112 Frauen in Hall fehlt eine Hebamme

Die Initiative„Motherhood“ vergleicht die Zahl der Geburten im Jahr 2016 mit denen der Hebammeneinsätze. Diak-Vetreter halten diese Statistik für plausibel.

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Sie malen Transparente, bringen ihre Babys mit, singen auf der Großen Treppe „ihr Kinderlein kommet“, schreiben Leserbriefe: Viele Eltern machen sich für Hebammen stark. Die Geburtshelferinnen haben ein Problem – und mit ihnen Mütter, Väter und Babys. Ihre Versicherungsbeiträge sind so stark gestiegen, dass immer mehr Hebammen ihren Job aufgeben müssen.

Schreit hier mal wieder eine Lobbygruppe aus dem Gesundheitswesen nach mehr Geld? Oder stimmen die Befürchtungen? Obwohl sie sich mit dem Thema auskennen, waren Sarah Knispel und Sandra Tschernitsch von der Initiative „Mother Hood“ von dem Ergebnis ihrer Umfrage überrascht. „Erschreckend für uns ist, dass 112 Familien in der Stadt Schwäbisch Hall im Jahr 2016 im Wochenbett unbetreut geblieben sind“, sagt Sarah Knispel.

Sie hat zusammengerechnet: 374 Geburten wurden in Hall im Jahr 2017 registriert. Mit eingerechnet sind Kinder, die in Kliniken außerhalb des Landkreises geboren und unmittelbar nach der Geburt in Hall gemeldet wurden. Aus der Anfrage bei allen Hebammen im Landkreis ergibt sich, dass diese im vergangenen Jahr aber nur 262 Frauen vor und nach einer Geburt betreut haben. 112 Frauen wurden also nicht versorgt. Während der Geburt selbst ist natürlich schon eine Hebamme dabei. Die Lücke entsteht in der Vor- und Nachsorge.

„Eine größere Zahl an Frauen kommt unvorbereitet zur Entbindung in die Klinik.“
- Manuela Giesel, Pressesprecherin des Diaks

Sarah Knispel und Sandra Tschernitsch haben ihre Zahlen selbst hinterfragt: Es haben aber so gut wie alle Hebammen im Landkreis bei der Umfrage reagiert. Das hat einen Grund. Die Initiative Motherhood hat von der Haller Hospitalstiftung 1500 Euro erhalten, die an Hebammen verteilt werden können. Die Aussicht auf einen kleine Zuwendung hat die Bereitschaft, auf die Fragen zu antworten offenbar erhöht. Selbst wenn man gewisse Unschärfen in der Statistik herausrechnet - zum Beispiel den Fall, dass sich eine Hallerin von einer Hebamme betreuen lässt, die außerhalb des Landkreises wohnt, bleiben mehr als ein Viertel aller Frauen, die Kinder auf die Welt bringen, unterversorgt.

„Ja, das deckt sich mit den Beobachtungen des Hebammenteams im Kreißsaal des Diakonie-Klinikums“, teilt die Klinik auf Nachfrage mit. Teilweise beginnen Frauen schon in der Frühschwangerschaft mit der Suche nach einer Hebamme für die Wochenbettbetreuung und die Geburtsvorbereitung und finden trotz früher Suche niemanden. Unter den Schwangeren gebe es jedoch auch einen geringen Anteil von Frauen, die keine Betreuung wünsche.

„Es gibt eine größere Zahl von Frauen, die unvorbereitet zur Entbindung in die Klinik kommt oder sich ausschließlich durch Onlinemedien über Geburt und Wochenbett informiert hat“, berichtet Manuela Giesel, Pressesprecherin des Diaks. In der Klinik finde dann die erste Basisbetreuung und Information statt. Nach dem Klinikaufenthalt seien diese Frauen auf sich alleine gestellt. Sie könnten aber zu Nabel- und Gelbsuchtkontrolle oder bei Still- und Ernährungsproblemen eine Kinderarztpraxis aufsuchen. Das Diak sieht durch den Hebammenmangel allerdings Gefahren für das Neugeborene, da Mütter unter Umständen Komplikationen nicht erkennen.

Was ist zu tun? Bisher scheinen alle Bemühungen den Hebammen zu helfen, damit sie einen der ältesten Berufe der Welt ausüben können, nicht zu greifen. „Die Liste mit den Hebammen für Hall wird jedes Jahr kürzer“, klagt Sarah Knispel. „Von den sieben Hebammen, die in Hall wohnen und Wochenbettbetreuungen durchführen, haben nur vier ihren Schwerpunkt im Stadtgebiet.“ Man dürfe sich auch nicht durch die Zahlen täuschen lassen: Viele Hebammen würden nicht in Vollzeit arbeiten.

  Das Diak will den Mangel abfedern. Im Rahmen des „Jungen Diak“  bestehe ein Kursangebot für werdende Mütter und junge Eltern. Die Kurse seien schwer nachgefragt. Im vergangenen Jahr gab es im Diakonie-Klinikum Schwäbisch Hall für sechs Monate auch ein Projekt für die Wochenbettbetreuung nach dem Klinikaufenthalt. Mütter erhielten bei der Verabschiedung eine Kontaktadresse im Diak. Dort konnte man einmal pro Woche mit Kind  zu einer Hebammensprechstunde kommen, um sich Rat einzuholen. Dieses Angebot wurde aber kaum in Anspruch genommen und deshalb wieder eingestellt, teilt Giesel mit.

Es hakt an der Bezahlung

Die Schlussfolgerung aus Sicht des Diaks daraus: Der Bedarf von Mutter und Kind liege tatsächlich bei der „aufsuchenden Wochenbettspflege“, die direkt nach Hause komme. Zudem kümmere sich die Klinik um den Nachwuchs in Form einer Kooperation mit einer Akademie. Giesel: „Allerdings muss sich auch die finanzielle Situation der freiberuflichen Hebammen vor Ort deutlich verbessern.“

Das Landratsamt habe die Arbeitsgruppe „Hebammen“  in der Kommunalen Gesundheitskonferenz unter Vorsitz von Landrat Gerhard Bauer eingerichtet. Die Behörde erstelle gerade eine eigene Erhebung bei allen Hebammen und Kliniken, teilt sie mit. Die Auswertung werde Ende März vorliegen.

Welche Folgen kann es haben, wenn Hebammen für die Vor- und Nachsorge fehlen?
Arnd Knapstein: Das kann zu einer Zunahme von Komplikationen nach einer Entbindung führen, falls Krankheitszustände nicht erkannt werden. Vieles ist in einem frühen Stadium gut behandelbar. Ein nicht diagnostiziertes Kindbettfieber der Mutter könnte zu einem lebensbedrohenden Zustand führen.

Gibt es ein Problem über Hall hinaus?
Das Fehlen von Hebammen vor und nach einer Geburt könnte zu einer Zunahme der Säuglings- und Müttersterblichkeit in Deutschland führen. Die Qualität eines Gesundheitssystems lässt sich gerade an diesen Parametern ablesen. Hebammen leisten einen wichtigen Beitrag für die Früherkennung möglicher Risiken und unterstützen die Arbeit der niedergelassenen Frauen- und Hausärzte, die oft überlastet sind.

Gibt es schon Fälle, bei denen es ohne die Betreuung einer Hebamme zu gesundheitlichen Folgen kam? Ja. Ein Fall von unerkanntem Kindbettfieber ist mir bekannt, der zu spät erkannt wurde. Zudem einer eines Kindes mit Herzanomalie. Erst als ein kritischer Zustand eintrat, kam das Baby in die Klinik.

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