"Mein Herz schlägt weiter für den Krebsverein" - Interview mit Reiner Blobel

Neue Struktur, Kündigung, Leserbriefe: Beim Haller Krebsverein gibt es einen Veränderungsprozess, der auch Emotionen weckt. Wie blickt der Ehrenvorsitzende und Gründer Reiner Blobel auf diese Entwicklung?

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    Professor Dr. Reiner Blobel hat den Haller Krebsverein gegründet. Foto: 
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Wann und warum haben Sie den Haller Krebsverein gegründet?
REINER BLOBEL: Das war Anfang der 80er-Jahre. Ich habe damals als Chefarzt am Haller Diakonie-Klinikum gearbeitet. Mir ging es vor allem darum, zusätzliche finanzielle Mittel zu gewinnen, um Patienten noch besser und angemessener Therapie, Diagnostik sowie Zeit zu bieten.

Was war damals die Idee dahinter?
Einen Verein zu gründen, der über Spenden und Öffentlichkeitsarbeit Geld organisiert. Im Vorstand waren Landrat, Oberbürgermeister, Ärzte mit der entsprechenden Fachkompetenz und betroffene Patienten. Einen Schwerpunkt bildete dabei neben der medizinischen Behandlung vor allem die psychoonkologische Betreuung von Frauen, die an Brustkrebs erkrankt waren. Ich habe dafür einen Gesprächskreis gegründet, den ich auf breitere Füße stellen wollte, so entstand der Krebsverein, dessen Vorsitzender ich war. Es wurde Gemeinnützigkeit verankert, Spenden gesammelt und Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Ich habe in der Zeit viele Vorträge über Krebs, insbesondere über Brustkrebs gehalten. Der Verein wuchs in wenigen Jahren auf über 1000 Mitglieder an. Es wurden im Laufe der Jahre mehrere Millionen für die Krebspatienten bereitgestellt. Die weitere Entwicklung war fast ein Selbstläufer und es ging kontinuierlich aufwärts.

Wann haben Sie den Vereinsvorsitz abgegeben?
1995 habe ich meine Arbeit als Chefarzt am Diakonie-Klinikum beendet. In den nächsten Jahren gab ich dann auch den Vereinsvorsitz ab, weil es wichtig ist, in den jeweiligen Fachgebieten auf dem neuesten Stand zu bleiben.

Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung des Krebsvereins?
Sehr kritisch. Es hat wohl Kommunikationsprobleme gegeben. Ich bedauere das sehr. Hintergrund ist, dass sich der Verein derzeit eine neue Struktur gibt, auch weil sich vorab Strukturen verändert haben. Es wurden mittlerweile zwei neue Stellen am Diak geschaffen, die stationär die psychoonkologische Betreuung von Krebspatienten übernehmen. Zuvor wurden Krebspatienten sowohl stationär als auch ambulant von Ingrid Wartenberg betreut, nach Schaffung der zwei hauptamtlichen Stellen am Diak von ihr nur noch ambulant. Sie ist die einzige Angestellte des Vereins und betreut Krebspatienten und deren Angehörige seit 1994. Der Vorstand hat dann in einer Sitzung im Herbst 2014 beschlossen, nicht mehr mit Frau Wartenberg zusammenzuarbeiten und ihr eine andere Stelle als Physiotherapeutin am Diak angeboten. Sie hat daraufhin mit Wirkung zum 1. Juni 2015 gekündigt. Ihre Stelle soll als Teilzeitstelle wieder besetzt werden. Es gibt mittlerweile mehrere Bewerbungen.

Haben Sie Verständnis für den Veränderungsprozess im Verein?
Ja, weil vor allem neue Strukturen und wirtschaftliche Gründe dafür sprechen. Auch im Krebsverein braucht es ökonomisches Denken. Der Krebsverein trägt die Kosten für die Vollzeitstelle von Ingrid Wartenberg seit 1994, seit 1998 zu 100 Prozent. Das sind mittlerweile ca. 70.000 Euro im Jahr. Das ist ein Großteil der Einnahmen des Vereins. Fördermittel des Landes in Höhe von 50.000 Euro im Jahr gibt es nur, wenn Qualitätskriterien des Sozialministeriums an diese Stelle erfüllt werden. Diese erfüllt aber Frau Wartenberg nicht. Zudem wird ja inzwischen die stationäre Betreuung der Krebspatienten von qualifiziertem und hauptamtlichem Personal am Diak und nicht mehr von Frau Wartenberg übernommen.

Wie sehen Sie die Kündigung von Frau Wartenberg?
Ihr wurde eine Stelle als Physiotherapeutin am Diak angeboten. Damit war sie nicht einverstanden. Danach gab es wohl Kommunikationsprobleme. Die Arbeit von Ingrid Wartenberg wird von den Patienten sehr geschätzt. Ich bedauere aber die Stimmungsmache sehr, die nach der Kündigung begonnen hat. Denn das Entscheidende wird dabei völlig aus dem Blick verloren. Der Krebsverein wurde ja zu dem Zweck gegründet, die Behandlung von Krebspatienten zu optimieren. Es geht um die Patienten. Der Krebsverein war und ist nur Mittel zum Zweck. Nun scheinen plötzlich persönliche Befindlichkeiten eine viel größere Rolle zu spielen. Dabei ärgert mich jeder Leserbrief, in dem deutlich wird, dass einfach entscheidendes Hintergrundwissen fehlt. Noch nie hat etwas dem Krebsverein so geschadet, wie diese Flut der Leserbriefe aus dem Umfeld von Frau Wartenberg derzeit. Einige Mitglieder sind bereits ausgetreten. Ingrid Wartenberg hat ja die Möglichkeit ehrenamtlich für den Krebsverein weiterzuarbeiten, wenn er ihr wirklich am Herzen liegt.

Was bedeutet es, dass sich der Freundeskreis des Krebsvereins aufgelöst hat?
Das ist eine Gruppe von 12 bis 15 Menschen, die wertvolle ehrenamtliche Arbeit geleistet und im Jahr zwischen 10.000 und 15.000 Euro für den Verein gesammelt haben. Der Freundeskreis hat sich von der Stimmungsmache nach der Kündigung von Frau Wartenberg anstecken lassen und sich danach aufgelöst. Das ist sehr bedauerlich. Diesen Freundeskreis gab es bereits als ich noch im Dienst war. Ich erinnere an die verstorbene Barbara Geist, die damit begonnen hatte, mit viel Engagement und bei jedem Wetter beispielsweise an Ständen auf dem Haalplatz oder in Obersontheim für den Krebsverein Geld zu sammeln.

Braucht es den Krebsverein weiterhin?
Ja. Ich erinnere an die Beweggründe bei der Gründung, die heute noch genauso gelten. Es geht um die Krebspatienten. Die stehen im Mittelpunkt und sollen möglichst optimale Krebstherapie und neue Geräte für die Diagnostik im ländlichen Raum bekommen. Dazu trägt der Krebsverein seinen Teil bei. Er sammelt Geld und unterstützt die Anschaffung von neuen Geräten. Er unterstützt die psychoonkologische Betreuung von Patienten. Ich wiederhole, er ist Mittel zum Zweck.

Worauf kommt es nun vor allem an?
Ich appelliere an die Vernunft. Es kann doch nicht das Ziel sein, den Krebsverein kaputt zu machen, nur weil jemand gekündigt hat. Jeder ist ersetzbar, das galt auch für mich, beispielsweise nach der Zeit, als ich Chefarzt am Diak war.

Was wünschen Sie sich für die Jahreshauptversammlung des Vereins im Herbst?
Es sollte nun endlich wieder Ruhe eintreten. Bis dahin sollte ein Weg gefunden werden, wie die ambulante psychoonkologische Betreuung wieder weiterlaufen kann, so dass auch Fördermittel des Landes generiert werden. Aussichtsreiche Bewerbungen liegen wohl mittlerweile vor.

Bleiben Sie Ehrenvorsitzender?
Ja, mein Herz schlägt weiter für den Krebsverein.

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