„Insgesamt war das einfach zu viel“

Reformation, Zukunft der Kirche, Zeitgeist: Anne-Kathrin Kruse, Dekanin des evangelischen Kirchenbezirks Schwäbisch Hall, nimmt Stellung.

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Anne-Kathrin Kruse steht in einem Raum des Brenzhauses. Der Blick, den sie auch von ihrem Büro aus hat, geht in Richtung Michaelskirche.  Foto: 

Haben Sie schon gebratenen Salzhering mit Erbsschnee und Honigsenf zubereitet oder gegessen?

Anne-Kathrin Kruse: (lacht) Nein. Warum?

Das war Martin Luthers Leibspeise. Das Rezept steht in einem Kochbuch. Außerdem gibt es Festivals, tausende Veranstaltungen und Luther als Playmobilfigur. Feiert die evangelische Kirche das Reformationsjubiläum zu aufgeblasen?

Da muss man differenzieren. Die Idee der Dekade mit den Themenjahren – etwa Toleranz, Kirchenmusik, Ökumene, das Verhältnis zwischen Staat und Kirche – fand ich gut. Jeder konnte entscheiden: Wie viel machen wir vor Ort? 2017 hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sich und ihre Mitglieder aber zum Teil überfordert.

Warum?

Der „Kirchentag auf dem Weg“ in acht Städten, zeitgleich mit dem großen Kirchentag in Berlin, ist ein Beispiel. Man erwartete gigantische Besucherzahlen. Aber die Zahl derer, die sich für Kirche interessieren, kann ich nicht beliebig erhöhen. Die Städte machten ein tolles Programm, aber insgesamt war das einfach zu viel.

Die Weltausstellung in Wittenberg hat weniger Besucher als erhofft.

Ich konnte den Einladungen zu den vielen Events aus Zeitgründen auch nicht folgen.  Wir hatten in Hall den „Stationenweg“, das waren zwei Jahre harte Arbeit. Und wir haben hier ja auch noch den Pfarrplan und andere Themen, das ist in anderen Kirchenbezirken genauso. Die Hauptamtlichen haben nicht so viel Zeit, sich auf den Weg nach Wittenberg zu machen. Und viele Ehrenamtliche auch nicht. Das ist eine Frage der Kapazitäten.

Wie läuft das Reformationsjubiläum im Kirchenbezirk Schwäbisch Hall?

Lokal läuft es richtig gut. Wir haben sehr gute Teilnehmerzahlen und kooperieren mit der Stadt und vielen Einrichtungen. Es gibt tolle Themen und eine große Offenheit. Auch auf dem Land wurde viel auf die Beine gestellt, das war klasse.

Was heißt Reformation heute?

Der Kern der Reformation ist die Rechtfertigungsbotschaft. Das heißt: Wir sind vor Gott nicht als Leistende anerkannt, sondern um unserer selbst willen geliebt. Vor Gott muss man sich nichts verdienen.  Er hat alle Menschen mit derselben Würde geschaffen. Was wir dagegen jetzt an Europas Grenzen erleben, ist für mich unsäglich. Wenn Flüchtlinge im Meer ertrinken, laden wir eine große Schuld auf uns.

Was hat die Reformation damit zu tun?

Dass wir die Themen, die Luther angestoßen hat, weiter treiben. Dazu gehören heute Themen wie Religionsfreiheit und Bildung, das christliche Menschenbild, die Menschenwürde, Gerechtigkeit.

Luther betrachtete Juden als Feinde.

Er hat die Rechtfertigungsbotschaft vor der dunklen Folie eines angeblich selbstgerechten, gotteslästerlichen Judentums formuliert. Das war fatal.

Wie steht es heute um die evangelische Kirche? Ein Theologe sagte, sie sei „wie ein großes Kaufhaus ohne Kunden“.

Das Christentum nimmt weltweit rasant zu. Aber ausgerechnet der Kontinent, von dem die Reformation ausging, ist der, wo die Mitgliederzahl in den großen Kirchen abnimmt. Das hat aber nichts mit Kirchenaustritten zu tun, sondern demografische Gründe. Protestanten bekommen weniger Kinder als vor Jahrzehnten, geburtsstarke Jahrgänge gehen allmählich in den Ruhestand, hinzu kommen die Sterbefälle.

Helfen missionarische Aufbrüche in den Gemeinden, also Events, Aktionen, Jugendarbeit, Werbung?

Wir haben in unserem Kirchenbezirk Gemeinden, die das machen, etwa Hessental oder Großaltdorf. Auch in anderen Gemeinden ist einiges los. Aber auch dort ist die Mitgliederzahl um 14 Prozent zurückgegangen.

Was ist zu tun?

Reformieren, nicht nur strukturell – Stichwort Pfarrplan –, sondern auch geistlich-theologisch.

Das heißt?

Konzentration auf die Inhalte, dafür weniger Aktionismus, das täte allen gut.

Auf der Internetseite des landeskirchlichen Medienhauses wird ein Produkt so beworben: „Unser Bleistift ,Martinus Luther‘ überzeugt nicht nur durch sein Erscheinungsbild, sondern auch durch seine Schreibeigenschaften.“ Macht sich Kirche so lächerlich?

Das hat mit Kirche nichts zu tun. Diese kann von der Organisationsberatung etwas lernen, aber sie muss sie in ihre Strukturen übersetzen. Ich hielte es für einen Akt der Verzweiflung, hinter allen möglichen Management-Konzepten herzulaufen.  Aber ich glaube, die Kirche hat bei Planung und Personalführung durchaus dazu gelernt.

Rennt die evangelische Kirche dem Zeitgeist hinterher?

Die evangelische Kirche versteht sich nicht, wie die katholische Kirche, als „Societas Sancta“, als „heilige Gemeinschaft“. Das heißt: Wir sind Teil der Gesellschaft, die Pfarrerinnen und Pfarrer keine geweihten Menschen. Wir haben keinen Zölibat, wir sind Botschafter des Glaubens in (betont) der Welt.

Nennen Sie bitte ein Beispiel.

Die orthodoxe Kirche wirft den westlichen Kirchen vor, sie würden dem Zeitgeist hinterherrennen, weil sie Frauen ordinieren. Aber die wissenschaftliche Exegese, also die Bibelauslegung, macht ja auch Fortschritte, die Forschung geht weiter. Daran kann ich sehen: Der Satz „Das Weib schweige in der Gemeinde“ muss man mitsamt Kontext sehen, lesen und verstehen. Oder dass Kinder am Abendmahl teilnehmen dürfen, das war vor
30 Jahren noch undenkbar. Aufgrund der Exegese hat man alte Entscheidungen revidiert. Wir missbrauchen die Bibel, wenn wir einzelne aus dem Kontext herausgerissene Bibelstellen anführen, um unsere persönliche Meinung zu legitimieren. Der „Zeitgeist“ ist manchmal ein Argument, um schwierige Entscheidungen abzubügeln.

Es gibt eine Generation, die in den vergangenen Jahrzehnten christlich sozialisiert worden ist. Deren Angehörige sterben in den nächsten drei Jahrzehnten. Ist die Kirche in 30 Jahren nur noch eine Kirche für eine Minderheit?

Viele Leute, die ihr Leben lang nicht in der Kirche waren, wandten sich ihr im Alter zu. Das ergaben Untersuchungen der vergangenen Jahrzehnte. Mein Vater ist jetzt 90, er war zwar immer Kirchenmitglied, konnte aber mit dem kirchlichen Angebot nichts anfangen. Dennoch wünschten sich meine Eltern einen Gottesdienst zu ihrer goldenen und diamantenen Hochzeit. Offenbar ist da etwas, was ihn in der Kirche hält und was immer wichtiger wird. Das erlebe ich bei vielen alten Menschen, die plötzlich ein Sensorium für etwas „Dahinterliegendes“ entwickeln.

Treten Menschen heute schneller aus der Kirche aus als früher?

Früher war das so: Eine große Mehrheit war in der Kirche, wenige gingen aber in den Gottesdienst oder beteiligten sich am Gemeindeleben. Diese große schweigende Mehrheit, die die Kirche aber immer noch unterstützte, bricht heute weg. Es braucht nur Kleinigkeiten, ein Missverständnis, eine missglückte Begegnung, dass man austritt. Die Toleranzschwelle sinkt. Aber: Die Kirche bringt sonntags immer noch mehr Menschen zusammen als die Fußball-Bundesliga samstags in den Stadien.

Funktioniert Kirche heute dort am besten, wo sie eine glänzende Feier – etwa Trauung, Konfirmation – verspricht?

Da ist etwas dran, das sind die Anlässe, wo sich Menschen an die Kirche wenden. Im Sommer haben wir in St. Michael Trauungen teils im Stundentakt. Was ich beobachte: Der Druck bei Hochzeiten ist oft sehr groß. Viele Paare, vor allem die Frauen, stehen unter ungeheurer Spannung: Wenn die Feier nicht perfekt wird, dann ist die Ehe nichts wert.

Was leistet Kirche für die heutige Gesellschaft?

Sehr viel. Nehmen wir den sozialen Bereich, all die kirchlichen Beratungsstellen, Kindergärten, Schulen, Altenheime. Die Diakonie ist der zweitgrößte Arbeitgeber Deutschlands. Ohne hunderttausende Ehrenamtliche in den Gemeinden wäre kirchliche Arbeit für alle nicht möglich, übrigens gerade auch in der Arbeit mit geflüchteten Menschen. Für mich ist wichtig: Ich habe mich nie nur als Pfarrerin der Kirchenmitglieder verstanden, sondern immer als Pfarrerin für alle im Ort. Wenn bei mir am Pfarrhaus jemand klingelt, frage ich doch nicht: Sind Sie evangelisch? Kirche ist eine wichtige Akteurin im und für das Gemeinwesen. Jeder, der will, kann etwas von Kirche haben, auch wenn er kein Mitglied ist.

Anne-Kathrin Kruse kam am 13. Mai 1957 in Braunschweig zur Welt. Sie studierte Theologie in Münster, Jerusalem und Tübingen. 1983/84 arbeiteten sie und ihr Mann als Studienleiter für deutsche Theologiestudierende in Jerusalem. Es folgte das Vikariat in Heilbronn. Kruse war in Bad Boll als Krankenhauspfarrerin tätig, ehe sie in Sindelfingen und Böblingen eine Klinische Seelsorgeausbildung absolvierte. Die erste gemeinsame Pfarrstelle von Kruse und ihrem Mann war Bad Wimpfen (sechs Jahre). Weitere sechs Jahre war sie als Studienleiterin in der Pfarrer-Ausbildung  in Stuttgart-Birkach tätig. Von 2003 an war Kruse knapp neun Jahre Auslandspfarrerin in London und Oxford, seit Dezember 2011 leitet sie als Dekanin den Kirchenbezirk Schwäbisch Hall. In dieser Funktion leitet Kruse mehr als 30 Gremien. Sie interessiert sich für Sport und schwimmt gerne. wd

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