„Raus aus der Stressfalle“

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Katja Kipping beim Gespräch in der Redaktion.  Foto: 

Frau Kipping, das wievielte Interview heute ist das?

KATJA KIPPING: Es ist heute das erste Interview. Überhaupt ist es für mich die erste große Veranstaltung nach dem Familienurlaub. Ich hatte schon verschiedene Wahlkampftermine, doch die heiße Phase startet jetzt in Baden-Württemberg. Hier beginnt der Endspurt für die letzten sechs Wochen.

Sie werden oft auf Ihr Äußeres angesprochen?

Wirklich. Woher wissen Sie das?

Das habe ich gelesen. Nervt das eigentlich?

Hauptsächlich werde ich auf meine spannenden und anregenden Ideen für eine bessere Gesellschaft angesprochen – wie zum Beispiel: radikale Arbeitszeitverkürzung und bedingungsloses Grundeinkommen für alle. Aber ansonsten freue ich mich über ernst gemeinte Komplimente. Dazu sage ich aber auch: Zu einem guten Kompliment gehört das richtige Timing. Schlechtes Timing für ein Kompliment ist dann, wenn man gerade in einer spannenden inhaltlichen Kontroverse ist.

Deshalb kommt diese Frage ja ganz am Anfang. Finden Sie, dass Ihnen Rot gut steht?

Ja. Es schmeichelt meinem Teint. Im Übrigen ist es die Farbe einer großartigen Partei – und zwar einer Partei, auf deren Nein zum Krieg immer Verlass ist.

Ich kann gut Schwäbisch. Wie sieht’s mit Ihrem Sächsisch aus?

Tja, da gehen die Meinungen auseinander. Innerhalb von Sachsen kriege ich gesagt, dass ich kaum noch Sächsisch sprechen würde, außerhalb von Sachsen sieht man das deutlich anders.

Sie haben den Linken-Kandidaten für den hiesigen Wahlkreis mitgebracht. Mögen Sie Kai Bock?

Wir hatten schon mal eine gemeinsame Veranstaltung – bei einer Buchlesung. Da hatten wir uns schon ganz trefflich unterhalten. Ihn mag ich sowieso sehr.

Wie würden Sie ihn charakterisieren?

Ein Mann aus dem Harz, der hier im Schwabenland Fuß gefasst hat, das Herz am rechten Fleck hat und mit viel Einsatz ehrenamtlich für eine friedliche Welt streitet.

KAI BOCK: Das fasse ich als großes Kompliment auf.

In Ihrem ersten Punkt des Wahlprogramms schreiben Sie: Gute Arbeit für alle. Wie geht das denn?

Gute Arbeit heißt, dass man davon leben kann und dass sie vor Altersarmut schützt. Gute Arbeit heißt aber auch gute Planbarkeit, deshalb sind wir gegen sachgrundlose Befristung. Wir müssen aus dieser Stressfalle herauskommen. Was wir an Arbeit haben, ist so verteilt, dass beide Seiten gestresst sind: Wer eine Vollzeitstelle hat, ist gestresst, weil er Überstunden leisten muss und das Gefühl hat, immer erreichbar sein zu müssen. Wer keine Arbeit hat, ist gestresst, weil auf Bewerbungen ein Korb nach dem anderen folgt. Wir müssen die Arbeit gerechter verteilen.

Haben Sie ein Vorbild für Gleichheit und Gerechtigkeit vor Augen?

Die Gesellschaft, für die wir streiten, gibt es bisher nirgendwo komplett. Aber das muss nicht so bleiben. Es gibt Ansätze, die wir interessant finden: Zum  Beispiel das Rentenmodell in Österreich, Städte in Skandinavien, die die 30-Stunden-Woche eingeführt haben oder das finnische Schulmodell, in dem die Kinder länger gemeinsam lernen.

Die Linke ist die Nachfolgepartei der SED, der Einheitspartei der DDR. Was lernt Ihre Partei aus dieser Vergangenheit?

Für mich war es sehr wichtig, dass die Partei aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Eine der schweren Erkenntnisse aus der linken Geschichte ist, dass man Freiheitsrechte niemals auf dem Altar eines vermeintlich höheren Zieles opfern darf. Zu DDR-Zeiten wurde gegen Beschwerden oft argumentiert: Aber es dient doch dem Weltfrieden. Was will man dagegen schon sagen? Heute heißen die großen Ziele anders. Terrorabwehr zum Beispiel. Dafür werden Grundrechte einkassiert. Zu den großen Erkenntnissen zählt: Grundrechte dürfen nicht eingeschränkt werden.

Sie kommen direkt aus dem Urlaub, machen einen entspannten Eindruck. Wie halten Sie diesen Zustand in der heißen Phase des Bundestagswahlkampfs aufrecht?

Ich achte darauf, immer wieder auch Zeit für meine Tochter zu haben. Sie ist jetzt fünf Jahre alt. Die Zeit mit ihr vergeht unglaublich schnell. Ich plane feste Zeitfenster ein. Im Übrigen ist Politik für mich nichts, wovon ich mich erholen muss. Das Engagement gehört für mich zu einem guten Leben dazu. Ich bin als Bundestagsabgeordnete in der komfortablen Lage, dafür sogar bezahlt zu werden.

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