„Ich fragte wieso? – Sie schlugen mich“

Tharmadevan Mathurangan aus Sri Lanka wurde in seiner Heimat inhaftiert und misshandelt. Unter abenteuerlichen Umständen gelangte er nach Hall. Die Arbeit beim Radio gibt ihm etwas Halt.

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Hallo, hier ist Tamil Radio mit Mathu“, sagt der 28-Jährige in das rote Mikrofon. Radio machen ist sein Beruf, und seitdem er in Schwäbisch Hall lebt und bei „Radio StHörfunk“ eine Sendung moderieren darf, auch sein Anker. Andererseits: Gerade durch das Radiomachen ist er in den Schlamassel hineingeraten, in dem er heute sitzt.

Rückblick: Der 27. November 2014 beginnt für Tharmadevan Mathurangan – so heißt Mathu mit vollem Namen – wie ein gewöhnlicher Tag. Er arbeitet seit fünf Jahren bei einem privaten Radiosender in Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas. Dort moderiert er eine Sport-Sendung, in der es schwerpunktmäßig um Cricket geht, den Nationalsport in Sri Lanka. „Ich habe auch selbst Cricket gespielt“, erzählt Ma­thurangan auf Deutsch, was ihm noch schwerfällt. Da an diesem Tag der Nationalgedenktag der Tamilen ist, spricht er ein paar Sätze dazu, so etwas wie: „Wir erinnern uns heute an die Opfer des Bürgerkrieges von 1983 bis 2009.“ Die Ansage dauert keine zwei Minuten – doch sie verändert sein Leben.

Zwei Tage später isst Ma­thurangan gerade in einem Restaurant zu Abend, als plötzlich einige Männer um ihn herumstehen. Dann geht es schnell: Sie ziehen ihm einen Sack über den Kopf und verfrachten ihn in ein Auto. Als er wieder etwas sehen kann, sitzt er im Gefängnis. Immer wieder fragt er seine Aufpasser: „Warum haltet ihr mich fest?“ Sie antworten mit Schlägen.

Der Tamile zittert, während er erzählt. Sein Händedruck ist der eines ängstlichen jungen Mannes.

Die Gefängniswärter fordern ihn auf, mit seiner Unterschrift zu bestätigen, dass er zur tamilischen Separatistengruppe Liberation Tigers of Tamil Eelam gehört, die um die Unabhängigkeit des Inselstaats Sri Lanka kämpft. Er beteuert, dass er mit der Gruppe nichts zu tun hat.

Anderthalb Monate nach seiner Verhaftung wird er ins Freie gezerrt. „Ich dachte, das ist mein letzter Tag.“ Stattdessen wartet ein Schleuser auf ihn, angeheuert von seinem Vater. Weitere vier Monate später, die er in der Wohnung des Schleusers verbrachte, fliegt Mathurangan mit einem falschen Pass nach Hongkong. Dort setzt der Schleuser ihn ins Flugzeug nach Frankfurt. In der Main-Metropole angekommen, ist der Mann weg.

Der Tamile bittet am Flughafen eine Frau um Hilfe. Bei der Polizei erzählt er seine Geschichte. Ein Übersetzer ist dabei. Zehn Tage lang sitzt er in Frankfurt fest. Er gibt seine Personalien an und stellt einen Asylantrag.

Über Gießen (vier Tage im Aufnahmelager) und Karlsruhe (zwei Monate in einer Asylunterkunft) gelangt er im Sommer 2015 nach Schwäbisch Hall. Mit neun anderen Flüchtlingen ist er in einem Haus in der Johanniterstraße untergebracht. Bei der Weihnachtsfeier für Flüchtlinge in der Kirchengemeinde „Glocke“ in Hessental spricht ihn Hartmut Siebert vom Freundeskreis Asyl an. Seither kümmern sich Siebert und andere Freiwillige um den Tamilen, bezahlen ihm zum Beispiel den Deutschkurs bei der Volkshochschule, auf den er keinen Rechtsanspruch hat.

Im August dann die Hiobsbotschaft: Mathurangans Asylantrag wurde abgelehnt. „Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) glaubt ihm seine Geschichte nicht“, erzählt Hartmut Siebert. Der ehemalige Diak-Chef­arzt hegt dagegen keine Zweifel an deren Wahrheitsgehalt. „Wieso sollte er seine Eltern, seine drei Brüder und die Schwester zurücklassen?“, fragt er. „Seine Familie ist nicht arm. Der Vater besitzt große Reisplantagen und beschäftigt 20 Mitarbeiter.“

Mitglieder des Freundeskreises Asyl haben einen Anwalt eingeschaltet.

Zur Zeit darf Tharmadevan Mathurangan ein zweiwöchiges Praktikum bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall machen. „Wir hoffen, dass er bis September eine Ausbildungsstelle bekommt“, sagt Siebert. „Mathu ist fleißig, kann anpacken, lernt Deutsch und kennt sich mit Computerprogrammen aus. Sicher kann er sich schnell neue Fähigkeiten aneignen.“

Der junge Tamile presst seine Daumen an die Schläfen und massiert sie. „Always headache“, sagt er. Seine Kopfschmerzen quälen ihn. Sein Geist kommt einfach nicht zur Ruhe. „Ich brauche ein Leben in Frieden.“ Ob das gelingen wird, ist ungewiss.

Tharmadevan Ma­thurangan, genannt Mathu, ist 28 Jahre alt und stammt aus Sri Lanka. Er ist das älteste von fünf Kindern eines Farmers. Nach dem Abitur arbeitete er fünf Jahre lang bei einem privaten Radiosender in Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas. Nachdem er dort verhaftet und in Gefangenschaft misshandelt wurde, flüchtete er vor anderthalb Jahren mithilfe eines Schleusers nach Deutschland. Seit einem Jahr und vier Monaten lebt er nun in Hall. Seit April ist er in der Asylbewerberunterkunft im Steinbeisweg untergebracht. Zu seiner Familie hält er Kontakt. Der Tamile moderiert bei „Radio StHörfunk“ seine eigene Sendung, „Tamil Radio“, die dienstags von 18 bis 19 Uhr ausgestrahlt wird. Der Freundeskreis Asyl sucht für ihn aktuell einen Praktikumsplatz, auf längere Sicht eine Lehrstelle.

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