„Es war eine Schlammschlacht“

Einige Braunsbacher werfen Roman Keller vor, er habe sich nach dem Unwetter im Mai „die Taschen vollgemacht“. Jetzt redet der Vellberger Autoverwerter Tacheles.

|
Roman Keller (rechts) mit Andreas Hollenbach vor einem der Fahrzeuge aus Braunsbach, das noch auf seinem Vellberger Schrottplatz steht. Bevor es überhaupt entsorgt werden kann, muss es erst und aufwändig gereinigt werden.  Foto: 

Roman Keller ist Inhaber der Vellberger Autoverwertung, die nach der Unwetterkatastrophe in Braunsbach die Fülle zerstörter Fahrzeuge entfernte. Seine Rechnungen stuften einige Betroffene als Abzocke ein. Im HT-Bericht vom 22. Oktober konnte Keller seinen Standpunkt zwar vertreten. Doch der junge Unternehmer sieht noch erheblichen Klärungsbedarf, da die dort genannten „nackten“ Zahlen irreführend seien und die Vorwürfe, er sei ein „Katastrophen-Gewinnler“, angeheizt hätten.

Geradeso kostendeckend

Die Gemeinde sprach von 128 Fahrzeugen, die mit Abschleppkosten von 443 Euro pro Stück berechnet worden seien. „Da haben die Leute gerechnet, kamen auf fast 57.000 Euro und dachten, der hat das Geschäft seines Lebens gemacht.“ In Wahrheit habe er gerade mal kostendeckend gearbeitet: „Hätte ich in diesen zwei Monaten meine üblichen Aufgaben wahrgenommen, wäre deutlich mehr verdient gewesen.“

Beim Gespräch dabei ist Andreas Hollenbach, der mit seinem Satteldorfer Abschleppdienst bei der Bewältigung der Mammutaufgabe geholfen hatte. Auf dem Gelände von Keller seien exakt 100 Schrottfahrzeuge und ein Motorrad aus Braunsbach gelandet. 65 davon hätten die Spezialfahrzeuge von Hollenbach geholt, der Keller seine Leistungen – Abschleppen und Abschleppfahrzeug reinigen – in Rechnung gestellt habe, da die Gemeinde nur mit einem Ansprechpartner abrechnen wollte. Fünf Fahrzeuge habe ein dritter Abschleppdienst übernommen, der nach einem halben Tag die weitere Mitarbeit dankend ablehnte.

Hollenbach legt die Preisliste des Verbands der Bergungs- und Abschleppunternehmen (VBA) vor: Die Stundenpreise für die vier eingesetzten Kranwagen liegen darin deutlich über den 196 Euro brutto, die er und Keller berechnet haben. Die dort aufgeführten Zuschläge für Wochenend- und Nachtarbeit belaufen sich auf 50 bis 100 Prozent. „Das haben wir komplett weggelassen, obwohl wir anfangs fast rund um die Uhr und natürlich auch samstags und sonntags mit vier Mann gearbeitet haben. Menschen und Maschinen liefen am Limit.“

Mehr noch: „Mit normalem Abschleppen hatte das überhaupt nichts mehr zu tun. Wir mussten viele Autos an schwer zugänglichen Stellen aus dem Dreck ziehen. Sie waren meist voller Schlamm und Geröll und wogen dreieinhalb bis acht Tonnen.“

„Es war eine Schlammschlacht, mit Dutzenden gerissenen Spanngurten und mehreren Reifenschäden – und so ein LKW-Reifen kostet über 500 Euro.“ Ein im Schlamm nicht sichtbares Felsstück habe an der Karosserie seines Schleppers einen erheblichen Schaden angerichtet, berichtet Hollenbach. „Das zahlt die Versicherung nicht, weil die sagen, ich müsste diese Kosten an die Gemeinde weitergeben, was ich nicht gemacht habe.“ All diese Kosten hätten sie zugunsten der Braunsbacher geschluckt, ebenso etliche Leerfahrten, weil die Fahrzeuge, zu denen sie die Einsatzleitung geschickt hatte, nicht mehr auffindbar waren, oder die Besitzer die Abholung verhinderten. „Wir haben kein einziges Auto mitgenommen, in dem ein Zettel besagte, dass der Besitzer sich selbst darum kümmert“, dementiert Keller entsprechende Vorwürfe.

Da die Autos erst nach dem Abschleppen überhaupt identifiziert werden konnten, sei es unmöglich gewesen individuelle Preise zuzuordnen: „Darum haben wir einen Mittelwert genommen, egal ob wir nun drei oder nur eine Stunde fürs Aufladen gebraucht haben.“

55 Autos noch immer da

Roman Keller zählt weiter auf: Platz für hundert Autos schaffen, die vielen Stunden, die das Abklemmen der Batterien wegen der Brandgefahr und die Freilegung der Fahrgestellnummern in Anspruch nahmen, die vielen Besitzer, die zu ihm kamen, und die vielen Versicherungssachverständigen, um die er sich kümmern musste. 55 Fahrzeuge sind immer noch da, der Rest wurde von Versicherungen über Restwertbörsen überwiegend ins Ausland verkauft.

„Manche Leute meinen jetzt, dass das Ausschlachten der Wracks eine Goldgrube sei, aber das Gegenteil ist der Fall: Die haben noch einen Schrottwert von 35 Euro pro Tonne – in gereinigtem Zustand.“ Dazu müssen die Fahrzeuge erst ausgekippt, dann Steine, Holz und Dreck für den Abtransport von Hand sortiert werden. Das könne er nicht kostenlos machen. Die Rechnung dafür werde die Gemeinde noch erhalten.

„Die eingedrückten Dächer schneidet schon die Feuerwehr im Rahmen von Übungen runter, um unsere Kosten zu minimieren.“ Einige Verwerter, bei denen die Fahrzeuge geschreddert werden sollten, hätten die Annahme des verschmutzten Materials bereits verweigert.

Einen Gesamtumsatz – nicht Gewinn ­– von circa 22.000 Euro habe er bei diesem Auftrag gemacht. Mehr nicht. „Wir wollten den Braunsbachern helfen“, sagt Keller. Aus rein kaufmännischer Sicht würde er eine solche Aufgabe aber wohl nicht noch einmal übernehmen.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Unwetter im Landkreis

Nach orkanartigem Regen in der Nacht auf Montag ist es vor allem in Braunsbach und Cröffelbach zu großen Sachschäden gekommen. Auch andere Ortschaften im Landkreis Schwäbisch Hall und der Region hat es erwischt. Hier finden Sie alle Artikel und Bilder.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Mit dem Pedelec zum Ferienhaus. Nach Spanien. Mit 75.

Volkmar Gessinger aus Hall schwingt sich ohne große Vorbereitung auf sein Pedelec und radelt gen Spanien. Der 74-Jährige fährt 2700 Kilometer und lernt viel in den 31 Tagen, die er unterwegs ist. weiter lesen