"Der Euro kommt in die Pubertät"

"Im Moment profitieren wir von der Krise", sagt Uwe Burkert, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg. Die Diskussionsrunde in der Hospitalkirche liefert vorgestern am Ende klare Aussagen.

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Moderator Marcus Haas (Mitte) entlockt Chefvolkswirt Uwe Burkert (rechts) klare Aussagen über die Krise. Philosoph Frank Mau (links) hält die Griechenlandhilfe im Moment für ethisch gerechtfertigt.  Foto: 

Mehr als 100 Zuhörer in der barocken Hospitalkirche, freundlich begrüßt und bewirtet von den Vertretern der BW-Bank. Als Redner der Finanz-Philosoph und kaufmännischer Vorstand des Evangelischen Diakoniewerks, Frank Mau, sowie der Chefvolkswirt der Landesbank Uwe Burkert.

Der Abend beginnt mit einer 30 Seiten starken Präsentation des Chefvolkswirts. "Das war mir zu hoch", wird hinterher ein Zuhörer raunen. Wer aufmerksam mitdenkt, die vielen Details ausblendet, erfährt die Grundzüge der Probleme: Krisen seien in der Weltwirtschaft nichts Neues. Die Zeit der großen Probleme liege allerdings weit zurück - wie die große Depression 1929. Es gelte der Leitsatz: "Eine Krise dauert so lange, wie die Boomphase davor", sagt der Chefvolkswirt. Der Auslöser der aktuellen Probleme: In Folge des Zusammenbruchs der Immobilien-Finanzierung (Lehman-Brothers) fehlt es Banken an Liquidität, der Staat griff ihnen unter die Schulter, die Verschuldung nahm zu und Griechenland bekam ein Problem. Die Europäische Zentralbank erfülle ihre Aufgabe, den Geldwert zu stabilisieren und dadurch zugleich Griechenland zu stützen. "Der Patient wird mit Transfusionen am Leben gehalten", beschreibt Burkert anschaulich die jetzige Lage und greift einen Vergleich auf, den Frank Mau ins Spiel gebracht hat.

Griechen benötigen Zeit, um bittere Pille zu schlucken

Der promovierte Philosoph hat nicht nur das Buch "Jetzt sind die Griechen mit ihrem Latein am Ende" geschrieben. Er hat auch einen Vergleich entwickelt, um die Frage zu beantworten, ob eine Rettung ethisch gerechtfertigt ist. Mau vergleicht Griechenland mit einem Herzinfarkt-Patienten.

Ist eine Rettung Pflicht? Nicht in jedem Fall, lautet seine Antwort. Denn selbst die Rettung eines Infarktpatienten sei nicht immer geboten. Wenn sich der Retter durch die Hilfsmaßnahme selbst in Lebensgefahr begibt, sollte er es lassen. Denn ansonsten würde aus einem Notfall gleich zwei werden. Mau stellt die Frage: Reicht es, den Patienten künstlich am Leben zu halten, oder muss er ab einem bestimmten Punkt selbst etwas für seine Rettung tun? Und: "Retten wir jemanden, dann lernt er damit, dass er das nächste Mal wieder gerettet wird."

Moderator Marcus Haas, Chefredakteur des Haller Tagblatts, ringt den Rednern nach ihren Vorträgen klare Aussagen ab. "Wann waren Sie zuletzt in Griechenland?", eröffnet er die Diskussion. Burkert outet sich als Fan des Landes, in dem man Gelassenheit lernt. Mau bereiste noch nie die Wiege der Demokratie. Den Fragen von Moderator Haas und der Analogie von Mau, der den Finanzinfarkt mit dem Herzinfarkt vergleicht, ist es zu verdanken, dass Finanzexperte Burkert anschauliche Aussagen macht: "Der Patient muss am Leben gehalten werden, weil er sich derzeit noch gegen seine Behandlung wehrt." Er habe Hoffnung, dass die Griechen die Pillen schlucken. "Der Patient ändert sein Verhalten, die Ärzte müssen nicht den Stecker ziehen." Mau wirft ein: "Im Moment kaufen wir Zeit. Das ist ethisch gerechtfertigt." Burkert stellt klar: "Es wird nicht nur der zu Rettende gerettet, sondern auch der Retter." Sprich: Wird es den Griechen ermöglicht im Euro zu bleiben, nutzt das auch Deutschland. Im Moment profitiere Deutschland von der Krise - zum Beispiel durch die niedrigen Zinsen. Falls der Austritt Griechenlands aus dem Euro droht, wäre das anders. Dann würde Geld verloren gehen. Den "Grexit" hält Burkert aber für unwahrscheinlich. Man müsste der Einheitswährung eine Chance geben. "Der Euro kommt gerade in die Pubertät", sagt Burkert. Aus eigener Erfahrung als Vater wisse er: Die kann heftig sein.

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