„Lutherisches Gesindel“

Unterdrückte Bauern rebellieren gegen das Fürstenhaus und werden zu Räubern: Die Mainhardter Laienschauspielgruppe zeigt wieder ihr mitreißendes Historienstück über Aufstand und Gewalt.

|

Fünf auf die linke Arschbacke, fünf auf die rechte Arschbacke, damit er weiß, warum er sich so wehrt.“ Diese Form der Bestrafung wählt der Regent des Fürstes, Amtmann Steinbauer, um Jörg Heinold zu bestrafen. Der Mainhardter Bauer hat seine Frondienste nicht geleistet, also kriegt er schmerzhafte Schläge auf den Hintern. Weil der Handlanger des Amtsmanns aber zu früh damit beginnt, befiehlt Steinbauer, pragmatisch, wie er ist: „Dann fangen wir halt nochmal von vorne an.“

Momente später hört er aber wieder auf. Die Bauern kommen, um den Besitzer des Heinoldshofs aus seiner misslichen Lage zu befreien. Der Konflikt mündet in mehreren Handgemengen, bis die Vertreter der Obrigkeit, die Musketiere, weglaufen. „Wie die Hasen“, spottet ein „Wäldler“.

Dies ist die Szene, in denen sich die sogenannten „einfachen Leute“ zum ersten Mal körperlich den Uniformträgern und damit  dem in Saus und Braus lebenden Fürst Joseph widersetzen. Die Protestanten, die in den Weilern und Höfen um Mainhardt schuften, werden von dem neuerdings katholischen Fürstenhaus Hohenlohe-Pfedelbach zu immer mehr Abgaben und Frondiensten gezwungen. Der Konflikt verschärft sich, es kommt zu einer Schlacht mit Toten und Verletzten, aber der Kampf ist ungleich: Heugabeln gegen Gewehre, Manneskraft gegen Feuerwaffen.

Zehn Jahre Rechtsstreit

Zwei Bauern ziehen zum Reichsgerichtshof in Wien, es beginnt ein Rechtsstreit. Er endet nach zehn zermürbenden Jahren – zu Ungunsten der fürstlichen Untertanen. Sie wollen Gerechtigkeit und werden zu Räubern.

Wie diese aus Knechten, Taglöhnern, Salzträgern, Bürstenbindern bestehende Bande zwischen 1750 und 1773 die Gegend terrorisierte, davon handelte das Schauspiel  „Die Räuber vom Mainhardter Wald“. Die Mitglieder des Laienschauspiel-Vereins führten es von 2004 bis 2014 auf dem Gögelhof-Gelände bei Ammertsweiler auf, mit weitem Blick ins Brettachtal.

Seit drei Jahren läuft das Nachfolgestück: „Aufstand im Mainhardter Wald. Von Rebellen zu Räubern“ zeigt die Vorgeschichte der Bande – in jener versteckten Ecke des Mainhardter Walds, in der sie im späten 18. Jahrhundert ihren Stammsitz und Rückzugsort haben sollte.

Heike Krause und der Autor des aktuellen Stücks, Wolfgang Truckenmüller, recherchierten die historischen  Fakten. Aus ihnen setzten sie ein Historienstück zusammen, das Zuschauern den Atem rauben kann.

Nicht nur die spektakuläre, von Aufstand und Gewalt geprägte Geschichte macht die Aufführung zu einem Erlebnis. Auch und vor allem der Auftritt der knapp 100 Mitspieler und des Teams dahinter haben bei der 2017-Premiere  für einen rauschhaften Freitagabend gesorgt.

Die Handlung, die Effekte, die Kostüme, Masken und Frisuren, die Mimik und Gestik der Schauspieler – all das ist so authentisch, überzeugend und stimmig, dass der Zuschauer sich über das Wort „Laie“ im Vereinsnamen der Gruppe wundert. Der Gedanke endet mit einer unausgesprochenen Behauptung: Das sind keine Amateure mehr. Oder um es mit der Zuschauerin Rose Geiger aus Allmersbach im Tal zu sagen: „Das sind richtige Profis.“

Gehumpelt bis zuletzt

Regisseurin Angelika Tröster hat mit ihrem Team jedes noch so kleine Detail einstudiert. Posaunt ein Zuarbeiter des Fürsten bei dem Konflikt auf dem Heinholds­hof das Wort „Todesstrafe“ hinaus, weichen die Bauern zurück – fast unmerklich, aber doch sichtbar. Was gesagt wird, stimmt mit Körpersprache und -ausdruck überein. Wer in der anrührenden Beerdigungsszene nur als Statist am Rande steht, schaut trotzdem nicht unbeteiligt in die Landschaft. Die Köpfe hängen, die Mienen sind so unübertrieben ernst, dass, wer nicht nachdenkt, sich auf einer realen Beerdigung wähnen könnte.

Nach der Schlacht humpelt ein Verletzter aus dem Zuschauerkreis heraus. Vor einem Unterstand sieht ihn fast kein Zuschauer mehr, zumal die meisten Augenpaare jetzt wieder auf die Mitte der Szene gerichtet sind. Aber nein – der Schauspieler beendet das Humpeln wirklich erst dann, wenn er sich sicher sein kann, komplett aus dem Blickfeld zu sein.

„Das Auftreten der Schauspieler muss logisch sein. Das ist das, was ich unter Regie verstehe“, sagt Angelika Tröster. Dafür kommen die Akteure in ihrer Freizeit zu den Proben, „Viele direkt nach der Arbeit“. Ihr Bestreben, erzählt die Regisseurin, sei es, eine harmonische Gruppe zu sein. „Die große Zahl an Spielern muss man zusammenhalten und unterschiedliche Charaktere vereinen, von Jung bis Alt.“ Das sei eine Herausforderung. Mit 74 Jahren ist Kurt Steiner der älteste Schauspieler. Jüngste Akteurin ist die zweieinhalbjährige Helena Dyba.

Vom Wirtshaus zum Weiher

Wie die Rebellen zu Räubern werden, wird in neun Szenen an verschiedenen Orten gezeigt. Etwa im Wirtshaus Laukenmühle, das es in der Nähe wirklich gab. Joggel (Wulf von Wurmb), Maria (Jenny Strauß), ihr Vater Ungerer (Uwe Jenß) und weitere Bauern schimpfen über den Fürsten: „Der saugt uns aus bis aufs Blut.“ Die Szene endet, die Zuschauer gehen mit Stühlen, Bier und Rollator 15 Meter nach links, zu den Waschweibern am Weiher.

Bei jedem Szene-Wechsel führen Erzählerin und Akkordeonspieler die Zuschauer, in der Pause spielen die „Gmender Geigerla“ Musik aus Mittelalter und Renaissance. Die Landfrauen bewirten, die Mitglieder der Feuerwehr haben zuvor die Besucher in die Parkplätze eingewiesen.  Die sechs Aufführungen in diesem Sommer sind ein Gemeinschaftsakt mit vielen weiteren Beteiligten, etwa für Licht, Ton, Effekte, Kulissen und Masken.  Andrea Janson zum Beispiel schminkt vor dem Stück Martin Benzinger. Er spielt den hochmütigen Amtmann Steinbauer, der die Steuern eintreibt und Schläge auf die Arschbacken von Jörg Heinold (Martin Schieber) verteilen lässt. „Im alten Stück bin ich besser weggekommen“, sagt der 54-Jährige schmunzelnd über seine Rolle.

Loch im Gebüsch

Benzinger ist an Bord, seit es das Projekt gibt. Auch Hans Kotzel, der die Gäste am Eingang begrüßt und dann den Büttel Heiner verkörpert, ist seit 2004 dabei. Fürst Joseph alias Martin Wolfram trifft sich mit ihnen vor und nach dem Stück im Backstage-Bereich – einer Art großen Unterstand, der über ein Loch im Gebüsch und einen schmalen Waldweg erreichbar ist.

Doch verstecken muss sich niemand der Darsteller. Den Konflikt zwischen Arm und Reich, zwischen Ohnmacht und Macht stellen sie besonders gut in zwei aufeinanderfolgenden Szenen dar. Der deprimierenden, hoffnungslosen Beerdigung von Ungerers Frau folgt das höfische, dekadente Gelage des kindisch herumhüpfenden Fürsten. Hauptmann Conrad (Matthias Berger) animiert die Besucher: „Wenn der Fürst kommt, wird anständig gejubelt.“ Und überhaupt: In der ersten Reihe hätten nur Katholiken zu sitzen und Protestanten nichts verloren. Der Amtmann stänkert: „Diese Mainhardter, dieses sau-lutherische Gesindel.“ Joseph wählt lieber das Wort „Pöbel“.

Die Natur als Kulisse

Alles an diesem Abend ist so stimmig, dass beim vermeintlichen Liebesakt hinter Strohballen passgenau eine Kuh laut stöhnt. Tiere gehören auf dem Gögelhof eben zur Crew dazu.

„Die Show war toll“, lobt Evi Jeutter aus Auenwald. Hallen-Aufführungen könnten mit diesem Stationentheater vor Natur-Kulisse niemals mithalten, findet Rose Geiger. Auch Lothar Bucher aus Backnang und Albrecht Jeutter aus Auwenwald loben die Leistung der Laienschauspieler. „Aber lustig ist die Handlung eigentlich nicht.“

In der Tat: Am Ende liegt Ungerer mit Stichwunden auf einer Bank. Sein Tod ist der Anfang: Aus den Rebellen werden die Räuber. Ein Wort wird in den Nachthimmel geschrien: „Freiheit.“

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Manz CIGS Technology GmbH: Sondereffekt stärkt Gewinn

Unternehmensgründer Dieter Manz gibt den Vorstandsvorsitz ab. Er wechselt in den Aufsichtsrat der Aktiengesellschaft. weiter lesen