17-jährige Schülerin aus dem Kreis Hall war magersüchtig - Heute ist sie gesund

Eineinhalb Jahre ihres Lebens hat die 17-Jährige für ein – wie sie heute sagt – falsches Schönheitsideal geopfert. All ihre Gedanken kreisten ums Essen.

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Wenn die Mahlzeiten immer dürftiger ausfallen oder komplett weggelassen werden, sollten bei Eltern die Alarmglocken läuten.  Foto: 

Heute sieht die 17-jährige Anna aus dem Landkreis Schwäbisch Hall gesund und glücklich aus. Sie lacht viel, tanzt und unternimmt gerne etwas mit ihren Freunden. Doch noch vor eineinhalb Jahren war das ganz anders: Die Schülerin, die nicht wirklich Anna heißt, litt an einer Essstörung. „Ich bin nie so dünn wie meine Freundinnen gewesen, war auch relativ früh in der Pubertät. Deshalb bin ich nie wirklich gerne Klamotten mit ihnen einkaufen gegangen. Ich konnte nie wie sie Größe XS oder S tragen, und das hat mich schon beschäftigt“, erinnert sie sich.

Nur zwei Mahlzeiten am Tag

Mehrmals hatte die damals 15-Jährige versucht, eine Diät zu machen, diese aber nie wirklich durchgehalten. Doch nachdem sie sich auf Urlaubsbildern gesehen hat und mit ihrem Körper unzufrieden war, wollte sie es „ein Mal richtig durchziehen: Ich dachte, wenn ich dünn wäre, würde alles besser werden“, erzählt sie. Im Internet informierte sie sich über die verschiedenen Möglichkeiten, Gewicht zu verlieren. Daraufhin begann sie, abends keine Kohlenhydrate mehr zu essen und jeden zweiten Tag joggen zu gehen. „Eigentlich hat mir Joggen nie wirklich Spaß gemacht, aber ich wollte eben den Gewichtsverlust beschleunigen.“ Kurze Zeit später hörte sie komplett auf, abends zu essen. „ Meine Gedanken kreisten immer häufiger ums Essen. Wenn ich beispielsweise wusste, wir würden abends essen gehen, habe ich dafür morgens nichts gegessen. Ich wollte immer nur zwei Mahlzeiten am Tag essen.“

1,66 Meter groß, 46 Kilo leicht

Ihren Eltern ist das veränderte Essverhalten ihrer Tochter aufgefallen, doch da sie mittags normal aß, waren sie beruhigt. In wenigen Monaten verlor sie 16 Kilo, wog am Abschlussball ihres Tanzkurses im Februar 2014 bei einer Größe von 1,66 Metern nur noch 46 Kilogramm. „Wir haben den ganzen Abend getanzt, aber ich hatte überhaupt keine Energie, obwohl ich durch das Joggen eine gute Kondition hätte haben müssen.“ Zu ihrem Zimmer führt eine Treppe mit 16 Stufen. Die hat sie immer unglaublich angestrengt. Oben angekommen war sie außer Atem, ihre Oberschenkel brannten.

Komplett aufs Essen verzichtet

Zudem plagten sie ständige Gewissensbisse. So überlegte sie jedes Mal länger als eine Stunde, ob sie sich denn ein Stück Kuchen  erlauben könne. Denn einerseits hatte sie durchaus Lust auf die Süßigkeit, andererseits wusste sie, dass sie es hinterher bereuen würde. „Das ging dann so weit, dass ich anfing zu weinen, weil ich mich selber so unter Druck gesetzt habe.“ Aber nicht nur bei direkter Konfrontation drehten sich Annas Gedanken ausschließlich um Essen. „Den ganzen Tag ließen mich die Gedanken daran nicht los. Morgens machte ich mir einen Plan, was und wie viel ich essen durfte. Im Internet verglich ich ständig mein Essverhalten mit denen von YouTube-Nutzern und fühlte mich schlecht, da ich der Meinung war, ich würde viel mehr und ungesünder essen“, erinnert sie sich. Ungesund wollte sie sich auf keinen Fall ernähren. So aß sie fast nur noch Gemüse. Schon bei der kleinsten Süßigkeit, die sie sich genehmigte, verzichtete sie den restlichen Tag komplett aufs Essen.

Zwanghaft perfekt sein

Dieser Zwang zum Perfektionismus beschränkte sich nicht nur auf Annas Ernährung und Figur, sondern beeinflusste auch alle anderen Lebensbereiche, wie zum Beispiel die Schule. „Ich lernte täglich stundenlang. An den Wochenenden unternahm ich kaum noch was mit Freunden, sondern lernte das ganze Wochenende. Jeden Morgen stand ich um 7 Uhr auf und ging abends um 22 Uhr schlafen. Ich wollte zwanghaft vorbildlich und perfekt sein“, erzählt sie. Auch schottete sich Anna immer mehr von ihren Freunden ab. „Ich wollte ihnen nicht beim Kochen und Essen zuschauen müssen.“ Sobald sie jemand auf ihre Essstörung ansprach, reagierte sie gereizt: „Ich dachte, meine Familie und meine Freunde würden mir nur nicht gönnen, dass ich dünn bin.“ Sie persönlich sah ihr Essverhalten und ihre Figur nicht als problematisch, sondern als gesund an. „Nachts bin ich oft hungrig aufgewacht, denn morgens trank ich zeitweise nur einen Saft, mittags aß ich eine Portion, nachmittags ging ich joggen und abends aß ich nichts.“ Nur eine Mahlzeit am Tag reichte ihrem Körper natürlich nicht.

Als ihre Periode ausblieb, ging ihre Mutter mit ihr zum Arzt. Drei Monate lang wurde durch wöchentliches Wiegen überprüft, ob Anna weiter abgenommen hatte. „Auf der einen Seite hatte ich Angst zuzunehmen, auf der anderen Seite durfte ich ja nicht weiter abnehmen“, beschreibt sie ihre damalige Situation. Der Weckruf kam letztendlich, als Annas Vater sie in eine Klinik schicken wollte, wenn sie weiter abnehmen würde. „Ich wusste, dass die Mädchen dort zum Essen gezwungen wurden, und das wollte ich auf keinen Fall. Auch hätte ich dann in der Schule gefehlt, und das wäre für mich sehr schlimm gewesen, da ich so natürlich nicht meine guten Noten hätte halten können.“ Heute ist sie dankbar für den Weckruf. Und auch für ihre Freundinnen, die sie nie aufgaben, obwohl Anna sich immer weiter von ihnen abkapselte.

Mit der Zeit begann sie, wieder mehr zu unternehmen. „Ich lernte, mich nicht mehr so auf meinen Perfektionismus zu fokussieren und mich auch mal entspannen zu können.“ Langsam aber stetig begann sie, wieder normal zu essen. „Im Nachhinein fällt mir auf, was ich in den eineinhalb Jahren verpasst habe. Mein ganzes 16. Lebensjahr  habe ich für ein angebliches Schönheitsideal geopfert“, sagt sie kopfschüttelnd. Heute ist Anna wieder gesund und weiß, dass es  wichtiger ist, sich selbst zu gefallen als einem Ideal zu entsprechen.

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