„Anrecht auf kalkulierbares Risiko“

Kreisbrandmeister Werner Vogel plädiert für mehr Wertschätzung gegenüber den Freiwilligen Feuerwehren. Auch beim Brandschutz müssten diese mitreden dürfen.

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Anderen Menschen zu helfen gehört in unserer Gesellschaft nicht zu den bestbezahltesten Tätigkeiten. Ganz im Gegenteil: Ein Großteil solcher Dienste wird ohne jede finanzielle Gegenleistung ehrenamtlich geleistet. Auch die allermeisten Feuerwehrleute im Land arbeiten für „Gottes Lohn“. Dass sie dabei ihr Leben riskieren, zeigte sich einmal mehr bei der Flutkatastrophe im letzten Frühjahr, als in Schwäbisch Gmünd der 38-jährige Feuerwehrmann Benjamin S. bei seinem Einsatz im Sog des Wassers ertrank.

Kreisbrandmeister Werner Vogel vermisst die Wertschätzung, die den Freiwilligen Feuerwehren entgegenzubringen wäre. Den Grund dafür sieht er unter anderem im allgemeinen Wirtschafts­trend, der Mitarbeiter zunehmend stärker fordere: „Wir erleben es immer wieder, dass Männer und Frauen, die bei uns eine Ausbildung durchlaufen wollen, vom Arbeitgeber zu diesem Zweck nicht freigestellt werden.“ Das Problem liegt seiner Erfahrung nach aber eher im mittleren Management der Betriebe, als beim Chef selbst: „Wie sich später herausstellte, sind solche Vorgänge manchmal gar nicht erst ‚nach oben’ gemeldet worden.“

Ungerechtfertigte Kritik

Der Leistungsdruck steige, von den Arbeitnehmern werde ein Maß an Mobilität gefordert, das es immer schwieriger mache, Beruf und Familie mit einem Ehrenamt zu verbinden, das so aufwändig sei, wie das in der Feuerwehr. „Wenn hier nicht trotz der Zwänge, die die Globalisierung mit sich bringt, politisch etwas geschieht, wird das hochgelobte System des Ehrenamts und seine unbezahlbaren Leistungen in Deutschland bald der Vergangenheit angehören“, warnt Vogel.

Der Staat müsse entsprechende Anreize für die Unternehmen schaffen und diese müssten wiederum mehr Anerkennung und Verständnis für Mitarbeiter zeigen, die sich in der Freiwilligen Feuerwehr engagieren wollen. Zwar hinderten die Arbeitgeber Feuerwehrleute nicht daran, im Falle eines Brandalarms auch mal alles stehen und liegen zu lassen. Aber wenn der Nachwuchs nicht ausgebildet werden könne, werde es dennoch bald schwierig sein, die so genannte Tagesausrückfähigkeit sicherzustellen.

70 Stunden dauert der erste Teil der Grundausbildung zum Truppmann, im zweiten Teil müssen dann zwei Jahre lang jeweils mindestens ein Dutzend Übungseinsätze absolviert werden. Dazu kommen noch Zusatzübungen, bei denen es zum Beispiel um den Umgang mit Gefahrgütern geht, die im Brandfall weitreichende Schäden anrichten können.

Statt mit Wertschätzung sieht Vogel seine Leute mit ungerechtfertigter Kritik konfrontiert: Politisch Verantwortliche im Land hätten die geltenden Brandschutzvorschriften als überzogenen „Brandschutzirrsinn“ bezeichnet. Mit diesem Vorwurf würden seine Einsatzkräfte immer wieder konfrontiert. „Damit wir uns recht verstehen: Brandschutz ist Baurecht und kein Feuerwehrrecht“, sagt Vogel.

Abgesehen davon, dass sich die baden-württembergischen Vorschriften in den letzten 30 Jahren nur marginal geändert hätten, gebe es für die Feuerwehrleute ein Anrecht auf ein möglichst kalkulierbares Risiko. Die Feuerwehren als abwehrender Brandschutz würden bei der Festlegung der Vorschriften zum vorbeugenden Brandschutz viel zu wenig beteiligt: „Wir müssen rein in die Gebäude, doch über das Brandschutzkonzept entscheiden Ingenieure, die noch nie bei einem Feuerwehreinsatz dabei waren.“ Oft ginge es um scheinbare Kleinigkeiten, die im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden könnten. Die Brandschutzvorschriften für Industriebauten seien unlängst sogar gelockert worden: „Da wurden zum Beispiel die Rettungsweglängen enorm erhöht. Der Rettungsweg ist aber gleichzeitig der Angriffsweg für die Feuerwehr.“ Vogel wünscht sich für solche Entscheidungen eine fachliche Prüfinstanz, wie sie in der Baustatik längst üblich ist. Kosteneinsparung dürfte niemals im Vordergrund stehen, wenn es um Menschenleben gehe.

Das Wort „Brandschutzirrsinn“ wurde im Sommer 2015 vom Tübinger OB Boris Palmer (Grüne) geprägt, der die baden-württembergischen Brandschutzvorschriften auch als „deutsches Sicherheitsdenken im Quadrat“ öffentlich anprangerte. Schützenhilfe erhielt er von seiner Offenburger Kollegin OB Edith Schreiner (CDU), die sich in einem Brief an Landeschef Winfried Kretschmann (Grüne) darüber beklagte, dass die Vielzahl an Richtlinien, Verordnungen und Gesetzen kleine und mittlere Baurechtsbehörden vor große Herausforderungen stelle. Finanziell belaste der Brandschutz die Kommunen stark. cis

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