"Klassischer als Venedig"

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Ein schwarz gekleideter Reiter samt Ross, eine blaue Gestalt mit einem riesigen Hut voll venezianischer Wahrzeichen von Campanile bis Rialtobrücke, oder eine strahlend gelbe Sonnen-Figur mit einer Erdkugel in der Hand - hinter den Masken all dieser Phantasie-Geschöpfe aus den vergangenen Jahren bei Hallia Venezia steckte stets Rudolf Kammerer aus Kupferzell. Unerkannt wandelte er mit anderen Maskenträgern, darunter auch seine Frau Birgit, durch Halls Gassen - für ungezählte Fotografen ein begehrtes Motiv. In welchem Kostüm er am morgigen Sonntag durch Hall schreiten wird? Das verrät der 64-Jährige nicht, die Verkleidung bleibt bei dem etwas anderen Fasching geheim.

Als Mann ist Rudolf Kammerer bei den Aktiven des Vereins Hallia Venezia in der Minderheit. "Ich stehe zu der Spinnerei", sagt er fröhlich. Nicht seine Frau, sondern er sei die treibende Kraft. 2004 hat er erfahren, dass es in Hall jenen Karneval nach venezianischem Vorbild gebe. 2005 kam er, um zu fotografieren. 2006 wechselte er ins Kostüm, "und dann bin ich gleich in den Verein eingetreten". Ihn fasziniere die zurückhaltende und vornehme Art dieser eher leisen Fastnacht, das würdevolle Flanieren durch die Gassen - "und Hall hat viele schöne Ecken", schwärmt er. Womöglich hänge sein Faschingsfaible mit familiären Wurzeln zusammen: Sein Vater stammte aus Rottweil, eine Hochburg der schwäbisch-alemannischen Fastnacht. Obwohl Rudolf Kammerer in Ingelfingen im Kochertal aufgewachsen ist, habe ihn die Fasnet in Rottweil stets beeindruckt: Zum einen das "Iwwerzwerche", sagt Kammerer, die Wildheit und der Übermut, der dort ausgedrückt wird, zum anderen der Respekt der Menschen gegenüber den Figuren. Jene Achtung spüre er auch im Verhalten der Besucher von Hallia Venezia gegenüber den Maskenträgern. "Es ist toll, in den Gesichtern der Menschen zu lesen", sagt Kammerer, der im Hauptberuf Rektor der Johann-Friedrich-Meyer Schule in Kupferzell ist.

In Hall werde diese venezianische Variante des Faschings auf besonders schöne Art zelebriert, "das ist hier fast klassischer als in Venedig", sagt er verschmitzt. Dreimal war er mit seiner Frau und mit Kostümen beim Karneval in Venedig. Klar, das sei schon toll dort, aber alles auch sehr dicht gedrängt und laut.

Also lieber Hall - überhaupt mag Kammerer die Siedersstadt gerne. Als Jugendlicher hat er in den 60er Jahren auf dem Haller Marktplatz den Besuch der Queen ebenso erlebt wie Rudi Dutschkes Auftritt. Am Aufbaugymnasium in Michelbach hat er 1968 das Abitur gemacht. In den 70er Jahren wurde er Lehrer in Kupferzell, wo seine Frau Birgit herstammt, seit 1994 ist er dort Rektor. Rudolf Kammerer engagiert sich seit 1984 im örtlichen Gemeinderat und ist Vater zweier erwachsener Söhne. Die Kammerers reisen gerne, haben zum Beispiel per Tandem den Jakobsweg absolviert. Und der 64-Jährige ist gerne kreativ, "filmen, fotografieren, malen", sagt er und deutet auf die Zeichnungen an der Wohnzimmerwand. Sein Hallia-Venezia-Faible ist ein weiterer Weg, seine Kreativität auszuleben, "und das ist auch eine Gegenwelt zum Alltag, man kann die Phantasie austoben", erklärt er.

Die Kostüme der Kammerers füllen mittlerweile zwei Schränke. Wie die aufwändigen Verkleidungen entstehen? "Das entwickelt sich über Monate." Wenn das Paar auf Reisen besonders schöne Stoffe oder Perlenschmuck entdeckt, "müssen wir das gleich kaufen". Einen Großteil des Nähens erledigt Rudolf Kammerers 82-jährige Schwiegermama, "sonst ginge das nicht", räumt der 64-Jährige ein. Er könne auch ein bisschen mit der Nähmaschine umgehen und befestigt dann etwa Borten. Ab der Weihnachtszeit bemalt und beklebt er Masken, tüftelt am Tragesystem der prunkvollen Kopfbedeckungen und bastelt passende Accessoires - manchmal bis zum letzten Tag.

Morgen, Sonntag, hat Rudolf Kammerers Kostüm in Hall Premiere: Zwischen 12 und 16 Uhr wird er mit vielen anderen Maskenträgern über Plätze und Brücken wandeln, vor Kameraobjektiven posieren - und kaum einer wird ihn erkennen.

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