54 Stufen sind sein Jungbrunnen - TSG ehrt Manfred Emele

Mit sechs Jahren kam Manfred Emele ins Kinderturnen. Dort hießen die Buben Zöglinge und hatten mächtig Spaß. Obwohl der heute 87-Jährige ein "Spätentwickler" war, wurde ein guter Leichtathlet aus ihm.

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Manfred Emele blickt von seinem Balkon aus weit ins Hohenloher Land. 54 Stufen muss er täglich hinab und hinauf gehen, wenn er seine Wohnung verlässt. Das nimmt er sportlich. Sein ganzes Leben lang bewegte er sich gern.  Foto: 

Manfred Emele öffnet die Wohnungstüre. "Gerade komme ich vom Skatspielen", sagt er. Seine Wohnung im Teurershof liegt im vierten Stock. Die 54 Stufen - eine mehr als hinauf zur Michaelskirche - nimmt er jeden Tag sechs bis achtmal. Wie er mit flotten Schritten durch die aufgeräumte Wohnung geht, sieht man ihm seine 87 Jahre nicht an. "Das ist der Sport, das hilft mir heute", sagt er. Inzwischen ist er kein aktives Mitglied der Turn- und Sportgemeinde (TSG) Schwäbisch Hall mehr. Aber seine Erinnerungen sind lebhaft. Zum Beispiel an den Spaß, den die jungen Männer beim Bockspringen hatten. Oder an die Leibchen mit den ordentlichen, langen Ärmeln, in denen die Buben turnten.

Als Sechsjähriger, also im Jahr 1934, kam Manfred Emele zur Turngemeinde Schwäbisch Hall, wie der Verein vor dem Zweiten Weltkrieg hieß. Die Mitgliederzahl war überschaubar - anders als heute. Inzwischen gehören dem größten Haller Verein knapp 3000 Mitglieder an. "Damals war die Turngemeinde wie eine große Familie." Die Sportler und ihre Angehörigen wanderten zum Beispiel gemeinsam.

Vor 1928 turnte man im Freien, beim Diebsturm im Weiler

Sport getrieben wurde in der Turnhalle auf der Weilerwiese, die 1927 von den Mitgliedern in Eigenleistung erbaut worden war, erzählt Emele. Bevor es die Turnhalle gab, absolvierten die Vereinsmitglieder ihre Übungen im Freien, beim Diebsturm am Weiler. Bis 1956 ist auch in der Johanniterhalle geturnt worden. "Das war einfaches Turnen, ohne viele Geräte, ohne zig Abteilungen. Vielleicht gab's noch eine Handballabteilung, aber das war's dann auch", sagt Manfred Emele mit einem Ton, der deutlich macht, dass er das nicht als Nachteil empfand. Er ist stolz auf seine Fitness, die ihm half, so manch schwere Krankheit zu überstehen. Seine besondere Zuneigung gilt der Herzsportabteilung, deren speziell ausgebildete Trainer ihm nach einer schweren Operation halfen, wieder auf die Beine zu kommen.

Der Zweite Weltkrieg brachte das Ende der Turngemeinde Schwäbisch Hall: Die amerikanische Militärregierung löste sie 1945 auf. "Es waren sowieso nur noch Frauen und alte Männer in der Stadt", sagt Emele. Er selbst, gerade 17 Jahre alt, war bei der Feuerwehr als Melder und immer wieder bei Brandwachen eingeteilt. "Mein Vorgesetzter bei der Feuerwehr nahm mich dazu mit, weil ich sportlich war und meine Kameraden bei der Feuerwehr ausgeprägte Bäuche hatten", sagt Emele und schaut schelmisch. Es ist der Humor seines Vaters.

Lustig waren die ersten zwei, drei Jahre nach Kriegsende freilich nicht. Manfred Emeles Körper war gezeichnet von Entbehrung. "An uns Jugendlichen hätte man die Rippen zählen können." Erste sportliche Leistungen in der Leichtathletik waren erst ab etwa 1955 möglich, als die Männer wieder bei Kräften waren. In den Jahren 1955 bis 1958 lief er in einer Viererstaffel: die einhundert Meter schaffte er in 11,4 Sekunden, springen konnte er sechs Meter weit und 1,75 Meter hoch - "wohlgemerkt, in der Scherensprung-Technik".

Erst als 17-Jähriger wechselte Manfred Emele vergleichsweise spät von der Turngruppe in die Leichtathletik-Abteilung. "Vorher war ich zu klein und zu schwach. Ich war ein Spätentwickler."

Daran erinnert nichts mehr. Der 87-Jährige trifft sich immer noch regelmäßig mit Freunden aus dem Sportverein - allesamt Männer - zu Kochabenden und spielt Skat. Seit 61 Jahren ist er verheiratet. "Welch ein Glück", sagt er. Aus dieser Ehe ging eine Tochter hervor, und er hat eine Enkelin. "Ich bin von Weibern umgeben", sagt er, wie Männer seiner Generation sowas eben sagen, ohne es geringschätzig zu meinen.

48 Jahre lang war Emele bei der Stadt Hall als Vermessungsingenieur tätig. Weil er sich im Ruhestand nicht ausgelastet fühlte und "etwas zurückgeben" wollte, meldete er sich im Heim Schöneck. "Haben Sie ein Geschäft für einen alten Mann?", fragte er. Sie hatten. Seit 23 Jahren geht er regelmäßig mit einem Behinderten spazieren. Pflichtbewusst sieht er auch nach Freunden und Bekannten, die alt und hilfsbedürftig sind. Und dazwischen warten sie immer wieder auf ihn, die 54 Stufen.


Die Geschichte der TSG in Hall - ein kurzer Abriss

1844 Theodor Rümelin gründet die TG 1844 (Turngemeinde)

1927-28 Bau der vereinseigenen Jahnturnhalle auf der Weilerwiese

1945 Wiedergründung nach dem Krieg: Aus der TG wird die TSG (Turn- und Sportgemeinde)

1968 Umbau und Renovierung der Jahnturnhalle auf der Weilerwiese

1977-78 Neubau der Vereinsanlage TSG Stadiongaststätte im Haller Westen

1984 Der Verein feiert sein 140-jähriges Bestehen und begrüßt sein 2000. TSG-Mitglied

1989 Beginn der Kooperation mit den Stadtwerken im Schenkenseebad

Quelle: www.tsg-sha.de

SWP

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