126 Kilo Lebensmittel gerettet

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Christiane Lederer (links) und Luca Teßmer haben in Hall die Gruppe Foodsharing gegründet.  Foto: 

Wenn Christiane Lederer in einen Haller Supermarkt geht, dann steuert die 22-Jährige erst das Regal an, in dem reduzierte Waren auf Käufer warten. Nicht, weil sie sich die anderen nicht leisten kann, sondern weil sie nicht möchte, dass etwas weggeworfen wird.

„Ich sehe manche Gurke oder Paprika und weiß, dass sie heute Abend, wenn der Markt schließt, aussortiert werden wird“, sagt Luca Teßmer. Das ärgert die 18-Jährige. Lebensmittelverschwendung treibt die beiden jungen Hallerinnen so um, dass sie im Frühjahr eine Gruppe gegründet haben, die dem Thema zu Leibe rückt. Damals kannten sich die Schülerinnen noch nicht, studierten aber zeitgleich die Internetseite von „Foodsharing“ – einer Organisation für Lebensmittelrettung – und meldeten sich an. So kamen sie zusammen und sind der Kern der Haller Bewegung. Schnell wuchs die Truppe durch Freunde und Bekannte auf zwölf Personen. Mittlerweile sind es gar 20 Foodsharer.

Kooperation im Haus der Bildung

Nach einem Bericht in dieser Zeitung nahm Martin Weis vom Mehrgenerationenhaus Kontakt auf und fragte die Foodsharer, ob sie kooperieren möchten. So hat die Gruppe im Haus der Bildung einen Raum gefunden, in dem sie sich monatlich treffen und außerdem die Möglichkeit für Vorträge haben.

Sie haben bisher zwei feste Abholstellen von Lebensmitteln. Die beiden Betriebe möchten nicht genannt werden. Jeden Mittwoch fahren Luca Teßmer und Christiane Lederer oder ihre Kollegen dort hin, laden den Kleinwagen mit Schokoladenerzeugnissen und mit Lebensmitteln aller Art voll und dann haben sie sozusagen den Salat.

Die Süßwaren sind kein Problem, einen großen Teil kann Lederer flott loswerden, indem sie am Tag nach der Abholung  mit Tüten voller Naschzeug in der Schule auftaucht und Weihnachtsmann spielt. Schwieriger wird es bei frischen Erzeugnissen. Bisher werden sie die Lebensmittel über ihr persönliches Netzwerk los. Ihre Bekannten wissen schon, wann Abholtag ist und melden sich.

Seit sie Lebensmittel retten, ist das Gefrierfach bei den beiden jungen Frauen voll mit Brot. Denn davon gibt es besonders viel. „Gestern habe ich Ofenschlupfer gemacht, ich hätte jetzt also wieder Platz für einen Laib“, sagt Christiane Lederer. Neulich ist sie durch eine Lebensmittelabholung zu Pak-Choi gekommen, einem asiatischen Gemüse. Den hat sie mit gerettetem Mangold gemischt zu einem Gericht verarbeitet. „Man wird kreativ“, stellt sie fest.

Bald nun werden sie in der Innenstadt einen so genannten „Fairteiler“ aufstellen. Das ist ein offenes Regal, das an einer geschützten Stelle, frei zugänglich für alle, steht. Dann können die beiden auch die großen Supermarktketten ansprechen. Bisher sind diese Dimensionen für die recht kleine Gruppe logistisch noch nicht stemmbar.

Christiane Lederer ist in Foodsharer-Sprache  die „regionale Botschafterin“, Luca Teßmer die „Betriebsverantwortliche“. Ohne zu Zögern haben sie sich den Klotz Arbeit ans Bein gehängt, weil sie nicht weiter zuschauen wollten, wie tonnenweise Lebensmittel im Müll landen.

Kleidung auch secondhand

„Man muss was machen, nicht nur reden“, sagt Teßmer. Bis heute haben sie 126 Kilo Lebensmittel vor dem Müll gerettet. Ihre Einstellung, nichts zu verschwenden, sei „ganz tief eingeschliffen“. So kaufen sie auch ihre Kleidung nur secondhand. Nicht dogmatisch, sondern bescheiden, still, selbstverständlich.

Luca Teßmer (18) wohnt in Hall. Sie hat dieses Jahr auf der Sibilla-Egen-Schule Fachhochschulreife gemacht und steckt derzeit in vielen, meist sozialen und ökologischen Projekten. Bald wird sie ein Freiwilliges Soziales Jahr machen. Sie weiß, dass sie später einmal keinen Beruf haben will in dem sie „einfach nur arbeiten wird“.

Christiane Lederer (22) lebt in der Haller Innenstadt. Nach der Mittleren Reife machte sie eine Lehre als Floristin und besucht jetzt die 12. Klasse der Sibilla-Egen-Schule. Sie möchte danach auf Lehramt studieren und Grundschullehrerin werden. In Freiburg, wo ihr Freund lebt und sich schon eine starke Foodsharer- Bewegung gebildet hat, geht sie fast ausschließlich zum „Fairteiler“- Regal „einkaufen“.

Die Haller Foodsharer treffen sich jeden ersten Freitag im Monat um 17 Uhr im Haus der Bildung. Neben neuen Mitstreitern werden auch Betriebe gesucht, die kooperieren wollen schwaebisch-hall@lebensmittelretten.de.

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