„Lass die Kinder doch spielen“

Der Philosoph Professor Dr. Julian Nida-Rümelin war beim Musikwinter zu Gast. Im Gespräch über die Entwicklungen der Bildung in westlichen Staaten erläuterte er die Bandbreite dieser Thematik.

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Der Politologe und Philosoph Professor Dr. Julian Nida-Rümelin beim Rendezvous im Bilderhaus im Gespräch mit Susanne Führer. Sie arbeitet beim Sender Deutschlandradio Kultur und ist mehrfach ausgezeichnete Moderatorin.  Foto: 

Der durchaus beabsichtigte Dialog mit den Referenten bringt in die Rendezvous-Reihe des Musikwinters immer wieder erstaunliche dramaturgische Farbspiele. In der Regel hat das Publikum am Ende eines Einzelvortrags die Möglichkeit, an die Referenten Fragen zu stellen oder zusätzliche persönliche Stellungnahmen abzugeben. An diesem besonderen Abend war das übliche Geschehen erheblich angereichert. Durch die Mitwirkung der mehrfach als Moderatorin ausgezeichneten Susanne Führer vom Deutschlandradio Kultur entwickelte sich eine spannende Interview-Situation, die sich durch hohe Präsenz bei Julian Nida-Rümelin widerspiegelte. Keine Fragestellung war am falschen Platz, kein Impuls blieb unerwidert.

Weniger schwadronieren

Der 1954 in München geborene  Wissenschaftler begegnete seiner Gesprächspartnerin auf Augenhöhe und zeigte seine Wertschätzung durch ausgeprägte Sachlichkeit, ohne auf einige ironische Bemerkungen zu verzichten. „Wir wollen Trump für diesen Abend beerdigen“, warf er verschmitzt ein, als Susanne Führer sich an Donald Trump anfangs einfach nicht vorbeimogeln konnte. Waren die Wähler in den USA zu ungebildet, sind große Teile der Bevölkerung einfach zu dumm? Es war bezeichnend, dass der Philosoph und Ethiker von der Universität München gleich zu Anfang den Überdruck aus dem Kessel nahm. „Wir hatten bei der Berichterstattung während des US-Wahlkampfs leichtfertige Fehl­einschätzungen. Wir brauchen jetzt mehr Informationen, weniger Schwadronieren und mehr Sachlichkeit“, stellte er fest.

Susanne Führer war es zu verdanken, dass das Gespräch sehr bald auf einer höheren, mehr abstrakten Ebene geführt werden konnte. Fehlte es den Wählern an Bildung? Der Politikwissenschaftler gab zu bedenken, dass formale Bildung alleine noch lange keine Garantie für politisch vernünftige Entscheidungen sei. Zwar brauche die Demokratie Bildung, aber sie komme ohne zusätzliche Urteils- und Entscheidungskraft nicht aus. Bereits in der Antike sei der Begriff „Phronesis“ als „erfahrungsgesättigte Klugheit“ ein Leitbegriff für ethisches und demokratisches Handeln gewesen.

Die aufmerksame Moderatorin brachte die westliche Bildungs­tradition, den deutschen Bildungsbegriff ins Spiel. Nida-Rümelin konnte Bedenkliches berichten. Die Ideale von Kant, Humboldt und Fichte sind in den USA oft noch wichtiges Leitbild – bei uns fristen sie nach seiner Ansicht inzwischen ein dürftiges Dasein. Lagen die Wurzeln unseres Bildungsbegriffs bei Meister Eckhart im 14. Jahrhundert?

Susanne Führer überwand die historischen Untiefen und setzte nach: „Was soll Bildung richten?“ Über die Schlussfolgerungen aus der Pisa-Studie zeigte sich Nida-Rümelin sehr unzufrieden. Die Orientierung an den USA sei problematisch gewesen, musische Bildung habe man vernachlässigt. Als Ergebnis dieser negativen Entwicklungen drängte sich im Interview die Frage nach einer ganzheitlichen, kulturellen Leitidee auf. Der Hochschulprofessor fand vor dem Hintergrund seiner alltäglichen Erfahrungen klare Worte: „Wir müssen wieder zur Fachlichkeit zurückfinden, die Psychologie hat die Pädagogik abgehängt.“ Er nannte diese Entwicklung der kulturellen Leitidee in der Folge von Pisa eine „De-Qualifizierungskompetenz“ – viele Studenten würden geprüft, ohne dass die Prüfer selbst qualifiziert seien. Was nur schwer messbar sei, etwa Kooperationsfähigkeit, fiele hierbei unter den Tisch. „Fachlichkeit ist Voraussetzung für Tiefe“, so seine Schlussfolgerung.

Dr. Nida-Rümelin kritisierte eine zunehmende Verflachung des Bildungsanspruchs und zeigte eine kritische Haltung gegenüber dem Gewinnstreben der Wirtschaft. „Wollen wir Personen, die nur noch funktionieren?“ Seine Aufzählung der damit verbundenen Fehlsteuerungen im deutschen Bildungswesen war umfangreich. Für seine Interview­partnerin drängte sich der Gedanke nach einem Bildungskanon auf. „Was gehört dazu?“ Der Philosoph nannte einige Wegpunkte: die Welterschließung durch Erfahrungswissen, eine Erfahrung von eigener Selbstwirksamkeit und den Sturz des Sachwissens vom Gewinnertreppchen. „Lass die Kinder doch spielen und sich freuen“, fügte er auch mit Blick auf ostasiatischen Bildungsdrill hinzu. Susanne Führer hakte nach: „Was bedeutet Ihnen Bildung?“ Der Münchner Wissenschaftler hatte eine überraschende Antwort parat: Gute Noten sind nicht unbedingt der Maßstab, guter Umgang miteinander, Rücksicht sind ihm wichtiger. „In der bayerischen Verfassung gibt es dafür sogar einen Begriff. Er lautet Herzensbildung.“

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