„Behinderung hat viele Gesichter“

Eine Delegation des russischen Bundesdienstes für Arbeit erkundet Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Behinderung in Deutschland.

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Die russische Delegation und Thekla Schlör von der Agentur für Arbeit (rosa Mantel) hören aufmerksam zu, was Rainer Beroth (Zweiter von links) über Ausbildung und Schulungen in der Haller LebensWerkstatt erzählt. Jochen Brotz (links) ist dort für den Bereich Arbeit zuständig.  Foto: 

Soll ich mal zeigen, was ich hier mache?“, fragt ein Mitarbeiter der Haller LebensWerkstatt im Aschenhausweg etwas aufgeregt die Menschenmenge, die sich in der Metallverarbeitung um ihn versammelt hat. Konzentriert demonstriert er, wie er Aluminiumprofile sägt, die später als Rahmen für Sauna-Scheiben eingesetzt werden.

Heute ist ein besonderer Tag in der Beschützenden Werkstatt. Eine Delegation des Bundesdienstes für Arbeit und Beschäftigung der russischen Föderation (Rostrud), dem russischen Pendant zur Agentur für Arbeit in Deutschland, ist zu Besuch.

Nachdem Russland 2012 die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen ratifiziert hat, versucht das Land, Maßnahmen zu ergreifen, körperlich und geistig beeinträchtigte Menschen besser ins Arbeitsleben zu integrieren. „Wir sind auf Erkundungstour in Europa unterwegs und schauen uns an, wie es andere Länder schaffen, Menschen mit Behinderung eine Art Berufsleben zu ermöglichen“, übersetzt eine Dolmetscherin Dmitry Frantsev, Geschäftsbereichsleiter bei Rostrud. Auch ein Besuch im Haller Café Samocca steht unter anderem auf dem Programm des zweitägigen Aufenthalts in Deutschland, welcher von der zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Agentur für Arbeit organisiert wurde. Die LebensWerkstatt ist die erste Einrichtung, die die russische Delegation besichtigt.

Bei einer Präsentation erklären Rainer Beroth, Leiter des Berufsbildungsbreichs, und Jochen Brotz, Leiter des Arbeitsbereichs, die Struktur der Einrichtung, welche sich in Arbeit, Förderung und Betreuung, Bildung sowie Wohnen gliedert. Die LebensWerkstatt macht es sich zur Aufgabe, Menschen mit Handicap die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen“, schildert Brotz den Grundgedanken der Einrichtung.

Dies solle durch eine 27-monatige Ausbildung in Bereichen wie Garten- und Landschaftspflege, Küche und Werkstatt, gelingen. Ziel sei es, für den ersten Einsatz auf dem Arbeitsmarkt vorzubereiten. „Das klappt nicht bei allen“, bedauert Beroth. „Wenn der Grad der Behinderung zu schwer ist, bleiben unsere Schützlinge bei uns in der LebensWerkstatt.“

Neue Ansätze finden

Besonders interessieren sich die russischen Gäste in diesem Zusammenhang für die Finanzierung des Aufenthalts in der LebensWerkstatt und darüber hinaus. Kostenträger für die Zeit der Ausbildung sei die Agentur für Arbeit. Bekommen die Betreuten danach eine Anstellung in einem Unternehmen, subventioniere der Landkreis dies in Form von Ausgleichszahlungen an die Betriebe. Bleiben die Behinderten nach der Ausbildungszeit in der LebensWerkstatt, übernimmt in der Regel das Integrationsamt die Kosten, so Beroth und Brotz.

Bei einer Führung durch die verschiedenen Werkstattbereiche lässt sich die Delegation die einzelnen Arbeitsschritte zeigen, welche die Beeinträchtigten unter Aufsicht übernehmen. So werden zum Beispiel in der Elektromontage Steckdosen zusammengebaut. Die russischen Gäste sind beeindruckt von der Arbeitsweise. „Ich bin überrascht, dass hier Menschen mit deutlich zu erkennender Behinderung solchen Tätigkeiten nachgehen können und vor allem auch wollen“, so Frantsev. In Russland sei die dafür erforderliche Infrastruktur und Organisation längst nicht auf einem so hohen Niveau wie in Deutschland. Daher stehe das Land vor einer großen Herausforderung. Gesetze müssen geändert sowie neue Ansätze in den russischen Arbeitsmarkt implementiert werden.

Thekla Schlör, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Schwäbisch Hall-Tauberbischofsheim, ist mit dem Auftakt des Besuchs zufrieden. Es sei eine Wertschätzung des deutschen Arbeitssystems, dass andere Länder sich dafür interessieren, wie in Deutschland Menschen mit Behinderung integriert werden.

In Hall und Umgebung sei eine vitale und innovative Szene für soziale Einrichtungen geschaffen worden. Die LebensWerkstatt fördere dabei auf besondere Weise eine Teilhabe am Arbeitsleben. „Behinderung hat viele Gesichter. Entsprechend müssen wir verschiedene Maßnahmen ergreifen und individuell umsetzen.“

Die Behindertenrechtskonvention ist ein von 167 Staaten und der EU abgeschlossener Völkerrechtsvertrag über die Rechte der Menschen mit Behinderung. Er wurde am 13. Dezember 2006 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen. 2008 trat das Übereinkommen in Kraft. Deutschland gehörte zu den ersten Staaten, die unterzeichnet haben.

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