„Das war einfach zu viel“

Mehrere Haller Lokale, Clubs und Restaurants bekommen oder suchen Nachfolger.  Ein neuer Laden bietet zur Bartpflege einen Whisky an

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Langer Graben 13: Gestern Abend endete eine Ära. Ralph Sperrle öffnete zum letzten Mal die „UnverzichtBar“. 15 Jahre lang hatte er die Einrichtung geführt – erst am Sparkassenplatz, dann zehn Jahre lang gegenüber des Landrats­amts. Ralph Sperrles Frau Katja ist Mitinhaberin, sie arbeitet parallel als Physiotherapeutin.

„Es geht um eine berufliche und persönliche Veränderung“, sagt der 46-Jährige über den Grund des Rückzugs. Das Ehepaar bleibe in Hall, er werde nicht als Selbstständiger arbeiten, betont Sperrle.

Die U-Bar ist jetzt für etwa zwei Monate geschlossen. Dann übernehmen Tobias Schlüter und Tasmin Wagner die Bar – der 25-Jährige arbeitet laut Sperrle seit acht Jahren, Wagner seit mehr als drei Jahren in der U-Bar. Die Wiedereröffnung soll im Herbst sein.

Gelbinger Gasse 47: Der Ratsherr und Gerber Hans Gräter ließ im Jahr 1595 ein gekauftes Haus abreißen und zehn Jahre später an gleicher Stelle ein neues  im Renaissancestil errichten. Jahrhunderte später führte Fritz Zauner eine Gaststätte in dem Gebäude – bis „der Fritz“, wie er von vielen genannt wurde, im August 2016 starb. Seit 19. Juli ist das Lokal im Gräterhaus wieder geöffnet. Pächter ist jetzt Steffen Held (36). Er sei von vielen früheren Gästen gefragt worden, ob er die Einrichtung nicht weiterführen wolle, erzählt der gelernte Metzger. Der Eröffnungsabend war dann auch „ein kleines Dankeschön“ für die Stammgäste, wie Held sagt. Die Einrichtung und der Charme des renovierten Lokals haben sich kaum geändert. Derzeit ist nur das Erdgeschoss geöffnet. Im oberen Bereich, der vor allem für Gesellschaften und Geburtstagsfeiern vorgesehen ist, wird die Küche ausgetauscht.

Gelbinger Gasse 34: Wenige Meter vom Gräterhaus entfernt wird derzeit gebaut: Direkt neben dem Restaurant Alt Hall entsteht eine Weinbar. Die Einrichtung mit 40 Sitzplätzen wird vom Alt-Hall-Pächter betrieben. Sie soll im September eröffnet werden, sagt Vasiliki Filiou, Mitarbeiterin des Restaurants. Bauherr ist Uwe Ziehl, dem das denkmalgeschützte Gebäude gehört. Wo bald die Vinothek eröffnet, gab es bis 2016 ein Schmuckgeschäft. Die Räume grenzen an einen Gartenbereich, der seit diesem Sommer zum Alt Hall gehört. Der Außenbereich des Restaurants, in dem auch ein historisches Kinderkarussell steht, hat sich damit etwa verdoppelt.

Schulgasse 4: Seit knapp einer Woche ist das Restaurant Salz­sieder geschlossen. Henryk Feindt war eineinhalb Jahre lang der Pächter, teilt Peter Göhler mit. Er ist Prokurist der Haller Löwenbrauerei, der das Haus in der Schulgasse gehört. Das Unternehmen habe es in den 1990er-Jahren von Frieder Dambach gekauft, sagt ein Nachbar.

Der neue Pächter des Salzsieders, Christian Rieger, kommt aus Berlin, der Vertrag ist bereits unterschrieben. Die Wiedereröffnung ist für 1. September geplant.

Über die Gründe von Feindts Rückzug sagt Göhler: „Sein Konzept hat nicht gepasst.“ Das Problem habe nicht im Getränke-, sondern „im Essensbereich“ gelegen.

Haalstraße 10: „Sein Platz“ heißt der Laden, in dem Kunden sich nach klassischer Art nass rasieren lassen können. Dazu gibt es Whisky, Wein, Kaffee oder auch nur ein Wasser – „als Hausgruß, um den Mann auf die 30 bis 60 Minuten einzustimmen, die er bei uns verbringt“, sagt Inhaber Alexander Sperling. Der 29-Jährige aus Niedernhall führt „Sein Platz“ zusammen mit Florian Hanselmann. Der 29-Jährige aus Blaufelden stellt Rasiermesser her und berät bei Weinen.

Sperling bietet in dem Haller Geschäft Schulungen in Rasur und Bartpflege an – „für Frisöre deutschlandweit“. Die Ladeninhaber haben Exklusivverträge mit einem Südtiroler Weingut und einem Augsburger Whiskyhersteller abgeschlossen. Heute wird die Eröffnung gefeiert – mit 15 Prozent Rabatt auf alle Produkte, zu denen etwa Pomaden, Düfte und Pflegemittel gehören.

Haalstraße 8: Neben „Sein Platz“ befindet sich das Art-Café. Bah­ram Nikmard hat es im November 2016 eröffnet – dort, wo sich früher der „Kochlöffel“ und danach ein asiatischer Imbiss befunden hatten. Nikmard betrieb von 2003 bis 2016 die Kneipe neben dem Club-Alpha-Löwenkeller. Über seinem jetzigen Café, erzählt Nikmard, befinden sich seit September 2016 drei privat betriebene Ferienwohnungen.

Färbergasse 3: Auf der anderen Seite des Kochers schloss Genet Nerayo am 30. Juli ihr Restaurant Ethio (das sie im Juli 2015 eröffnet hatte). Die 45-Jährige bot afrikanisch-orientalisches Essen an, sie kochte selbst und bediente die Gäste. Die viele und harte Arbeit habe sich auf ihr Privatleben ausgewirkt, erzählt sie. Auf Dauer sei es zu stressig, sich nur auf die Monate zu verlassen, in denen das Geschäft gut laufe. Sie wolle sich bei jedem einzelnen ihrer Gäste bedanken, betont Nerayo. Jetzt sucht sie einen Nachfolger für die Räume – die Pacht sei mit 550 Euro pro Monat „niedrig“. Nerayo arbeitet nun im Restaurant Gan­dhi in der Gelbinger Gasse, dessen Angebot erweitert werde: „Meine Küche wird es dort weiter geben.“

Steinbeisweg 50: Viel Arbeit hatten auch Martin Zaklikowski (55) und sein Neffe Sven Riecker im „Stage“. Der Live-Club liegt zwischen einer Autowerkstatt und einer Tanzschule. Er habe als Betreiber schon Ende Mai aufhören wollen, aber „es fand sich niemand, der das weitermacht“.

Also ist Martin Zaklikowski noch bis Ende dieses Jahres für den Club verantwortlich. Gibt es bis dahin keinen Nachfolger, werde das „Stage“ aufgelöst. Dabei, betont Zaklikowski, sei es für Hall wichtig, einen Ort für Live-Musik zu haben. Zwischen 100 und 400 Besucher seien zu Auftritten in den Westen der Stadt gekommen.

Der 55-Jährige führte das „Stage“ vier Jahre lang. „Der Aufwand war groß.“ Neben Familie und seinem regulären Job – Zaklikowski hatte eine Druckerei und arbeitet jetzt als Angestellter – etwa die Buchführung und den Einkauf zu machen und am Wochenende präsent zu sein, „das war einfach zu viel“.

Neue Straße 27: Als „veganes Bio-Restaurant“ bezeichnete Ingo Eichel das Lokal Quinoa. Er schloss es am Jahresende 2016 „aus privaten Gründen“. Jetzt arbeitet Ingo Eichel freiberuflich in der Strategieberatung für Unternehmen. Wer in die Räume über der Filiale der Bäckerei Gräter in der Neuen Straße einziehen wird, ist noch offen.

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