Der Branche geht der Nachwuchs aus

Ein unattraktives Image, zunehmende Billigkonkurrenz aus dem Ausland und der Wegfall der Bundeswehr als Ausbilder – der Mangel an Lkw-Fahrern hat viele Ursachen.

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Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut Statistischem Bundesamt wurden 2014 mehr als 70 Prozent aller Güter in Deutschland – 3,5 Milliarden Tonnen – auf der Straße transportiert. Auch auf Landesebene ist die Straße mit Abstand der wichtigste Verkehrsträger: Nach Daten des Statistischen Landesamts wurden 2013 von fast 520 000 Tonnen beförderten Gütern 440 000 Tonnen – knapp 85 Prozent – auf der Straße transportiert. In Zukunft wird sich der Trend voraussichtlich noch weiter zuspitzen: Bundesweit soll der Anteil der auf der Straße transportierten Güter bis 2025 um weitere 70 Prozent zunehmen.

Es werden also noch mehr Lkw auf deutschen Autobahnen unterwegs sein und mehr Fahrer benötigt. Doch hier beginnt das Problem für viele Speditionen – auch in der Region: Der Branche gehen die qualifizierten Fahrer aus. „In den letzten Jahren ist es auf jeden Fall schwieriger geworden“, sagt Speditionskauffrau Saskia Weger, Sekretärin der Satteldorfer Niederlassungsleitung von Geis Global Logistics. 26 eigene Fahrer hat der Standort, seit zwei Jahren werden Berufskraftfahrer ausgebildet. Die Resonanz lässt aber noch zu wünschen übrig: Zwei Auszubildende befinden sich derzeit im ersten Lehrjahr, ein weiterer im zweiten Jahr. „Aber wir würden gerne jedes Jahr vier ausbilden“, sagt Niederlassungsleiter Steffen Jaugstetter. Zu Unrecht habe der Beruf oft ein schlechtes Image, meint Michael Deuter, Bereichsleiter für Fuhrpark und Umschlagshalle: „Viele Fahrer denken: Ich bin abends nicht zu Hause. Das gibt’s aber gar nicht mehr: Spätestens nach zehn Stunden sind sie fertig.“ Geis setzt seine Fahrer nämlich nicht im Fernverkehr, sondern im maximalen Umkreis von 80 Kilometern ein.

Die Gründe sind vielfältig

„Der Fahrermangel ist ein sehr großes Thema“, sagt auch Marc Huber, Inhaber und Geschäftsführer der Michelfelder Spedition Hohl mit Niederlassung in Schnelldorf. Momentan sind 27 Fahrer an beiden Standorten beschäftigt, aber: „Wir merken, dass es an Nachwuchs fehlt.“ Ein Grund seien die Bedingungen auf der Straße: „Die Autobahnen werden immer voller, und es gibt immer mehr Staus.“ Zu den – eigentlich sinnvollen – Lenkruhezeiten stünden zu wenig Parkplätze zur Verfügung: „Besonders abends zu den Stoßzeiten finden die Fahrer oft nur Plätze ohne Dusche und Esslokal. Manchmal sogar ohne WC, wenn sie sich im Industriegebiet befinden.“

Roland Rüdinger, Geschäftsführer der Krautheimer Spedition Rüdinger und Vizepräsident des Verbands Spedition und Logistik Baden-Württemberg (VSL), sieht einen Zusammenhang zwischen der Konkurrenz durch osteuropäische Transportunternehmer, fallenden Löhnen, einem dadurch zunehmend unattraktiven Beruf und zurückgehenden Bewerberzahlen: „Osteuropäische Transportunternehmer können auf dem deutschen Markt bis zu 20 Prozent billiger anbieten, weil deren Personalkosten niedriger sind.“ Deshalb gerieten viele deutschen Unternehmer unter Druck und versuchten beim Fahrer zu sparen. Die untere Grenze sei der deutsche Mindestlohn, der für alle Fahrer – egal, woher sie kommen – gilt, aber für den nur wenige Fahrer arbeiten wollten: „Wer gute Fahrer haben will, muss deutlich mehr ausgeben. Dadurch werden aber die Transportpreise höher, was die Kunden nicht bezahlen wollen, weil sie die billige Alternative mit ausländischen Transportunternehmen haben.“ Hinzu komme, dass die Einhaltung des deutschen Mindestlohns gerade bei ausländischen Firmen nicht wirksam kontrolliert werde. Nur einen Ausweg sieht Rüdinger: „Wir müssen versuchen, in Deutschland hochwertige Dienstleistungen zu erzeugen. Bei den normalen Dienstleistungen werden wir durch die Osteuropäer ersetzt.“

Auch bei der Heilbronner Karl-Schmidt-Spedition ist der Fahrermangel längst angekommen: „In den letzten drei bis vier Jahren hat es sich langsam abgezeichnet“, berichtet Fuhrpark-Manager Michael Hoyer. In naher Zukunft werde sich das Problem noch verschlimmern, denn das Durchschnittsalter der Fahrer liege bei über 50 Jahren. Ein wesentlicher Faktor sei auch, dass die Bundeswehr als Ausbilder weggefallen ist, seitdem die Wehrpflicht nicht mehr besteht: „Die Bundeswehr war die größte Fahrschule in Deutschland.“

Diesem Ausbilder trauert auch Schenker Deutschland hinterher. Um Fahrer zu gewinnen, lässt sich die Spedition mit Niederlassung in Crailsheim einiges einfallen: „Wir bilden im Zusammenspiel mit unseren Nahverkehrs-Unternehmern Fahrer aus und begleiten deren  Weg in die Selbstständigkeit“, sagt eine Sprecherin. Auch Teilqualifizierung – eine verkürzte Ausbildung oder der Erwerb einzelner Ausbildungsmodule – könne eine Lösung sein.

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