"Ein Teil von mir ist hier"

Gayane Nahapetyan war sechs Jahre alt als ihre Familie nach Armenien abgeschoben wurde: Hall war vier Jahre lang ihre Heimat. Sie hielt Kontakt mit dem Verein "Grenzenlose Freundschaft" - und war nun zu Besuch.

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  • 1999 in Hall: Elisabeth Hertlein vom Verein Grenzenlose Freundschaft mit Hawa aus Äthiopien auf dem Arm und der vierjährigen Gayane aus Armenien. 1/3
    1999 in Hall: Elisabeth Hertlein vom Verein Grenzenlose Freundschaft mit Hawa aus Äthiopien auf dem Arm und der vierjährigen Gayane aus Armenien. Foto: 
  • Gayane Nahapetyan im Anlagencafé. Drei Tage verbringt sie in Schwäbisch Hall, wo sie vier Jahre lang gelebt hat. Die Erinnerungen an diese Zeit und ihr Gefühl für Deutschland sind stark - und haben sie geprägt. 2/3
    Gayane Nahapetyan im Anlagencafé. Drei Tage verbringt sie in Schwäbisch Hall, wo sie vier Jahre lang gelebt hat. Die Erinnerungen an diese Zeit und ihr Gefühl für Deutschland sind stark - und haben sie geprägt. Foto: 
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Noch drei Minuten bis der Zug in Schwäbisch Hall anhält. Gayane Nahapetyan steht bereits im Gang, fragt die Fahrgäste auf welcher Seite der Ausstieg ist und schaut gespannt, als endlich der Bahnsteig in Sicht ist. Dort stehen Frauen, die sie seit 14 Jahren nicht gesehen hat. Inge Lamberg-Scherl, Elisabeth Hertlein und Beate Honold. Sie gehören dem Verein "Grenzenlose Freundschaft" an und haben den Kontakt zu der armenischen Familie nicht abreißen lassen. "Sie brauchten unsere Unterstützung. Der Vater flüchtete sofort nach Russland und die Mutter war alleine mit vier Kindern", sagt Inge Lamberg-Scherl.

Gayane erkennt die drei Frauen sofort, umarmt eine nach der anderen und kann das Weinen nicht unterdrücken. Über Jahre haben die Frauen mit der armenischen Familie Kontakt gehalten - zuerst per Brief, seit zwei Jahren sind sie in Mailkontakt. Gayanes Mutter ruft jede zu ihrem Geburtstag an. Sie spricht immer noch deutsch. Ihre Tochter nicht mehr.

Im Alter von zwei Jahren kam Gayane nach Hall, lebte zuerst in Hessental in einer Unterkunft und später im Asylheim im Steinbeisweg. Sie ging in der Stadtheide in den Kindergarten. Zur deutschen Einschulung kam es nicht mehr.

Sobald die Familie in Deutschland war und ein paar Brocken der fremden Sprache beherrschte, redeten sie miteinander auf deutsch. "Als ich die Mutter nach ihrer Ankunft fragte, was sie benötigen, Töpfe, Kleidung oder ähnliches, sagte sie: ,Ein Deutschbuch", erzählt Inge Lamberg-Scherl.

Sie versuchten alles, um in Deutschland bleiben zu können, aber sie bekamen die Dokumente nicht zusammen, um zu beweisen, dass der Vater in Armenien verfolgt wurde. Im Jahr 2001 verließen sie das Land.

"Drei Jahre war es die Hölle für mich", sagt Gayane. Vor allem die Sprachbarriere sei riesig gewesen und habe sie in die Isolation gebracht. Die Mutter fing dann an, mit ihnen armenisch zu sprechen und sie verstand ihre eigene Mutter nicht mehr. Wie ein "Alien" sei sie ihr vorgekommen. Heute studiert die 20-Jährige Wirtschaftsrecht, spricht perfekt englisch und hat ein Ziel: Deutschland. Nach dem Bachelor-Abschluss muss sie arbeiten, dann den Master machen, und dann will sie zurück nach Deutschland, dem Land mit dem sie sich "mentally connected" fühlt - geistig verbunden.

Jetzt war sie für ein Seminar in Köln und konnte nicht anders, als diesen Umweg nach Schwäbisch Hall zu machen: Sie wollte einfach nur plaudern mit ihren mütterlichen Freundinnen. Die haben für die drei Tage in der Kocherstadt auch ein Programm geplant: Museum, Michaelskirche, Rathaus und die alte Unterkunft im Steinbeisweg besuchen.

Im Rathaus läuft ihnen Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim über den Weg. Er schenkt der Armenierin einen USB-Stick und einen Flaschenöffner. Im Asylheim sind sie in dem Zimmer, in dem Gayane Nahapetyan mit der Familie gewohnt hat und nach jedem Kindergartentag die "Teletubbies" im Fernsehen angeschaut hatte. Den Kindergarten gibt es heute nicht mehr. Die 20-Jährige erinnert sich daran, wie sie dort an Ostern Eier suchte und dabei einen Korb fand mit lauter Süßigkeiten aus dem auch zwei Hasenohren ragten.

In Armenien fühlt sie sich "like in a box" - wie in einer Kiste. Es gibt nur arm oder reich. Und wenn man arm ist, bekomme man nie eine Chance, dass es einem einmal besser gehe. Ihre Mutter hat einen kleinen Lebensmittelladen. Gayane Nahapetyan hilft ihr. Die Brüder sind beim verpflichteten Militärdienst und wollen auch studieren. Der Vater ist vor ein paar Jahren gestorben. Er war fast die meiste Zeit als Flüchtling in Russland. Gayane Nahapetyan musste das Studium wegen Geldmangel unterbrechen. Der Verein "Grenzenlose Freundschaft" versucht, mit finanziellen Mitteln zu helfen.

Hilfe für Abgeschobene

Einzelfall Der Verein "Grenzenlose Freundschaft" aus Hall unterstützt in Not geratene Flüchtlinge, die aus Deutschland in ihre Heimatländer zurückkehren mussten und dort unter Repression, Mittellosigkeit und Verelendung leiden. Erklärtes Ziel ist die konkrete Einzelfallhilfe. Unterstützt werden Menschen, welche die Mitglieder des Vereins persönlich kennengelernt haben sowie deren Angehörige. Wer dem

Verein helfen möchte, kann spenden.

Vereinskonto: BW Bank Kto.-Nr. 4160283, BLZ 600 501 01, IBAN DE 65 600 50101 0004160283, BIC SOLA DEST 416

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In Schwäbisch Hall soll eine Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge entstehen.

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