10. Jazz-Art-Festival startet mit politischer Botschaft - Mangelsdorff begeistert

Einen vielbeklatschten Start legt das Jazz-Art-Festival im zehnten Jahr hin. Emil Mangelsdorff verbindet mit der Musik ein Statement für die Freiheit. Der 90-Jährige saß wegen seiner Musik einst im Gefängnis. Mit Bildergalerie.

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  • Jazz-Klänge unter der barocken Decke der Hospitalkirche. Das Emil-Mangelsdorff-Quartett eröffnet das Jazz-Art-Festival am Donnerstagabend. 1/2
    Jazz-Klänge unter der barocken Decke der Hospitalkirche. Das Emil-Mangelsdorff-Quartett eröffnet das Jazz-Art-Festival am Donnerstagabend. Foto: 
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"In einem Land mit einem Volk und einem Führer ist kein Platz für Individualität", erzählt der 90-Jährige den mehr als 150 Zuhörern vor dem Konzert. Da beim Jazz aber die individuellen Fähigkeiten der Musiker gefragt sind, habe diese Musik keinen Platz im Nazistaat gehabt. Dumm nur, dass der junge Emil Mangelsdorff damals mit dem Akkordeon seine Freiheit zelebrierte. Mehrere Tage Haft im Gestapo-Knast brachte ihm das ein. Bei einem Klassenbesuch am Morgen fragt ihn eine Schülerin, was er von dem Aufstieg der AfD hält, die mehr deutsche Musik auf den Bühnen fordert. Die Entwicklung verfolge er mit Sorge, soll er geantwortet haben, berichtet Dietmar Winter vom Haller Jazzclub.

"Jazz ist Freiheit, Freude, eine gewisse Widerspenstigkeit, die keine Fremdenfeindlichkeit zulässt", definiert Ute Berger vom Kulturbüro der Stadt Hall. "Jazz ist die Musik der Freiheit und Demokratie. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, den Rassismus zu bekämpfen", betont Grünen-Staatssekretär Jürgen Walter im Grußwort.

"Hinsetzen und losspielen", sagt ein Zuhörer während der Reden mit den politischen Botschaften so laut, dass es seine Platznachbarn hören können.

Und tatsächlich, es geht los. Es bedarf keiner Worte mehr. Mit internationaler Besetzung, die einst als "Negermusik" gebrandmarkten Tonfolgen nutzend, bläst Emil Mangelsdorff seine Botschaft der Freiheit und mit dem Saxofon in die Welt. Die Hände des 90-Jährigen zittern nur dann, wenn er in einer Pause sein Instrument ablegt. Wer von einem Weißhaarigen eine Abschieds- und Mitleidstour erwartet hätte, liegt völlig daneben. Bei jedem Stück gibt er den Takt an. Schnelle Tonfolgen, ausgefeilte Soli - für den Verweigerer des Musikerruhestands alles kein Problem. Applaus brandet auf, nach jeder seiner Soloeinlagen. Milde nickt er ins Publikum, um sich zu bedanken.

Und wer denkt, dass dem Methusalem-Musiker beim zweistündigen Konzert die Puste ausgeht, wird ebenfalls eines Besseren belehrt. Eindrücklich ist die Nummer am Ende - Charlie Parkers "Confirmation". Nach seinem Solo auf dem Altsaxofon mit den eigentümlich verschobenen Rhythmen, die so typisch für den Bebop sind, stützt sich Mangelsdorff mit einer Hand an den offenen Flügel, um sich auszuruhen. Thilo Wagner holt mit scheinbar fliegenden Fingern, von einem leichten Lächeln auf den Lippen begleitet, rasante Tonfolgen aus dem Flügel heraus. Mangelsdorff hat sich sein Saxofon auf die Knie gelegt. Am Boden liegen abgespielte Liedblätter, die durch die Bewegung seiner Füße durcheinandergeraten. Thilo Wagner steigert die Geschwindigkeit, mit der er die Tasten drückt ein weiteres Mal. Mangelsdorff versucht den Blick seines Mitspielers zu erhaschen. Als sie sich in die Augen schauen, nickt der Altmeister des Jazz gütig. So muss Bebop klingen. Pianist Wagner nickt andeutungsweise. Mangelsdorff setzt sein Altsaxofon an die Lippen und lässt es sich nicht nehmen, akkurat die letzten Akkorde des Bebop-Stücks zu spielen.

Der durchschnittliche Jazzkonzertgast sei 62 Jahre alt, hatte der Staatssekretär am Anfang gesagt. Mangelsdorff stammt aus einer Generation darüber. Die Rechnung geht wieder einmal auf, am Anfang des Jazz-Art-Festivals einen Künstler zu setzen, der wegen seiner Lebensleistung auffällt. Emil Mangelsdorff wird am 11. April 1925 in Frankfurt am Main geboren. Im Alter von zehn Jahren nimmt er ein Akkordeon in die Hand. Die Musik lässt ihn seitdem nicht mehr los. Als Mitglied der illegal auftretenden Frankfurter Hotclub Combo wechselte er zur Klarinette, wird von der Gestapo schikaniert und Anfang 1943 für 14 Tage verhaftet. Nach dem Krieg spielt er sich zu einer bekannten Größe ihm Jazz hoch und war Teil des Jazz-Ensembles des Hessischen Rundfunks. Sein jüngerer Bruder war der Jazz-Posaunist Albert Mangelsdorff (1928 bis 2005)

In Hall zeigt sich Emil Mangelsdorff als versierter Band-Leader, der alle Stücke einzählt. Er setzt nicht nur sein Spiel in den Vordergrund, lässt dem genialen Pianisten Thilo Wagner sowie dem professionellen Bassisten Jean Philippe Wadle und dem agilen Schlagzeuger Janusz Maria Stefanski Raum zur Entfaltung.

Den langen Schlussapplaus im gut gefüllten Saal der Hospitalkirche belohnt das Mangelsdorff-Quartett mit Zugaben seines Mainstream-Jazz. Dann zieht sich die Band in den Backstage-Bereich zurück. Emil Mangelsdorff verweilt noch ein wenig auf seinem Hocker auf der Bühne. Er wartet auf einen Helfer, der ihm die grünen Gehhilfen reicht, mit denen er dann von der Bühne krückt.
 

Weitere Festival-Termine

Freitag, 18. März
Bodek Janke & Matthias Schriefl, 19 Uhr, Hospitalkirche; Emil-Brandqvist-Trio, 21 Uhr, Hospitalkirche

Samstag, 19. März
Veronika Harcsa & Bálint Gyémánt, 19 Uhr, Hospitalkirche; Rabih-Abou-Khalil-Trio (ausverkauft), 21 Uhr, Hospitalkirche

Sonntag, 20. März
Michael Wollny & Heinz Sauer (ausverkauft), 11 Uhr, Kunsthalle Würth; The Stanley Clarke Band, 19 Uhr, Neubau-Saal

www.jazzart-hall.de

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