Jagst: Dem Patienten geht’s besser

Das Regierungspräsidium präsentiert in Kirchberg den aktuellen Sachstand des Aktionsprogramms. Die anschließende Diskussion wird vom Kormoran bestimmt und irgendwie auch von der Landwirtschaft.

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Patient – dieses Wort kam Umweltminister Franz Untersteller beim Gedanken an die Jagst im August 2016 bei einem Vororttermin über die Lippen, ein Jahr nach dem Mühlenbrand. Der Zustand des Patienten habe sich zwar stabilisiert, sagte Untersteller damals, aber er sei noch lange nicht über den Berg. Weitere sechs Monate später lässt sich sagen, dass es dem Patienten besser geht. Von einer vollständigen Genesung kann allerdings nicht die Rede sein. Bei Untersteller klingt das jetzt am Dienstag so: „Die Jagst hat sich leicht erholt, befindet sich aber noch in einem sehr fragilen Zustand.“

In der Festhalle von Kirchberg an der Jagst präsentiert das Regierungspräsidium Stuttgart den Abschlussbericht zu den ökologischen Auswirkungen des Großbrandes und den aktuellen Sachstand des Aktionsprogramms. Mit viel Aufwand sei es gelungen, etwas für die Flussökologie zu tun, betont Kirchbergs Bürgermeister Stefan Ohr in seiner Begrüßungsrede. Die Besucher haben die Möglichkeit, sich an Stellwänden über die Maßnahmen zu informieren, Fragen zu stellen, Anregungen und Kritik zu üben.

„Der Kormoran ist ein wesentlicher Mitspieler, er greift relevant in die Fischbestände ein.“
- Dr. Alexander Brinker, Fischereiforschungsstelle

Drei Sachen liegen Michael Knaus, dem Ersten Landesbeamten des Landkreises Hall, besonders am Herzen: das Hochwasserrückhaltebecken Beimbach (als Ausgleichsbecken für die Jagst) „so schnell wie möglich zu ertüchtigen“, die Jagst-Brücken entlang der A 6 mit einer Regenrückhaltung zu versehen und nicht erst auf den Ausbau zu warten. Zudem setzt sich Knaus für die Vergrämung des Kormorans ein. „Jeder Fisch, der eingesetzt wird, wird zum Frühstück, Mittag oder Abendessen rausgeholt.“

Erholung noch in Kinderschuhen

Uwe Bergdolt, bei der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz für die ökologische Bewertung der Flüsse und Gewässer im Land zuständig, kommt zu dem Schluss, dass die Jagst „noch mal mit einem blauen Auge davongekommen“ ist. Dr. Alexander Brinker von der Fischereiforschungsstelle (FFS) hat es eher mit der Farbe Rot. Positiv ist: Die Fluss-Karten vom Oktober 2016, die er an die Leinwand wirft, sind „nicht mehr ganz so rot“. Soll heißen: Da, wo die Jagst im vergangenen Frühjahr praktisch fisch­leer war, wies die FFS wieder jagsttypische Arten nach. Zudem gebe es deutlich weniger Kiemenschäden. Die Fischdichte sei zwar relativ gering und die Fische klein, so Brinker weiter, und: „Es gibt eine Erholung, einen nachweisbaren Effekt, aber er steckt in den Kinderschuhen.“

Im Frühjahr soll die Umsetzaktion wiederholt werden. Brinker lobt die „außergewöhnlich große Solidarität“ unter den Angel- und Fischereivereinen. Speziell für Nasen soll es ein Besatzprogramm geben. „Ein wesentlicher Mitspieler“ sei auch der Kormoran. „Er greift an der Jagst relevant in die Fischbestände ein“, so sagt es Brinker. Wichtig sei zudem, die Durchgängigkeit herzustellen, damit die Fische wandern könnten.

74 Querbauwerke gebe es noch, die dies verhinderten, so Franz Untersteller. Das uralte Wehr an der ehemaligen Gaismühle auf Satteldorfer Gemarkung machte den Anfang, es wurde trotz Protesten im September vergangenen Jahres geschleift. Der Minister bringt noch eine Zahl mit nach Kirchberg: 3,5 Kilometer Gewässerrandstreifen habe das Land bereits erworben. Und wie er das so sagt, denkt er auch an die Verminderung von Stoffeinträgen aus diffusen Quellen. Untersteller will „eine Debatte mit der Landwirtschaft führen“.

„Die Erholung der Jagst braucht Zeit. Und wir brauchen ein bisschen Geduld.“
- Martin Zorzi, Umweltzentrum Schwäbisch Hall

Regierungspräsident Wolfgang Reimer thematisiert ebenfalls die Gewässerqualität. Ein Problem sei der zu hohe Phosphateintrag durch die Landwirtschaft, so sagt er es. Was überdies helfen könnte, wäre eine bessere Filterung bei den Regenwasserüberlaufbecken. Die starke Algenentwicklung, heißt es beim Umweltzentrum Schwäbisch Hall, sei „nicht mehr allein durch den Löschwassereintrag zu erklären. Dazu passen die hohen Phosphatwerte, die unzweifelhaft zu einem ganz überwiegenden Teil aus landwirtschaftlichen Flächen des Einzugsgebiets der Jagst stammen.“

Deshalb fordert das Umweltzentrum „eine sorgsamere Einhaltung der Gewässerschutzstreifen beim Düngen“, und: „Verstößen müsste durch vermehrte Kontrollen konsequenter als seither nachgegangen werden.“ Lob gibt es auch. Das Umweltzentrum ist „positiv überrascht“, in welchem Umfang entlang der Jagst ökologische Gestaltungsmaßnahmen umgesetzt wurden. Für dessen Abgesandten Martin Zorzi steht allerdings fest: „Die Erholung der Jagst braucht Zeit. Und wir brauchen ein bisschen Geduld.“

Geduld ist etwas, das die Fischhegegemeinschaft Jagst (FHGJ) und der Landesfischereiverband Baden-Württemberg (LFVBW) nicht mehr haben. Sie reichten im August 2016 Klage gegen das  Regierungspräsidium Stuttgart beim Verwaltungsgericht in Stuttgart ein. Ihnen geht die auf fünf Jahre befristete Ausnahmegenehmigung für die letale Vergrämung von Kormoranen entlang der Jagst nicht weit genug. Sie hätten es gerne, wenn der Kormoran auch in den Naturschutzgebieten gejagt werden dürfte, die sind nämlich bisher ausgenommen.

Abschuss von 170 Kormoranen

Zudem wünschten sich FHGJ und LFVBW, die Abschusszahlen nicht von vornherein zu beschränken. Pro Jahr dürfen maximal 50 Kormorane getötet werden, insgesamt nicht mehr als 170. Regierungspräsidium und Umweltministerium stehen auf dem Standpunkt, dass es eines erneuten Monitorings oder Gutachtens bedarf. FHGJ-Sprecher Markus Hannemann kündigt in der abschließenden Diskussion der Veranstaltung an, keine Fische mehr für Umsetzaktionen zu spenden, solange die Kormoran-Regelung nicht geändert werde.

Der FDP-Landtagsabgeordnete Dr. Friedrich Bullinger fordert, dass das Land „die besonders geschützten FFH-Gebiete endlich wirksam in das Kormoran-Management einbeziehen“ müsse. „Andernfalls werden sämtliche Bemühungen der Fischereivereine konterkariert.“ Beim Aktionsprogramm habe sich die Landesregierung „nicht mit Ruhm bekleckert“, kritisiert Bullinger, und weiter: „Die bisherigen Hilfestellungen waren alles andere als schnell und unbürokratisch. Dass man die betroffenen Landkreise schon derart lange auf die Erstattung der Kosten hat warten lassen, ist ein Unding.“

Nach dem Mühlenbrand von Lobenhausen im August 2015, bei dem mit Kunstdünger kontaminiertes Löschwasser in die Jagst gelangte und später 21 Tonnen Fische tötete, beauftragten die Ministerien für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft sowie für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz das Regierungspräsidium Stuttgart mit einem „Aktionsprogramm Jagst zur Wiederbelebung, Verbesserung und ökologischen Stabilisierung der Jagst für die Zukunft“. Das Ganze ist vorerst auf drei Jahre angelegt und wird fachlich vom Landesamt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg sowie der Fischereiforschungsstelle begleitet. Das Programm besteht aus vier Modulen (Risiken minimieren für die Zukunft; Monitoring und Maßnahmenableitung; Gewässerqualität; Gewässerökologie) und verfolgt drei Ziele: 1. den ökologischen Schaden zu ermitteln und diesen möglichst nachhaltig und vollständig zu beheben; 2. das Gewässer widerstandsfähiger zu machen, um die Auswirkungen von möglichen weiteren Schadensfällen zu begrenzen; 3. die Erfahrungen systematisch auszuwerten und für die Zukunft zu nutzen.

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