"Der Feind ist immer schon hier"

Der Schriftsteller Johano Strasser spricht über die gesellschaftlichen Ursachen vieler Ängste und über Depression. Er erklärt, warum er Humor als eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Angstbewältigung hält.

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Johano Strasser: Humor hilft bei Bewältigung von Ängsten.  Foto: 

"Es geht heute Abend nicht um Menschen, die wirklich Angst in ihrem Leben haben müssen. Es geht eher um diejenigen, die eigentlich das große Los gezogen und trotzdem sehr viel Angst haben."

„Depression ist fast zur Volkskrankheit geworden“

Der Autor des Buches "Gesellschaft in Angst" beleuchtet in seinem Vortrag überwiegend den Teil der Menschheit, der in den westlich reichen Gesellschaften lebt. Trotz horrend wachsender Ausgaben für Sicherheitsmaßnahmen nähmen dort Angsterkrankungen dramatisch zu. "Depression ist fast schon zu einer Volkskrankheit geworden", so der langjährige Präsident des PEN-Clubs Deutschland.

Die Gründe dafür sieht er in der Veränderung der westlichen Wirtschaftswelt. Steigende Innovationsgeschwindigkeit, hohe Mobilitätsanforderungen und die wachsende Komplexität der Zusammenhänge überforderten den Menschen. "Irgendwie hängt alles mit allem zusammen, aber man weiß nicht mehr wie." Auch die bisherigen Lebensregeln seien auf den Kopf gestellt worden. "Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wissen junge Menschen mehr als die Älteren." Früher war seiner Meinung nach alles noch in sehr viel geregelteren Bahnen. "Heute weiß niemand mehr, wohin die Reise geht. Leben ist zum unberechenbaren Risiko geworden. Schon morgen kann alles anders sein." Das boomende Sicherheitsgewerbe helfe da nicht wirklich weiter, verdiene dabei aber eine Menge Geld. "Die Externalisierung von Gefahr", der imaginäre Aufbau von Schutzmaßnahmen, die den alten Stadtmauern entsprechen sollen, bringen nichts. "Der Feind ist niemals draußen, der Feind ist immer schon hier."

Als "Strategien der Entängstigung" empfiehlt das Mitglied der SPD-Grundwertekommission das "Vorhersehen und Vorbeugen". Die Kinder wieder lernen lassen, dass das Leben gefährlich ist. Und sie nicht vor allen Eventualitäten schützen wollen. Kein Rückzug in "Wagenburgen", in denen man sich sicher wähnt. Strasser sprach auch von "funktionaler Dezentralisierung: Es ist ein hoher Sicherheitsgewinn, wenn nicht mehr 2000 Haushalte von einem Kraftwerk abhängig sind".

Der gebürtige Holländer will dabei die Marktwirtschaft nicht abschaffen, fordert jedoch, dass die Demokratie wieder einen stärkeren Einfluss darauf nimmt. Der Epilog des Buches und Abschluss seines Vortrages beginnt mit des Kaisers neuen Kleidern - "der lachenden Vernunft". Sich "die Freiheit herauszunehmen zu lachen, wo es nichts zu lachen gibt, ohne sich zu unterwerfen und ohne krank zu werden", das ist für ihn ein zentrales Thema, wie man persönlich mit einer Welt umgehen kann, die allen Sicherheitsmaßnahmen zum Trotz immer ängstlicher wird.

Strassers Vortag bietet eine Fülle an neuen Impulsen zum angeregten Nachdenken über die Lebenswelt von heute und von morgen. Aber bei der etwas isoliert erscheinenden Betrachtung der westlich geprägten Wohlstandsgesellschaften mit ihren Ängsten scheint ein wichtiger Aspekt etwas zu kurz zu kommen. Die Einbettung in den globalen Zusammenhang, in dem aufstrebende Wirtschaftsmächte möglicherweise die bisherigen Wirtschaftsmächte ablösen. Strassers Theorien müssten dann möglicherweise in einer anderen Sprache aufgeschrieben werden.

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