"Mir glühen die Füße" - Die heißesten Arbeitsplätze der Stadt

Literweise trinken, arbeiten in langer Unterhose, kaltes Wasser über Pulsadern: Wie in Hall am Freitag, dem wohl heißesten Tag des Jahres, gearbeitet wird.

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Es wäre nicht klug, in diesem Moment einen Jack Daniels zu trinken. So sieht das Michael Schuster, er lächelt und blickt kurz an seinem T-Shirt herab, auf dem in großen Lettern das Signet der Whiskymarke abgedruckt ist. Der Name des hochprozentigen Stoffs ist natürlich nicht Programm für Schuster und seinen Kollegen Heino Köcke, schon gar nicht an einem Tag, an dem das Wetter selbst hochprozentig ist. „Wir trinken Wasser, Grapefruit, alles, was erfrischend ist“, sagt Köcke. „Und zwischendurch gibt es eine Wassermelone zum Essen.“

Schweißer haben 800 Grad

Köcke und Schuster arbeiten an diesem Freitag, dem vermutlich heißesten Tag des Jahres, auf dem Dach eines Neubaus im Hessentaler Wohngebiet Mittelhöhe. Auf der 150 Quadratmeter großen Fläche gibt es nicht den Ansatz eines schattigen Ecks, es gibt dort oben nicht mal ein Eck. Die Sonne brennt auf die Arbeiter nieder. In der Gluthitze schweißen sie Bitumenplatten zusammen und arbeiten dabei mit Brennern, die laut Schuster „etwa 800 Grad haben“.

Köcke, 45, schweißt in einer Ecke des Daches die nächsten Platten zusammen. Das Feuer erhitzt die ohnehin heiße Luft um ihn herum noch weiter, aus dem Spalt fließt ein Rinnsaal flüssigen schwarzen Bitumens. Der Boden auf dem Dach ist bereits mit Platten belegt, das Material ist so heiß, dass jeder Schritt in den schweren Arbeitsschuhen unangenehm ist. „Mir glühen die Füße“, sagt Köcke. Auf den Bodenplatten sei es „sicher 70 bis 80 Grad heiß“. Am Donnerstag arbeitete Köcke den ganzen Tag auf dem Dach. Nachmittags hatte ihn die Hitze schwindlig gemacht, er machte früher Feierabend, um 16.15 Uhr. Am Freitag begannen die Dacharbeiter statt um 7 Uhr um 6 Uhr, entsprechend früher am Nachmittag konnten sie Schluss machen.

Joachim Mack: "Mittags ist man platt"

Joachim Mack und Aras Salim laufen an diesem glühend heißen Freitag von morgens bis etwa 13.30 Uhr durch die Straßen des Roll- und Reifenhofs. Sie stellen die Post zu. In Macks Wagen liegt eine 0,5-Liter-Flasche voll Wasser. „Das ist eigentlich zu wenig“, sieht der 51-Jährige ein. Doch er kennt viele Kunden, oder besser: Viele Kunden kennen Mack und versorgen ihn und Salim mit Getränken, wenn sie zum Briefkasten gehen oder an der Haustür klingeln. Je später es wird, desto mehr macht sich die Hitze bemerkbar: „Mittags ist man platt“, sagt Mack.

Während die Zusteller über den heißen Asphalt gehen, steht Dieter Goly in der aufgeheizten Luft auf dem Flachdach der Grundschule Gottwollshausen. Der 55-Jährige mit braungegerbter Haut trägt ein langärmliges, bis zu den Ellenbogen hochgekrempeltes Hemd, eine lange Arbeitshose und eine lange Unterhose. Letztere verhindert grundsätzlich Brandblasen beim Hinknien – und speziell Unfälle an heißen Tagen. Als Goly Ende der 1970er Jahre den Beruf des Zimmermanns lernte, wollte er an einem ähnlich heißen Tag wie dem vergangenen Freitag einen größeren Schritt tun – einen größeren, als er wegen der am schweissnassen Bein klebenden Arbeitshose machen konnte. Er stürzte auf das Gesicht, der Chef sagte hinterher: Mit langer Unterhose wäre das nicht passiert. Seitdem trägt Goly eine beim Arbeiten. Überhaupt sei lange Kleidung bei Hitze besser, sagt die Chefin der Dachdeckerfirma Blessing. Der Stoff „zieht alles auf“ und schütze den Körper vor der Sonneneinstrahlung.

Hajro Becovic: "Ich mache mich jede halbe Stunde komplett nass"

Wenige Meter entfernt arbeitet auch Hajro Becovic in einem langärmligen weißen Shirt. So hat er mehr Stoff, dass er mit kaltem Wasser abspritzen, sich wieder überziehen und erfrischend auf der erhitzten Haut spüren kann. „Ich mache mich jede halbe Stunde komplett nass.“ Dem Maurermeister rinnen drei Schweißbahnen an der rechten Backe herunter. Er schwitzt schnell wieder das viele Wasser aus, das er an einem Arbeitstag in der sengenden Sonne trinkt. Seine Tagesmenge liege bei mindestens zehn Litern, sagt der45-Jährige.

Auch Goly und sein Kollege Wilfried Lavarra haben in dem neben der Baustelle stehenden Firmenwagen Getränke gebunkert: 1,5-Liter-Flaschen voll Grüntee und Wasser mit Zitronengeschmack. „Die Getränke dürfen nicht zu süß sein, sonst bappt einem bei dieser Hitze die Gosch zusammen“, sagt Goly.

„Fünf Liter Wasser schafft man locker“, sagt Jürgen Müller, wenn er über seine Trinkmenge an einem heißen Arbeitstag auf der großen Treppe spricht. Als Müller am späten Nachmittag die Bühnentechnik für die Aufführung der Freilichtspiele aufbaut, spricht er gelassen über die Hitze: Sie sei kein Problem, eher eine Herausforderung. „Man muss sich mental darauf einstellen.“ Müller lässt sich, wenn er auf die Toilette geht, kaltes Wasser über die Pulsadern laufen, bei Sonne setzt er sich einen Strohhut auf – das reicht. Die Treppe habe den Effekt, Wärme aufzunehmen und wieder abzugeben: „Von oben kommt die Sonne, von unten die Wärme“, sagt Müller. Auch der Sandstein der Kirche erhitze sich, ebenso wie Metallteile, die den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt waren. „Da muss man eben dran denken.“

Ähnlich gelassen gehen Sina Zeller und Birgit Kohmann mit der Hitze an ihrem Arbeitsplatz um. An einem ohnehin schon heißen Tag stehen sie in der Kantine der Bausparkasse an der Wok- und Pizzatheke, an der das Essen mit Wärmelampen heiß gehalten wird. „Ich leide nicht darunter“, sagt Kohmann, die dennoch froh sein wird, nach Feierabend die Kochkleidung gegen ein ärmelloses Shirt tauschen zu können.

Für Kollegin Zeller ist das einzige Problem der Gang ins Kühlhaus: Der plötzliche Wechsel von etwa plus 40 Grad auf Minusgrade sei unangenehm, härte aber auch ab. Die Küche selbst ist klimatisiert, sagt Ulrich Zorn. Der Küchenleiter der Bausparkasse sagt, dass die Mitarbeiter in der Küche hohe Temperaturen gewohnt, aber an extrem heißen Tagen auch eine Spur „belasteter“ seien.

Heino Köcke: Nach Feierabend: „Erstmal duschen, essen, auf die Couch setzen. Und dann schläft man auch gleich ein.“

Stärkere Auswirkungen bei seinen Mitarbeitern hat Harald Feiler, Chef der gleichnamigen Gaildorfer Hausrenovierungsfirma, bei seinen Mitarbeitern beobachtet, die in Hessental gerade ein Haus renovieren: Seine Leute seien in der Hitze irgendwann „fix und fertig“. Auf dem Dach potenziere Mineralwolle die Hitze. Dachdecker und Arbeiter im Straßenbau gehörten zu jenen Berufsgruppen, die an Tagen wie gestern „am meisten leiden“.

Was Heino Köcke, Dacharbeiter im Gebiet Mittelhöhe, nach einem Arbeitstag in großer Hitze macht? „Erstmal duschen, essen, auf die Couch setzen. Und dann schläft man auch gleich ein.“

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