"Diese Tiere sind Therapeuten"

Werkmeister Gunter Hamm (58) wird derjenige sein, der auf der Kleincomburg am 1. November das Licht ausmacht. Die seit 1877 andauernde Geschichte des Klosters als Strafanstalt endet dann.

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Demnächst naht die Trennung: Der 65-Jährige Gefange blickt seiner vorzeitigen Freilassung am 18. Juli entgegen. Der Limpurger Weideochse kommt so schnell nicht frei. Er soll an einen Landwirt in der Region verkauft werden.  Foto: 

Die Tiere reiben sich an den Rücken der Gefangenen, schlecken Hände ab. "Die Ochsen sind so lieb. Leute mit aggressivem Hintergrund haben schier geheult, als die ersten in den Hänger getrieben wurden", erzählt ein 65-jähriger Gefangener. Er wird zusammen mit vier weiteren jeden Tag aus dem Freigängerheim in der Unterlimpurger Straße abgeholt, um die Tiere auf der Kleincomburg bei Steinbach zu betreuen. Bis auf 18 Ochsen sind fast alle der einstmals rund 70 Tiere zur JVA-Außenstelle bei Heilbronn gebracht, 14 Kühe an die Familie Jäger bei Sulzbach-Laufen verkauft worden. Die Kleincomburg wird als JVA-Außenstelle geschlossen.

Tiere schmusen mit Menschen, Verbrecher tätscheln das Vieh. "Ich war sehr aggressiv und gewaltbereit, habe eine Verhaltenstherapie in der Hauptanstalt hinter mir. Austherapiert habe ich mich hier oben bei den Tieren", erzählt ein 47-jähriger Gefangener über sich. "Diese Tiere sind Therapeuten." Er sei bereits acht Jahren hinter Gittern. Oben auf der Kleincomburg ist die Freiheit nah. Bald wird er entlassen.

Bis zum Herst werden Gebäude leer geräumt

Ist die Freiheit zu nah? Die Zahl der Entfleuchten der vergangenen Jahre könne man an einer Hand abzählen, meint Reiner Probst, Geschäftsführer der JVA-Werkstätten. Alle wurden wieder eingefangen. Werkmeister Gunter Hamm stimmt ihm zu: Anders als die jugendlichen Straftäter früher, seien die erwachsenen Gefangenen einsichtig. Obwohl er ihnen in den 25 Jahren, in denen er auf der Kleincomburg arbeitet, viel abverlangte, sei es nur einmal zu einer bedrohlichen Situation gekommen. Ansonsten habe er sich sicher gefühlt. Hamm verlässt seinen Arbeitsplatz ungern, wird ab Herbst als Gärtner zusammen mit Gefangenen die Grünanlagen in der Hauptanstalt pflegen. In zwei Jahren sei sowieso Schluss. JVA-Mitarbeiter, die direkt mit Gefangenen zusammenarbeiten, werden mit 60 Jahren in Rente geschickt.

Jetzt muss er seinen langjährigen Arbeitsort leerräumen. "Vergangene Woche kamen die von der Kapfenburg mit zwei Tiefladern, haben alle Geräte mitgenommen", erzählt Hamm. "Die Tiere werden in einen Viehtransporter getrieben. Das ist eine Sache von einer halben Stunde." Und dabei hängen so viele Emotionen an den Lebewesen. "Das letzte Kälbchen habe ich Mitte April auf die Welt gebracht", berichtet Hamm stolz. Die letzten Tiere sind vor allem deshalb noch dort, weil die Futterreserven aufgebraucht werden sollen. "Die verbleibenden 18 Weideochsen unterschiedlichen Alters werden bis spätestens 30. September in Abstimmung mit dem Zuchtleiter für das Limpurger Rind an Züchter aus der Ursprungsregion des Limpurger Rindes zur Weitermast verkauft werden", teilt das Justizministerium mit. Nur so darf das Fleisch auch als Limpurger Weideochse deklariert werden. Bis dahin ist noch viel zu tun. Zwei Gefangene räumen im Zellentrakt (ab 22 Uhr wurden die Insassen dort eingesperrt) auf. Es riecht muffig in den Räume. Offiziell ist die Kleincomburg seit 1. Mai kein Gefängnis mehr. Damit endete eine 138 Jahre lange Tradition. Wer einen Blick in die Kirche werfen will, kann das immer noch tun. Sie ist täglich von acht bis 16 Uhr geöffnet. Was mit den Gebäuden geschieht, darüber entscheidet in nächster Zeit das Finanzministerium in Stuttgart als Eigentümer. "Ach ja, und wer Holz braucht", fällt Hamm noch ein. "Wir verkaufen noch 200 Festmeter."

Reform in der Justiz: Haller JVA wird größer

Belegung Die Zahl der Gefangenen sinkt. Daher hat das Justizministerium die JVA-Außenstelle Kleincomburg geschlossen. Warum gerade diese Außenstelle? Teure Sanierungsarbeiten standen dort an.

Verteilung Die sieben JVA-Mitarbeiter der Kleincomburg wurden auf verschiedene Einrichtungen verteilt. Die mehr als 20 Häftlinge im offenen Vollzug ebenfalls.

Vergrößerung Die JVA Hall hat nach der kleinen Reform im Strafvollzug rund 20 Plätze mehr - 367 im Haupthaus in der Stadtheide, derzeit 20 Personen im Freigängerheim in der Unterlimpurger Straße und neuerdings 45 Plätze im offenen Vollzug bei der neuen Haller JVA-Außenstelle auf der Kapfenburg bei Ellwangen. Auch die Zahl der Mitarbeiter steigt. Rund zehn Vollzugsbedienstete aus dem mittlerweile geschlossenen Crailsheimer "Drogenknast" arbeiten in Hall, zudem bleiben fast alle Mitarbeiter der Kleincomburg der JVA-Hall erhalten. Das sei auch nötig, teilt Reiner Probst von der JVA mit, denn bisher war das Personal knapp.

SWP

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