und verbilligt für den sozialen Wohnungsbau mit langfristiger Sozialbindung freigegeben werden. Besonders im ländlichen Raum sind finanzielle Anreize wie Mietgarantien und wohnbegleitende Hilfen zur Förderung der Renovierung und Vermietung von leerstehendem privatem Wohnraum gefordert.

Was ist ihr Wunsch für die Zukunft?

Absolut wichtig ist es, dass dabei die unterschiedlichen benachteiligten Personengruppen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es besteht nun die Gelegenheit, die Versorgungsprobleme auf den sozialen Wohnungsmärkten für alle gerecht zu lösen mit einem einheitlichen Wohnraumförderprogramm für alle Bedarfsgruppen.

Oliver Klein ist 40 Jahre alt und in Stuttgart geboren. Er ist evangelischer Diakon, hat Religions- und Sozialpädagogik studiert und einen Masterabschluss in Organisationsentwicklung. Seit 15 Jahren lebt er mit seiner Frau in Schwäbisch Hall. Bei der Erlacher Höhe arbeitet er seit acht Jahren, seit Sommer 2016 als Leiter der Erlacher Höhe Hohenlohe-Franken. In seiner Freizeit spielt er Faustball und Volleyball, engagiert sich im Förderverein für die evangelische Jugendarbeit oder genießt die Zeit im Garten.

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