„Fahrzeit ist ja auch Lebenszeit“

Obwohl in Hall immer mehr Wohnraum entsteht, nimmt die Zahl der Einpendler weiter zu. Warum das so ist, erklärt Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim.

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Bei einer Bahnfahrt mit Politikern informiert sich Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim über den Zustand der Wagen, die in Richtung Stuttgart fahren.  Foto: 

In der Heimat der Bausparkasse wird gebaut. Kräne in der Breiteich und in der Mittelhöhe haben das Bild der Stadt Schwäbisch Hall in den vergangenen Jahren mitgeprägt. Vergleicht man die Statistiken der Einpendler und der Einwohner, stellt man fest: Es fehlt immer noch Wohnraum. 

14 979 Menschen fahren täglich nach Hall zur Arbeit, 6263 pendeln aus. Wären das nicht 8000 potenzielle Neubürger für die Stadt?

Hermann-Josef Pelgrim: Potenziell sicherlich. Aber die Situation eines Mittelzentrums ist grundsätzlich von einem Einpendlerüberhang geprägt.

Entstehen aus den Pendlerströmen Probleme?

Die Verkehrsinfrastruktur muss natürlich stimmen. Das gilt für alle Verkehrsmittel, wie zum Beispiel den öffentlichen Personennahverkehr. Im ländlichen Raum ist die PKW-Verknüpfung wichtig. Es handelt sich ja nicht nur um einen Einpendler-Überschuss von 8716, sondern es sind 21 000 Menschen am Tag, die rein und rausfahren. Diese Gesamtzahl ist in den letzten Jahren erheblich gestiegen.

Um wie viel?

1999 gab es 14 300 Pendler, jetzt sind es 21 000 laut statistischem Landesamt. Das hat sich also gewaltig erhöht.

Wie kommt das zustande?

Die Zahl der Arbeitsplätze in Schwäbisch Hall ist enorm gestiegen: um 28,5 Prozent im Zeitraum von 1999 bis 2016 auf nunmehr zirka 30 000 Beschäftigte. Interessant ist aber auch, dass in dieser Zeit die Zahl der Menschen zugenommen hat, die zwar in Hall wohnen, aber auswärts arbeiten. Die Statistik weist einen Zuwachs von 42 Prozent Einpendlern auf. Aber: Um 65 Prozent hat die Zahl der Auspendler zugenommen. In absoluten Zahlen ist es anders, aber diese Dynamik muss man beachten.

Wie kommt es dazu?

Wir werden eben auch als attraktiver Wohnstandort für Auspendler wahrgenommen. Wenn jemand zum Beispiel im Gewerbepark Hohenlohe an der Autobahn arbeitet, dann entscheidet er sich vielleicht dafür, in Schwäbisch Hall zu wohnen. Das ist der klassische Auspendler, der sich hinter diesen Zahlen verbirgt.

Aber auch die Zahl der Einpendler stieg.

Absolut gesehen sind 5450 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze seit 1999 bis 2016 in Hall zusätzlich entstanden. Da kommen noch einige in anderen Beschäftigungsverhältnissen hinzu wie Beamte, Freiberufler und so weiter. Aber wir sind nur um 4000 Einwohner gewachsen. Im Grunde ist der Wachstumsprozess der Zahl der Bewohner noch zu langsam.

Das sollte man doch nicht glauben, wenn man die vielen neuen Wohngebiete sieht?

Richtig! Aber dieses Wachstum ist immer noch zu langsam. Darauf weise ich immer hin: Die Dynamik, die wir beim Zuwachs an Beschäftigung haben, ist höher als der Einwohnerzuwachs. Und das ist so, obwohl sich die Zahl der Bewohner ja auch ohne diesen Beschäftigungseffekt positiv entwickelt. Es ziehen Menschen in die Stadt, die hier leben wollen und woanders arbeiten. Das sind dann Auspendler. Zweitens kommen Menschen, die dem Weg einer Urbanisierung folgen und sagen: Ich habe so ein großes Haus außerhalb, komme mit dem Garten nicht mehr zurecht, die Kinder sind aus dem Haus, ich suche mir in der Stadt ein Apartment. In den letzten Jahren gab es einen Zuwachs an Studierenden und durch die demographische Entwicklung steigt die Anzahl der Senioren enorm. Das sind dann alles Einwohner, die dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen.

Was folgt daraus?

Die Einwohnerzahl müsste nicht gleich laufen mit der Beschäftigtenzahl, sondern stärker steigen, da einige Einwohner nicht arbeiten. Wir haben aber den umgekehrten Fall, dass die Zahl der Beschäftigten stärker steigt als die der Einwohner. Die Folge: Die Einpendlerströme wachsen an. Aber da ist auch eine Grenze erreicht: Wie viele wollen denn dauerhaft weite Strecken fahren? Fahrzeit ist ja auch Lebenszeit.

Wenn man nichts macht, droht Hall – zugespitzt gesagt – zum Industriegebiet zu werden mit Verkehrsinfarkt?

Verkehrsinfarkt ­– so weit sind wir nicht, es drohen auch keine Fahrverbote wie in Stuttgart. Es droht eher, dass den Unternehmen die notwendigen Fachkräfte ausgehen. Damit würden wir in unseren Entwicklungschancen erheblich geschwächt. Der limitierende Faktor für uns im ländlichen Raum ist nicht der Verkehr, auch wenn die B 19 zwischen Künzelsau und Hall ausgebaut gehört.

Klar: Fachkräften muss man Wohnraum anbieten.

Deshalb haben wir ehrgeizige Projekte vor Augen zum Beispiel im Sonnenrain, auf dem Bahnhofsareal, aber auch im Wolfsbühl, Grundwiesen oder in Bibersfeld. In den 1980er-Jahren ist Hall langsamer gewachsen als unsere Nachbargemeinden. Jetzt liegen wir in etwa gleichauf oder einen „Schnaps“ drüber.

Reicht das aus?

Wir dürfen das nicht zu lokal betrachten. Wir versuchen im Raum Hohenlohe mit Künzelsau, Öhringen, Crailsheim und Bad Mergentheim zusammen zu arbeiten. Für die Fachkräftegewinnung ist die Raumschaft relevant und nicht nur die Stadt Schwäbisch Hall. Ich finde es vertretbar, wenn man eine halbe Stunde Pendlerdistanz hat.

Kennen Sie das aus eigener Erfahrung?

Ich selbst habe in Großstädten gelebt. In Brüssel war eine Dreiviertel Stunde Fahrtzeit nichts. Wenn man Pech hatte, war die S-Bahn gerade abgefahren und es dauerte noch länger. Auch innerhalb des Großraums Stuttgart, in dem ich auch gelebt habe, sind solche Anfahrtszeiten absolut normal.

Was ist steuerlich besser für eine Stadt: ein zusätzlicher Einwohner oder ein zusätzlicher Beschäftigter?

Es kommt darauf an. Für ein Mittelzentrum wie Hall ist in der Regel die Gewerbesteuer maßgeblicher als die Einkommenssteuer.

Was muss geschehen, damit Hall weiterhin wirtschaftlich so prosperiert?

Wir haben 30 000 Beschäftigte in der Stadt. Unterstellen wir mal, dass jeder Beschäftigte im Durchschnitt gut 40 Jahre lang arbeitet. Dann benötigen wir 700 bis 750 neue Mitarbeiter, um diejenigen zu ersetzen, die in Rente gehen. Es werden aber nur 400 Kinder pro Jahr in Hall geboren. Davon bleiben später nicht alle hier. Also benötigt man im Schnitt zirka 500 Personen pro Jahr als Zuwachs von außen, zusätzliche Pendler oder Bewohner. Und diese haben vielleicht auch noch Familie. Fazit: Wir brauchen eine gezielte Zuwanderung, um unseren Wohlstand nicht zu gefährden.

Was folgt daraus?

Die Wohnraumentwicklung ist wichtig, damit Menschen hier leben können. Man darf das aber nicht zu kleinkariert betrachten: Wenn zum Beispiel jemand bei Ziehl-Abegg arbeitet und attraktiven Wohnraum sucht, kann es sein, dass er das urbane Umfeld in Hall toll findet. Aber umgekehrt kann auch ein Diak-Mitarbeiter im Bühlertal glücklich werden, weil er lieber im Grünen wohnt. Wir müssen auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen und in größeren Räumen denken.

Geht es darum, die 40 000 Einwohner-Marke zu knacken? ­

Bevölkerungswachstum ist kein Ziel an sich. Wenn die Unternehmen der Region erfolgreich sind, dann ist das gut und schafft durch Einkommen die Voraussetzung für ein eigenverantwortliches Leben. Das Wachstum in unserem Raum eröffnet Chancen für Menschen aller Herren Länder, nicht nur aus dem Nahbereich. Wenn zum Beispiel in Spanien 25 Prozent Jugendarbeitslosigkeit herrscht und hier 4000 offene Ausbildungsplätze sind, dann ist es okay, wenn Menschen von dort herkommen und ihre Chance wahrnehmen. Aber dafür müssen wir eben auch den Wohnraum schaffen.

Interessant ist es aber schon, wann die 40 000-Einwohner-Grenze überschritten wird.

Nach jetzigem Stand wahrscheinlich im Oktober oder November. Zur Zeit leben laut Einwohnermeldestatistik in Schwäbisch Hall 39 960 Menschen.

Hermann-Josef Pelgrim ist am 15. Oktober 1959 in Bocholt in Nordrhein-Westfalen geboren. Nach dem Besuch der Realschule, einer Ausbildung zum Spedititionskaufmann und der Fachoberschule studierte er an der Universität Paderborn und in den USA Betriebs- und Volkswirtschaft. Er sammelte berufliche Erfahrungen als Auslandsmitarbeiter bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Chile und Nicaragua, als internationaler Sekretär in der Gewerkschaft ÖTV Stuttgart und als Referatsleiter im Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg mit Sitz in Brüssel. Er ist Mitglied der SPD. Seit 1997 ist Pelgrim Oberbürgermeister der Stadt Schwäbisch Hall.

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Pendler in Hall

Knapp 400.000 Beschäftigte pendeln jeden Tag aus allen Himmelsrichtungen nach Stuttgart. Rund 320 Arbeitnehmer kommen von Hessental.

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