Wenn die Lok Ruß spuckt

Das 150-jährige Bestehen der Bahnstrecke zwischen Hall und Crailsheim wurde am Sonntag mit einem großen Bahnhofsfest in Eckartshausen gefeiert.

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  • Heizer Benjamin Schmidt sorgte dafür, dass der Dampflok das Futter nicht ausgeht. Die Hitze in der Lok kommentierte er so: „Da spare ich mir schon den Saunagang heute Abend.“ 1/4
    Heizer Benjamin Schmidt sorgte dafür, dass der Dampflok das Futter nicht ausgeht. Die Hitze in der Lok kommentierte er so: „Da spare ich mir schon den Saunagang heute Abend.“ Foto: 
  • Lokführer Daniel Brucker lenkte das 80 Jahre alte Gefährt. 2/4
    Lokführer Daniel Brucker lenkte das 80 Jahre alte Gefährt. Foto: 
  • In Eckartshausen wurde das 150-jährige Jubiläum der Bahnstrecke zwischen Hall und Crailsheim mit einem großen Fest gefeiert. 3/4
    In Eckartshausen wurde das 150-jährige Jubiläum der Bahnstrecke zwischen Hall und Crailsheim mit einem großen Fest gefeiert. Foto: 
  • Gegen 11 Uhr startete gestern in Crailsheim die erste von drei Sonderfahrten nach Hessental und zurück. In Eckartshausen legte die Lok auf jeder Fahrt einen Zwischenstopp ein. 4/4
    Gegen 11 Uhr startete gestern in Crailsheim die erste von drei Sonderfahrten nach Hessental und zurück. In Eckartshausen legte die Lok auf jeder Fahrt einen Zwischenstopp ein. Foto: 
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Der Zug ist spät dran. Doch das spielt an diesem sonnigen Vormittag keine Rolle. Statt sich zu ärgern stehen die Menschen auf dem Bahnsteig und blicken die Schienen hinauf. Ein paar Hundert Meter entfernt steht die 80 Jahre alte Dampflok des Vereins Dampfbahn Kochertal Historische Bahn. Bevor sie ihre Sonderfahrt nach Hessental anlässlich des 150-jährigen Bestehens der Bahnlinie zwischen Hall und Crailsheim starten kann, muss noch Kohle nachgeladen werden. Als die Lok schließlich heranrollt, wetteifern die Zuschauer um das beste Foto.

Es gibt keine Tonbandansage. Nur das Tuten der Lok gellt über den Bahnsteig und dann fährt sie knatternd los: „Ratatatata. . . “ Überraschend schnell nimmt sie Fahrt auf, lässt den historischen Wasserturm rechts liegen und wälzt sich durch das sommerliche Grün zwischen Crailsheim und Eckartshausen. Nur wenige derjenigen, die der Dampflock beim Andocken zugesehen haben, sitzen nun in den Waggons.

Eine, die sich die erste von drei Sonderfahrten nicht entgehen lassen will, ist Christa Wieland. Die Crailsheimerin ist ein echtes Bahnhofskind. In den 1960er-Jahren bewirtschafteten ihre Eltern die damalige Gaststätte am Crailsheimer Bahnhof. Mit Tochter Christa lebten sie in einer Wohnung direkt am Bahnhof. „Da ist dir der Zug durchs Bett gefahren“, beschreibt sie heute das Gefühl, das sie überkommen hat, wenn Güterzüge nachts den Bahnhof passierten. Die Liebe zu Zügen konnte ihr das aber nicht austreiben. Ganz im Gegenteil: „Später habe ich noch einen Eisenbahner geheiratet“, erzählt Wieland.

Ihre erste Fahrt mit der Dampflok erlebt an diesem Sonntag die fast drei Jahre alte Satteldorferin Lotta. „Sie redet oft von Zügen“, erzählt Vater Heiko Fritsche während der Geruch nach Ruß, den die Dampflok in die Luft spuckt, durch die Fenster ins Abteil geweht wird. Obwohl Züge heute nicht mehr das typische „Tschtschtsch“ der Dampfloks  ausstoßen, sei das Geräusch in Kinderköpfen immer noch verankert, sagt der 35-Jährige. „Da wollten wir, dass sie das auch mal erlebt.“

In Eckartshausen ist der Bahnsteig voller Menschen. Hier hat der Interessensförderungsverein Eckartshausen (IFV) ein Fest zum 150-jährigen Bestehen der rund 35 Kilometer langen Strecke von Hall nach Crailsheim auf die Beine gestellt. Neben Ess- und Getränkebuden steht ein kleines Sonderpostamt neben dem Bahnhof. Dort können Besucher Briefmarken kaufen und Briefe aufgeben. Das Besondere:  Es gibt einen Eckartshausen-Stempel, eigens angefertigt für das Schienenjubiläum. Und noch etwas hat sich der Briefmarkensammelverein Gaildorf ausgedacht: Eine Sonderbriefmarke mit dem Eckartshausener Bahnhof als Motiv. Doch die Marken sind schnell ausverkauft. „Pünktlich um 12 Uhr sind uns die Marken ausgegangen“, berichtet Vereinsmitglied Bernhard Scheu. 300 Stück hatte der Verein anfertigen lassen. „Mit einem so gewaltigen Interesse hatten wir nicht gerechnet“, sagt Scheu.

Im Zug können die Mitfahrenden ihre Briefe noch mit einem weiteren Sonderstempel versehen lassen. Dort ist ein historischer Postbahnwagen mit angehängt, in dem Mike Weidensee vom Bahnpost-Museum Losheim einen Streckenstempel verteilt.

Im Bahnhofsgebäude kann man derweil in die Vergangenheit eintauchen. Alte Postkarten, die von Eckartshausen aus verschickt wurden, Zeitungsartikel, die von der Zeit gelb gefärbt wurden, ­Fotos und andere Dokumente sind dort ausgestellt. Außerdem fährt eine Modelleisenbahn durch das Innere des Gebäudes, und es gibt einen Fotoautomaten, mit dem man vor einer freigelegten Backsteinwand die Erinnerung an das Bahnhofsfest festhalten kann. Für die kleinen Besucher haben die Veranstalter zudem eine Minibahn neben dem Bahnhof aufgebaut.

Eine Fahrt mit der großen Lok nach Hessental und zurück unternimmt an diesem Tag Eckartshausens Ortsvorsteher Klaus-Dieter Ziegler. Der 61-Jährige ist hier aufgewachsen und als Jugendlicher täglich in die Bahn nach Crailsheim gestiegen, wo er zur Berufsfachschule ging. Mit seiner Frau Karin und den drei Töchtern hat er später sämtliche Reisen und Ausflüge mit der Bahn unternommen. „Das war einfach praktisch und stressfrei“, sagt er. Er erinnert sich noch an die Zeit, als es zwischen Hall und Crailsheim noch mehr Haltestellen gab. „Wir sind stolz darauf, dass es hier noch einen Bahnhof gibt“, sagt er. Ziegler hofft, dass das noch lange so bleibt und der Halt in der kleinen Ortschaft nicht irgendwann eingestellt wird.

Als „hergelaufene Bevölkerung“ wurden die Arbeiter bezeichnet, die im
19. Jahrhundert am Bau der Eisenbahnstrecken halfen, darunter an der von Hall nach Crailsheim. Auch Frauen arbeiteten trotz harter Arbeitsbedingungen an den Schienen. Eisenbahnarbeiter Carl Fischer schilderte die damalige Freizeitgestaltung so: „Wochentags, wenn wir Feierabend hatten und gegessen hatten, da versammelten wir uns [. . .] und saßen manchen schönen Abend bis nach Mitternacht, und tranken und sangen [. . .] und vergaßen die schwere Arbeit.“ ab

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