Meinungsaustausch der „Besten“ des Landes

Der Haller Walter Döring versammelte in Ludwigsburg Experten aus Wirtschaft und Politik. Das Motto lautet „Die Besten aus Baden-Württemberg“.

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Walter Döring und Norbert Lammert bei einem Kongress in Ludwigsburg.  Foto: 

Bundestagspräsident Norbert Lammert beeindruckte mit seiner Kritik an der Entkopplung von Finanz- und Warenmärkten. Würth-Topmanager Robert Friedmann betonte die Bedeutung der Mitarbeiter bei der Entwicklung von Unternehmen. Recaro-Chef Mark Hiller sprach von Fehlern, die das Unternehmen weitergebracht haben. Am Freitag fand in Ludwigsburg ein hochkarätig besetzter Kongress mit zahlreichen Referenten statt. Veranstalter waren Walter Dörings Akademie deutscher Weltmarktführer sowie der Senat der Wirtschaft.

Hiller erkennt viel Potenzial

Die Flugverkehrsbranche wachse in den kommenden Jahren weiter. Dr. Mark Hiller geht von einem Wert zwischen 5 und 6 Prozent aus, die Zahl der Flugzeuge werde sich in den nächsten Jahren sogar verdoppeln. Daraus leitet der geschäftsführende Gesellschafter des Haller Flugzeugsitzeentwicklers Recaro ein erhebliches Wachstumspotenzial für die kommenden Jahre ab.

Mark Hiller sprach von Fehlern, die das Unternehmen in den Jahren 2005 und 2006 gemacht habe. Durch maximales Risiko konnte Recaro den Umsatz zwar jeweils um 24 Prozent steigern, fiel danach aber in ein Loch. Es folgten drei Jahre Nullwachstum. Daraus habe das Unternehmen gelernt. Ein Entwicklungsstandort am Bodensee sei geschlossen worden, Recaro verabschiedete sich vorübergehend aus dem Geschäft mit Sitzen für die Business-Klasse. „Wir haben die Krise genutzt und viel daraus gelernt“, sagte Hiller am Freitagnachmittag vor rund 100 Zuhörern.

Eine Verschlankung des Managements, der Entwicklung und der Fertigung sei die Folge gewesen. Der Recaro-Chef sprach über die Schwerpunkte an den einzelnen Standorten: Alle Neuheiten werden in Schwäbisch Hall entwickelt. Wenn es um hohe Volumen geht, hat der polnische Standort die Nase vorn. Der Recaro-Trumpf in Sachen Schnelligkeit liege im amerikanischen Standort Fort Worth. „Während wir in Deutschland noch diskutieren, stehen wir in den USA schon kurz vor der Auslieferung“, so Hiller. Und der stark wachsende Markt in Fernost werde aus China versorgt. Mark Hiller verriet, dass ein Sitz für die Economy-Klasse mindestens 2000 Euro kostet, für die Business-Klasse zwischen 60.000 und 70.000 Euro. Die höheren Materialanforderungen und die geringen Stückzahlen würden die Kosten treiben.

„Es gibt keine Stadt, in der wir Marktführer sind. Platzhirsch ist immer der heimische Eisenwarenhändler“, machte der ranghöchste Manager des Würth-Konzerns deutlich. Robert Friedmann betonte die Bedeutung des Mehrkanalvertriebs von Würth: Außendienstmitarbeiter, Niederlassungen, Online.

Friedmann spricht über Lob

Würth hat ermittelt, dass die Potenzialausschöpfung sechsmal höher ist, wenn alle Kanäle bedient werden. Zwar wachse der Online-Handel am stärksten, doch „der digitale Krieg werde am analogen Ende entschieden“, zitierte Friedmann einen Kollegen. Der entscheidende Faktor sei die Verfügbarkeit von Waren. Der Sprecher der Konzernführung legte bei dem Kongress große Bedeutung auf Personalführung: „Ein Unternehmen braucht die Menschen, um erfolgreich zu sein.“ Motivation, Wohlfühlen, Spaß haben – dies entscheide mehr als die letzten 5 bis 10 Prozent an Technologie, so Robert Friedmann. Oft würden Vorgesetzte die Arbeit nicht genug würdigen.

Jahre ist das Durchschnittsalter der in Schwäbisch Hall beschäftigten 1200 Recaro-Mitarbeiter.

Die großen Entwicklungen dieser Zeit seien nicht von der Politik vorangetrieben worden, sondern von Wirtschaft und Technik, betonte Norbert Lammert. Der Bundestagspräsident geht davon aus, dass nicht alle Menschen in der Globalisierung und Digitalisierung Chancen sehen. Für viele seien sie Bedrohung.

Einen breiten Raum nahm bei Lammerts Vortrag die Entkoppelung von Finanzwirtschaft und Güterwirtschaft ein. „Wir brauchen eine Neuvermessung der Ökonomie“, so der Bundestagspräsident. Lammert maß sich nicht an, die Folgen von Ungleichgewichten zu benennen. Aber seine Fragen trugen die Kritik in sich. „An welchen Stellen führt das zu eruptiven Ausbrüchen?“

Gleichwohl mahnte der 68-jährige CDU-Politiker die Eliten hinsichtlich bestehender Ungerechtigkeiten an: den geringen Einfluss von Frauen, die Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen. „Ihr regelt das selbst oder ihr kriegt das geregelt“, warnte Lammert. Es war nicht der einzige Schuss vor den Bug des Glaubens, im besten aller Systeme zu leben. Es sei ein großer Fehler, davon auszugehen, dass die deutsche Ordnung in Wirtschaft und Gesellschaft das Maß der Dinge sei und keine Veränderungen nötig habe. just

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