„Sie hat sich nicht rentiert“

Die Negativentwicklung geht weiter: Seit Ende September ist die Mohren-Apotheke in der Neuen Straße geschlossen – wegen „wirtschaftlicher und zeitlicher Gründe“, wie die Inhaberin sagt.

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Über der bisherigen Apotheke steht eine Mohr-Figur.  Foto: 

Es gibt einen klaren Trend: Immer mehr Apotheken werden deutschlandweit geschlossen. So auch in Schwäbisch Hall. Während man 1991 im Stadtgebiet noch unter zwölf pharmazeutischen Kaufleuten wählen konnte, sind es 2017 sieben. In der historischen Haller Innenstadt selbst sind im Oktober einzig die Löwen- und die Dreikönig-Apotheke übrig geblieben.

Denn Ende September hat Apothekerin Susanne Wüstner die Mohren-Apotheke in der Neuen Straße zugesperrt. „Sie hat sich wirtschaftlich und zeitlich nicht rentiert“, ist ihr Fazit nach fünf Jahren. Der parallele Verkauf der Immobilie habe damit nichts zu tun. Vielmehr sei gleichzeitig der Mietvertrag ausgelaufen. „Ich dachte, auch die kleinen Apotheken haben ihre Berechtigung“, bedauert Wüstner, die in einer Öhringer Apothekerfamilie groß wurde. Doch rechtliche Grundlagen zwängten Apotheker in ein enges Korsett, das kaum Freiräume für moderne Unternehmensführung und die Preis- oder Produktpolitik lasse.

Durch die Filiale in der Neuen Straße habe sie doppelt so viele Notdienste geleistet, sagt Wüstner. Immer habe ein Apotheker zu den Öffnungszeiten anwesend sein müssen – so will es das Gesetz. Zugleich stimmte der Umsatz nicht. Es sei derselbe Sachverhalt wie damals bei den Kollegen der Brücken-Apotheke. „Aber alle Angestellten werden übernommen“, stellt sie klar. „Der Laden ist rippelrappelvoll“, entschuldigt Wüstner sich in der Dreikönig-Apotheke und wendet sich wieder der Beratung zu, „der Kernkompetenz der Apotheke vor Ort“.

Statue mit Schale und Schlange

Ein paar Häuser weiter steht auf den grünen Plakaten im alten Schaufenster ein Verweis auf die nächstgelegenen Apotheken – die beiden letzten in der Innenstadt. Oben am Hauseck träumt die historische Statue mit Schale und Äskulapschlange von besseren Zeiten. Die kommen vermutlich nicht mehr zurück.

„Vor 20 Jahren hatten wir zwischen Haalplatz und Gelbinger Gasse noch sieben Apotheken“, erinnert sich Dr. Ulrich Breit von der Haller Löwen-Apotheke. Seit Dezember 2014 steht die Brücken-Apotheke leer, die Werbung hängt noch. Er habe keine wirtschaftliche Perspektive gesehen, meinte 2013 der Apotheker Karl Biener.

Nachfolger Hartmut Wagner gab an, er könne seine Rechnungen nicht mehr bezahlen. Um überleben zu können, müsse man deutlich mehr Erlös machen als früher, weiß Breit. Er ist auch Beirat im Landes-Apothekerverband. Je mehr Ärzte im Umkreis seien, um so höher falle der Umsatz aus.

„Es war eine strategische Entscheidung, im Oktober 2016 eine Filiale der Kreuzäcker-Apotheke im neuen Ärztehaus an der Weilerwiese zu eröffnen“, so Josef Wagner. Er ist mit Edmund Felger Geschäftsführer. „Innenstadtnah, leicht anzufahren und direkt bei den Praxen ist die QmediKo-Apotheke für die Zukunft gut gerüstet“, begründet er die Neueröffnung entgegen dem allgemeinen Negativ-Trend.

„Das Problem ist auf dem Land größer. Die Schwäbisch Haller werden immer eine Auswahl an Apotheken haben“, meint Wüstner. Im Landkreis Schwäbisch Hall liegt die Apothekendichte nach Angaben des Statistischen Landesamts 2016 bei 0,2 pro zehn Quadratkilometer, in der Stadt noch bei 0,7. „Mit einer 40-Stunden-Woche gehen Sie nie raus“, weiß Apotheker Breit. Das sei auch ein Problem für den Nachwuchs.

Dazu käme die politische Ungewissheit, ob sich nach den Versandapotheken wie Doc Morris auch andere Händler dem Medikamentenhandel öffnen würden. Zugleich dürfte man weder die Preise noch die Honorierung bei verschreibungspflichtigen Medikamenten bestimmen. Aber in der bindenden Rechtsform als Kaufmann müsse man stets mit seinem gesamten Vermögen haften und habe hohe Fixkosten, zählt Breit auf. „Dazu haben wir den extrem kurzen Notfalldienst-Rhythmus von nur elf Tagen.“

Breit führt die Löwen-Apotheke in der fünften Generation. Hinter der jahrhundertealten Offizin arbeitet seit kurzem ein hochmoderner Kommissionier-Apparat – wie in vielen anderen Apotheken. Die Medikamente werden automatisiert eingeordnet und ausgegeben. So habe man mehr Zeit für die persönliche Beratung. „Gerade das Zwischenmenschliche ist etwas, was keine Versandapotheke erfüllen kann“, meint Susanne Wüstner.

Auch einen Bringservice bieten viele Apotheken an. „Wir sind schneller als Amazon“, betont Wagner. In der Regel seien nicht vorrätige Medikamente innerhalb weniger Stunden beim Kunden. „Viele denken, wir sind nur Schubladenzieher.“

Doch ein Apotheker sei viel mehr. Eine der wichtigsten Aufgaben und Fähigkeiten sei zu entscheiden: „Kann ich dem Kunden noch helfen oder muss er zum Arzt?“, ergänzt Breit. In Hall werde das gut gemacht, lobt er. Es gehe im Ernstfall nie um den Umsatz, sondern um die Menschen. Zugleich habe man als Apotheker die Nebenwirkungen im Auge, stelle die richtigen Fragen und kontaktiere bei Unklarheiten den Mediziner. „Da kann eine Internetapotheke Sie nur alleine lassen.“

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