Hebammen im Interview: „Arbeit und Motivation leiden“

Teure Versicherung, schlechte Bezahlungen und hohe Arbeitsverdichtung haben viele Hebammen aus dem Beruf gedrängt. Eine prekäre Situation auch für Mütter. Melanie Bendl und Lisa Kunz aus Hall wollen aber nicht aufgeben.

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Melanie Bendl (links) und Lisa Kunz aus Hall sind als freiberufliche Hebammen in Öhringen tätig.  Foto: 

Wie viele Kinder haben Sie dieses Jahr zur Welt gebracht?

Melanie Bendl: In diesem Jahr waren es rund 100, plus minus.

Das ist viel! In Norwegen kommt eine Hebamme gerade mal auf 30. Ich habe gehört, dass in hiesigen Kliniken Hebammen manchmal gleich drei Frauen parallel betreuen.

Lisa Kunz: Das kommt vor. Es gab aber einen Schiedsspruch. Im Ergebnis sind Hebammen ab 2018 verpflichtet, höchstens zwei Frauen gleichzeitig anzunehmen. Wir wissen aber noch nicht, wie wir damit umgehen, wenn mehr Mütter im Kreißsaal auftauchen.

Sie arbeiten beide als selbstständige Hebammen in der Öhringer Klinik. Ist das im Diak anders?

Kunz: Dort gibt es angestellte Hebammen. Für sie gilt diese Einschränkung nicht.

Bendl: Es entsteht dort aber eine Überbelastung. Ein Klinik-Team mit 15 bis 20 Hebammen sammelt über das Jahr weit mehr als 1000 Überstunden an.

Die Gemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachangestellten sieht doch eine 1:1-Betreuung vor.

Bendl: Diese Richtlinie hat noch keine rechtliche Bindung. Auch wenn: Es gibt weder eine Vergütungsstruktur, die das gewährleistet, noch genügend Hebammen.

Wie viele bräuchte man?

Kunz: Im Diak sind 15 bis 20 in der Geburtshilfe angestellt. In der Wochenbettbetreuung sind in Hall 22 Hebammen freiberuflich aktiv. Man bräuchte nochmal die Hälfe mehr. 2014 standen 31 auf der Liste.

Unterbesetzte Kreißsäle sind aber ein Risiko für Gesundheit und Leben.

Bendl: Man muss im klinischen Alltag Prioritäten setzen und schauen: Wo brennt’s am meisten.

Was sind brenzlige Situationen?

Bendl: Das Typische ist, wenn die Herztöne des Babys nicht in Ordnung sind. Manches Problem lässt sich durch eine andere Position der Frau positiv beeinflussen. Wenn ich aber viele Frauen gleichzeitig betreuen muss, merke ich das erst später. Unter Umständen ist dann ein stärkerer Eingriff nötig, weil das Baby zu viele Ressourcen aufbraucht.

Kommt das häufig vor?

Kunz: In Deutschland sind bei vier von fünf Geburten medizinische Interventionen nötig. Bei einer 1:1-Betreuung lässt sich, wie Studien belegen, die Gabe von Schmerz- und Wehenmittel bis fast auf null senken – alleine durch das Dasein der Hebamme.

Manche Komplikationen sind fatal.

Kunz: Die Sterblichkeitsrate ist zum Glück relativ gering. Bei den Müttern liegt sie bei 0,01 Prozent.

Bendl: Bei Säuglingssterblichkeit wird nicht nur die Geburt gerechnet. Sie liegt bei 0,33 Prozent im ersten Lebensjahr. Menschen machen eben Fehler. Aber auch wenn nicht, kann etwas passieren – etwa durch eine vorgeburtliche Schädigung.

Ein Risiko für Sie. Was kostet die Haftpflicht-Versicherung?

Kunz: Rund 10 000 Euro im Jahr.

Bendl: Der Betrag steigt alle zwei Jahre deutlich. Ein Zahnarzt zahlt im Vergleich nur 400 Euro.

Ist das Gehalt wenigstens hoch?

Kunz: Wir haben als Angestellte damals bei einer 100-Prozent-Stelle 1500 Euro netto verdient.

Und bei der Wochenbettbetreuung?

Kunz: 38,20 Euro pro Besuch, auch wenn dieser zwei Stunden dauert. Wenn alles abgezogen ist, bleiben weniger als zehn Euro. Die angesetzten 20 Minuten kommen dem, was wir machen, nicht im Entferntesten nahe.

Und als Beleg-Hebamme?

Kunz: Wir verdienen für eine Stunde vor der Geburt bis drei Stunden nach Geburt 165  Euro – und tragen die volle Haftung.

Durch Komplikationen steigt sicherlich die Zahl der Kaiserschnitte?

Bendl: Die Weltgesundheitsorganisation sagt, dass mehr als 10 bis 15 Prozent medizinisch nicht vertretbar seien.

Und die Realität?

Kunz: Deutschlandweit sind wir bei 33 Prozent, das Diak liegt bei rund 25 Prozent.

Für eine Klinik, die keine geplanten Kaiserschnitte anbietet, ist das doch relativ viel?

Kunz: Das Problem ist, wenn ein natürlicher  Geburtsabschluss nach Stunden nicht erwartbar ist. Wenn dann noch fünf andere Frauen da sind, geht es personell nicht anders. Der Kaiserschnitt ist in einer bestimmten Zeit abgeschlossen. Dann kann man sich um die nächste Frau kümmern.

Das Wohlbefinden von Mutter und Kind ist dann also zweitrangig?

Kunz: Leider. Es geht auch um rechtliche Gründe. Es kam bisher zu keiner Anklage wegen einem überflüssigen Kaiserschnitt. Aber schon ganz viele wegen nicht durchgeführten. Dabei sind die Risiken der Sektion in der Öffentlichkeit kaum bekannt.

Und die sind?

Kunz: Bindungsprobleme, Allergien beim Kind, weil es nicht durch die Flora der Mutter gekommen ist. Es gibt Studien, in denen ein Zusammenhang mit ADHS und Adipositas hergestellt wird, zudem Lernschwächen.

Sprechen wir über die Unterversorgung von Wöchnerinnen. Die Initiative Motherhood kam zum Ergebnis, dass 2016 bei 374 Geburten in Hall 112 Frauen unbetreut waren.

Bendl: Vor vier Jahren war noch eine Vollversorgung möglich. Dann ist das total gekippt. Eine Ursache: Viele haben den Beruf wegen Überlastung verlassen.

Wann sollten Frauen dann mit der Hebammen-Suche beginnen?

Bendl: Frauen rufen häufig schon mit einem positiven Schwangerschaftstest  an  und sind verzweifelt, weil dann auch noch die 20. Hebamme absagt. Die, die erst später von der Schwangerschaft erfahren, bleiben auf der Strecke.

Geht es nicht auch ohne Hebamme?

Bendl: Wahrscheinlich würden viele das bestätigen. Manches ist für den Betroffenen aber nicht sofort erkennbar, etwa eine perinatale Depression bei Frauen. Das kann in einer Psychose eskalieren. Hebammen fangen das frühzeitig ab. Ebenso Neugeborenengelbsucht, bei der wir mit kleinen Maßnahmen eingreifen können, damit keine Neuaufnahme in der Klinik nötig wird.

Ein neues Projekt soll helfen und wird nun vom Landkreis mit 15 000 Euro bezuschusst.

Bendl: Lisa Kunz und ich haben das Konzept der Hebammen-Zentrale ausgearbeitet. Ziel ist, dass sich das Angebot später selbst finanziert, auch durch einen Förderverein.

Und was macht die Zentrale?

Bendl: Hebammen sollen im bürokratischen und logistischen Bereich entlastet werden. Gleichzeitig haben Mütter einen festen Ansprechpartner und müssen eben nicht mehr 30 Hebammen abtelefonieren. Die Zentrale vermittelt, gibt den Frauen gleich Tipps, auch zur Vorsorge und Kursen.

Was kann die Gesellschaft tun, um Ihnen zu helfen?

Kunz: Es wäre gut, wenn mehr Bürger sich wegen der Missstände an Versicherungen und Kliniken wenden würden.

Zwei weitere Hebammen sind mit Ihnen vom Diak nach Öhringen gewechselt. Wieso?

Kunz: Gründe sind Überarbeitung, schlechte Personalstruktur und Kompetenz-Einschränkungen trotz Qualifikation durch unsere Ausbildung.

Was meinen Sie genau?

Bendl: Blutabnehmen, die Betreuung der Plazenta-Geburt, dann die erste Untersuchung des Kindes: eigentlich alles Aufgaben einer Hebamme, die im Diak aber der Gynäkologe übernimmt.

Kunz: Wünschenswert wäre eine Betreuung aller auf Augenhöhe statt Macht- und Hierarchiekampf.  Arbeit und Motivation leiden darunter. Richtig wäre, wenn die Frau ungestört von einer Hebamme betreut werden könnte, ohne durch festgeschriebene Arbeitsabläufe gestört zu werden.

Das Diak hat dafür den Vorteil einer angeschlossenen Kinderklinik.

Kunz: In Öhringen gibt‘s pro Jahr nur circa zwei Kinder, die nach der Geburt verlegt werden müssen. Das passiert im Diak schneller, da in einem Perinatalzentrum das Sicherheitsnetz, damit auch die Vorsicht größer ist. Für Frühchen und Problemfälle ist die Kinderklinik des Diaks im Gegenzug sehr sinnvoll.

Trotz der Probleme: Sie machen Ihre Arbeit gerne, oder?

Bendl: Klar. Man ist bei einer Situation dabei, die für die Eltern eine besondere ist. Eine Geburt ist es etwas sehr, sehr Schönes.

Kunz: Von dem Gefühl kann man noch zwei Tage zehren.

Was würden Sie Frauen sagen, wieso sie den Beruf lernen sollten?

Bendl: Es ist eine gute Zeit, um einzusteigen. Der Bedarf an Hebammen ist groß und wir können uns aussuchen, an welcher Klinik wir arbeiten, welchen Anteil wir freiberuflich erledigen. Das ist super flexibel. Bis auf die Überlastung sind das paradiesische Zustände. Am meisten leiden nicht wir, sondern die Familien.

Melanie Bendl (27) hat an einer Gesamtschule in Berlin ihr Abitur abgelegt. Später folgte die dreijährige Ausbildung zur Hebamme an der Charité Berlin bis 2014. Gemeinsam mit ihrem Partner, der in Künzelsau eine Anstellung fand, zog sie nach Hall. Die beiden sind mittlerweile verheiratet. Melanie Bendl ist als selbstständige Hebamme an der Klinik Öhringen tätig, will dort aber reduzieren, um mehr Zeit für die Wochenbettbetreuung zu haben.

Lisa Kunz (28) hat das Abitur am Schenk-von-Limpurg-Gymnasium Gaildorf abgelegt. Später folgte die Hebammen-Ausbildung an der Uni-Klinik Ulm bis 2013. Danach zog sie nach Hall. Kunz arbeitet ebenfalls als Beleg-Hebamme in Öhringen. Beide waren zuvor am Diak beschäftigt.

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