„Ich bin dankbar für das, was ich nicht hatte“

Carmen Würth wird 80 Jahre alt. Die Künzelsauerin, die seit mehr als 60 Jahren mit dem Unternehmer Reinhold Würth verheiratet ist, ist bekannt für ihre soziale Ader.

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Carmen Würth fühlt sich wohl in der gemütlichen Bibliothek „Frau Holle“ im neuen Würth-Kulturhaus in Künzelsau.  Foto: 

Sie ist ja so sympathisch“, sagen viele Leute über Carmen Würth. Aber dieses Wort ist eigentlich zu steril für diese Frau, die sich dem Gesprächspartner ganz zuwendet, konzentriert zuhört und mit ruhiger, warmer Stimme aufrichtig und innig antwortet. Für sie passt ein etwas aus der Mode gekommenes Wort besser: Carmen Würth ist liebenswürdig.

Die Frau des Künzelsauer Unternehmers Reinhold Würth feiert heute ihren 80. Geburtstag. Sie scheint auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. Sie wohnt märchenhaft in einem Schloss und kann sich so ziemlich alles leisten, was ihr einfällt. Ihr fallen meist Dinge ein, die anderen Menschen zugutekommen: ein Hotel-Restaurant, in dem behinderte und nichtbehinderte Menschen Arbeit finden, mehrere Stiftungen, eine wunderschöne, eben eröffnete Bibliothek – viele Zeugnisse des besonderen Verantwortungsgefühls, das Carmen Würth verspürt.

Es ist erwachsen aus einer ganzen Reihe von schweren Schicksalsschlägen, die sie verkraften musste: der frühe Tod des Bruders, die Behinderung des Sohnes Markus, der Unfalltod der neunjährigen Enkelin Anne-Sophie, die Entführung des Sohnes – Carmen Würth hat ihr Leben lang Schlimmes mitgemacht und wirkt doch ausgeglichen, fröhlich und immer den Menschen zugewandt.

Wie geht sie mit diesen Einschnitten um? „Ach wissen Sie“, antwortet sie beim Pressegespräch in der vergangenen Woche, „entweder Sie bedauern sich selber oder Sie packen es an, dass das Leben wieder so normal wie möglich wird“.

Die Jubilarin hat sich fürs Anpacken entschieden – und das schon früh. Als Mädchen hat sie Märchen gelesen und sich die Goldmarie zum Vorbild gewählt, die fleißig und hilfsbereit ist – und dafür von Frau Holle mit Gold belohnt wird. Bis heute ist ihr diese Geschichte wichtig, und so heißt ihre neue Bibliothek in Künzelsau „Frau Holle“.

Der erste Schicksalsschlag traf Carmen Linhardt, als sie gerade einmal vier Jahre alt war: Die Pforzheimer Vermieterin wollte die spielenden Kinder aus dem Hof weghaben und schickte die kleine Carmen und ihren fünfjährigen Bruder Wolfgang auf die Straße. Dort wurde Wolfgang überfahren. Er war sofort tot.

Kurz darauf starb die gesamte Verwandtschaft der Mutter in einer einzigen Bombennacht am 23. Februar 1945 in Pforzheim. Die Linhardts waren da gerade nach Friedrichshafen gezogen und so diesem Bombenhagel entkommen.

Doch auch auf die Stadt am Bodensee wurden viele Angriffe geflogen, denn dort war ein Zentrum der Rüstungsindustrie – auch Carmens Vater, ein Maschinenbauer, wurde dorthin „kriegsverpflichtet“. Die Familie Linhardt suchte Schutz auf einem abgelegenen Bauernhof. 1946 bekam Carmen Würth noch einen kleinen Bruder.

Carmen Würth hat an diese Zeit gute Erinnerungen: „Es war eine schöne Kindheit auf dem Bauernhof. Wir hatten mehr Kreativität als heutige Kinder, weil wir keinen Spielwarenladen hatten. Wir haben viele Kinderlieder gesungen, und ich finde es sehr schade, dass diese heute kaum mehr bekannt sind.“ Hat sie Hunger gelitten? Die schlanke Frau zögert. „Nein, hungern mussten wir nicht. Man war nie so ganz satt, aber das ist ja auch ganz gesund, nicht wahr?“, gewinnt sie auch solchen Umständen eine gute Seite ab. „Die Erinnerung an den Krieg ist keine schöne Erinnerung, aber ich möchte sie nicht missen. Ich bin dankbar für das, was ich nicht hatte.“

Die Schöne im Kirchenchor

Auch die Dorfschule, die Carmen Linhardt damals besuchte, wird mit positiven Worten bedacht: „Die Lehrer haben viel Eigeninitiative gezeigt und uns Dinge beigebracht, wie sie mein Mann auf der Oberschule nicht gelernt hat.“

Nach dem Krieg ging die Familie zurück nach Friedrichshafen, und dort sang die 19-jährige Chefsekretärin im Kirchenchor, als Reinhold Würth, schon damals Chef des noch ganz kleinen Betriebs, auf einer Dienstreise einen Gottesdienst besuchte. Würth fand heraus, wer die schöne Sängerin war, er lud sie zum Essen ein, sie lehnte ab und stimmte dann doch zu. Ein halbes Jahr später wurde geheiratet, schon allein, weil das hin- und herfahren zwischen Friedrichshafen und Künzelsau zu teuer wurde.

„Sechs Jahre lang haben wir bei der Schwiegermutter gewohnt“, erinnert sich Carmen Würth, und fügt an: „Die war streng.“ Dann wurde das erste eigene Haus gebaut. „Der Garten war ein Paradies“, sagt sie mit tiefer Wehmut, denn dieser Garten musste später einem der vielen Gebäude im Würth-Firmenkomplex weichen. Das hat sie bis heute nicht verwunden, auch wenn sie jetzt rund um Schloss Hermersberg die reine Natur hat.

Das Schloss war ziemlich verfallen, „wildromantisch“ nennt es Carmen Würth, als es der Familie ins Auge fiel. „Wir sind oft mit den Kindern dorthin spaziert“, erinnert sie sich. Reinhold Würth habe damals gesagt: „Wenn ich Geld hätte, würde ich das wiederherstellen.“

Für den Winter eingeweckt

Zwölf Jahre später war es so weit: Der Fürst zu Hohenlohe-Neuenstein verkaufte das Schloss für wenig Geld an Würth. Mehr als vier Jahre dauerte es dann noch, bis es bewohnbar war. „Da kam auch die Wirtschaftskrise dazwischen, da war wieder Sparen angesagt. Gott sei Dank hatte ich gelernt, dass man für den Winter einweckt.“

Die Familie bekam drei Kinder: Marion (1958), Bettina (1961) und Markus (1965). Letzterer war eineinhalb Jahre alt, als er nach einer Impfung hohes Fieber bekam, von dem er sich lange nicht erholte. Später zeigte sich, dass sein Gehirn geschädigt war. Um behinderte Kinder hat man sich in den 1970er-Jahren wenig gekümmert. Das konnte Carmen Würth überhaupt nicht akzeptieren. Sie reiste mit dem Jungen von Arzt zu Arzt und suchte Möglichkeiten, ihn zu unterstützen. Auch darauf führt sie ihr sonniges Gemüt zurück: „Meine große Aufgabe war es, diesem unschuldigen Menschenkind mehr zu sein als eine Mutter. Markus sollte ja auch Freude und Glück erleben!“

Deutschland kennenlernen

Hat sie sich damals von ihrem viel arbeitenden Mann oft im Stich gelassen gefühlt? Ihre pragmatische Antwort: „Ich gehöre einer Generation an, wo man sich solche Fragen nicht gestellt hat. Man hat halt sein Zeug geschafft.“

Markus Würth fiel vor zwei Jahren einer Entführung zum Opfer – die Familie verbrachte schreckliche Stunden, bis er morgens an einen Baum gekettet wiedergefunden wurde. Heute lebt er auf einem Bauernhof, auf dem Behinderte mittels Tierpädagogik begleitet werden. „Ich bin sehr froh, dass wir diesen Hof gefunden haben. Ich muss ja schauen, wie mein Kind leben wird, wenn ich einmal nicht mehr da bin“, sagt Carmen Würth.

Hat sie noch einen Wunsch? „Ich würde gerne Deutschland besser kennenlernen. Man fährt so oft weit weg, dabei hat Deutschland so schöne Landschaften“, sagt sie. Und vor allem: „Ich habe den Wunsch, dass die Menschen lernen, fröhlicher zu sein und mehr zu lächeln.“

Carmen Würth wurde am 18. Juli 1937 in Pforzheim geboren. Sie wuchs in Friedrichshafen und in Oberessendorf auf. Nach der Volksschule besuchte sie eine Handelsschule. Eine Lehre im Hotel brach sie zugunsten einer Stelle als Chefsekretärin ab. Seit ihrer Hochzeit mit Reinhold Würth am 9. Dezember 1956 lebt sie in Künzelsau. Sie hat drei Kinder, fünf Enkel (mit der verstorbenen Anne-Sophie sind es sechs) und einen Urenkel.

Sie gründete 1987 gemeinsam mit ihrem Mann die Stiftung Würth zur Förderung von Kunst, Kultur, Forschung, Wissenschaft, Bildung und Erziehung. 2003 wurde das inte­grative Hotel-Restaurant Anne-Sophie in Künzelsau eröffnet. 2008 gründete Carmen Würth eine Stiftung für die Behinderten-Lebensgemeinschaft Sassen in Hessen, wo ihr Sohn bis 2015 lebte. Seit 2009 unterstützt sie ein Heim für behinderte Kinder in Kirgisien. Zudem war Carmen Würth im Präsidium von Special Olympics Deutschland. Sie wurde unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. evl

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