„Der Platz hier ist eine Überraschung“

Den Stellflächen für Reisemobile an der Auwiese fehlt Strom und Wasser. Dennoch ist der Ort bei Campern beliebt. Er soll ausgebaut werden.

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  • Conny Kulhanek und Herbert Enderle genießen die Ruhe auf dem Wohnmobilstellplatz an der Auwiese.  1/2
    Conny Kulhanek und Herbert Enderle genießen die Ruhe auf dem Wohnmobilstellplatz an der Auwiese. Foto: 
  • Maaike Vergouwe füttert Isolde. Daan Zuijderwijk hilft mit.  2/2
    Maaike Vergouwe füttert Isolde. Daan Zuijderwijk hilft mit. Foto: 
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Die angebratenen Maultaschen mit Caprese-Salat sind aufgegessen. Gemütlich lehnen sich Herbert Enderle (59) und Conny Kulhanek (59) in ihre bequemen Campingstühle zurück. Das Paar aus dem Raum Stuttgart genießt den kalten Grauburgunder. Eine Radtour nach Künzelsau und zurück liegt hinter ihnen. Die Sportklamotten tragen sie noch. Alles kein Problem: Im Wohnmobil kann man sich duschen. Der Abwassertank fasst 120 Liter. Die Solarzellen auf dem Dach sorgen dafür, dass das Paar bis zu vier Tage autark sein kann. Der provisorische Wohnmobilstellplatz auf der Auwiese verfügt über keine Wasserversorgung und keinen Strom. Dafür ist er auch kostenlos. Zwei Übernachtungen am Stück sind dort erlaubt. In den nächsten Jahren soll er aufgerüstet werden (siehe Info).

Besser als auf der Weilerwiese

„Es ist ruhig, idyllisch und grün“, schwärmt Herbert Enderle. Das Paar ist zum zweiten Mal in Hall und wieder gezielt zum Lichterfest gekommen. Es kann einen Vergleich ziehen. Bevor Hotel und Ärztehaus entstanden, kamen die Wohnmobile auf der Weilerwiese unter. „Hier ist es besser“, sagt Conny Kulhanek. Denn an der alten Stelle war die Straße zu laut. „Zwölf Minuten haben wir von der Auwiese zu Fuß in die Innenstadt benötigt“, berichtet sie. Diese Entfernung sei in Ordnung. Bei einem Thema kommt das absolut tiefenentspannt wirkende Paar allerdings in Rage. Autos würden die Wohnmobilstellplätze zuparken. Da sollte die Polizei durchgreifen.

Doch warum fahren die beiden nicht auf den Campingplatz in Steinbach? Bei einem Städtekurztrip zähle das Praktische. „Ich muss nicht einchecken, es gibt keine Mittagspause mit Fahrverbot, ich muss hier nicht rangieren oder Formulare ausfüllen.“ Frei sein wie ein Vogel, dort zu übernachten wo einen die Handy-App mit der Stellplatz-Übersicht hinführt, darum geht es.

„Das Ding explodiert. Jeden Tag werden in Deutschland neue Plätze eröffnet. Die Städte haben das Potenzial erkannt“, sagt der Wohnmobilist mit 35 Jahren Erfahrung. Im Jahr 2016 wurden laut Caravaning Industrie Verband Deutschland 35.135 Wohnmobile und 19.748 Wohnwagen neu zugelassen, was eine Steigerung von 5,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Das sind die höchsten Zahlen seit 25 Jahren.

Die modernen Freizeit-Zigeuner seien keine Schmarotzer, die auf Kostenlosangebote aus seien. „Ich bin gerne bereit, 10 bis 20 Euro zu bezahlen, wenn hier die Infrastruktur geschaffen wird“, sagt Enderle. Das werde bei anderen Plätzen ganz einfach per Parkscheinautomaten geregelt.

Er fährt bereits sein drittes Wohnmobil, das 70.000 Euro gekostet hat. Das Vorgängermodell wurde ihm mitten im Urlaub in Neapel geklaut. „Gestern stand hier in Hall das Modell Con­corde. Das kostet 200.000 Euro.“ Die Reisenden seien Genussmenschen, die gerne bereit sind, die Gastronomie zu bevölkern und beim Lichterfest im Park Geld auszugeben.

Wird hier nicht dem Campingplatz-Besitzer in Steinbach das Wasser abgegraben? Der hat viele Ausgaben, unterliegt auch hohen bürokratischen Anforderungen. Gegenüber der Zeitung will er sich nicht äußern. Grund: Zuletzt sei ein Hass-Sturm per Mail und im Internet  über ihn hereingebrochen, als er seine Meinung zu diesem Thema äußerte.

Es gibt aber auch Sparfüchse unter den Wohnmobil-Besatzungen, die an diesem Samstag auf dem geschotterten  Parkplatz stehen. Ein zum Wohnmobil umgebauter Lastwagen stehe nur dort, weil ein großer Parkplatz benötigt wird. Er würde nicht bewusst Camping- oder Stellplätze aufsuchen, sagt sein Besitzer, der lange verfilzte Haare trägt und in Hall Freunde besuchen will.

Europareisende in Hall

Ganz und gar nicht in das Bild der Städtetouristen fallen die Bewohner zweier Gefährte aus Holland. Die Ladeklappe hinten kann man als Terrasse nutzen, im Innern erzeugt ein Holz-Bollerofen, der  auf dem wie eine Yacht beplankten Boden steht, die Aura von Gemütlichkeit.

Das ist das fahrende Heim der Familie Zuijderwijk/Vergouwe aus Holland. Vier Jahre lang will das Paar mit den drei Kindern Fenna (5), Alba (3) und Isolde (1) auf Reisen gehen. Die ersten vier Monate haben sie gerade hinter sich. „Wir waren in den Dolomiten und sind auf der Rückreise nach Holland, wo wir eine Ausstellung unserer Landschaftsfotografien organisieren. Danach geht es weiter nach Zingst an die Ostsee, wo wir zu einem Kunstfestival eingeladen sind“, berichtet Daan Zuijderwijk (43), der hinter einem Apple-Laptop im Innern sitzt. Papa und Mama statt Herr Lehrer und Frau Lehrerin: Fenna wird von den Eltern unterrichtet. In Hall erhält die Familie auf Europareise Besuch von den Eltern aus Holland, die ebenfalls auf dem Wohnmobilstellplatz stehen.

Pflanzen würden helfen

Maaike Vergouwe (39) schlägt vor, die Stellfläche am Kocher noch mit ein paar Pflanzen besser vom restlichen Parkplatz abzugrenzen. Sie füttert gerade die kleine Isolde, die es sich am Tisch im selbstgebauten Wohnmobil schmecken lässt.

Daan Zuijderwijk bekennt: „Wir haben den Ort mit einer Handy-App gefunden. Wir haben wenig erwartet. Der Platz ist eine positive Überraschung.“

Info Auf www.zuijver.com kann man die Landschaftsfotos und die Reise des Künstlerpaars verfolgen.

Stadträtin Ruth Striebel (FDP)  hakt zum Thema Wohnmobilstellplatz im Bauausschuss Anfang Juli nach. Toilette und Wasserversorgung fehlen dort. Erster Bürgermeister Peter Klink erläutert, dass im Haushalt 2016/2017 entsprechende Mittel eingeplant wurden. Es sind 50 000 Euro. Der Standort sei auch für dauerhaften Betrieb geeignet.

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