Thierse, ein Streithansel?
In der Berliner Lokalpresse schlägt das "Schwaben-Bashing" von Wolfgang Thierse weiter Wellen. Der Sozi betreibt Schadensbegrenzung.
Autor: GUNTHER HARTWIG |Da schau her: Oft geht Vizepräsident Wolfgang Thierse (69) zum Mittagessen in die Kantine des Bundestages, meist begleitet von seinen Mitarbeitern, unter denen sich sogar zwei Schwaben befinden. Und das Tollste: Die Parlamentsküche wird betrieben vom Unternehmer Peter Dussmann, einst aufgewachsen in Rottweil. Klar, dass auf dem Speiseplan "mit schöner Regelmäßigkeit schwäbisches Essen" steht, Spätzle und Maultaschen, so verrät der Genosse, der schon am Bodensee Urlaub gemacht hat und auch im Sommer wieder in Baden-Württemberg ausspannen will.
Nein, Wolfgang Thierse schätzt die südwestdeutsche Lebensart durchaus, seine Parteinahme für die Berliner "Schrippe" will er, bitte schön, nicht falsch verstanden wissen, schon gar nicht als "Angriff auf die Schwaben". Doch die Lokalpresse der Hauptstadt widmet dem von Thierse angezettelten Streit um Dialekte und Backwaren weiterhin jede Menge Platz.
Zu Wort kommt zum Beispiel der Gründer des Kulturfestivals "Schwabenniale", der Schauspieler und Regisseur Achim E. Ruppel, der vor 33 Jahren an die Spree zog und die Website "Schwaben-in-Berlin" eingerichtet hat: "Das ist ja sehr interessant, dass ausgerechnet ein Mann, der so viel von Integration und Toleranz spricht, jetzt auf die Schwaben in der Hauptstadt losgeht."
Andere Berliner, nicht nur Zugereiste, erinnern an den Protest, den Thierse vor fünf Jahren gegen die Lärmbelästigung durch einen Wochenmarkt an seinem angestammten Wohnort am Kollwitzplatz erhob - auf dem offiziellen Briefpapier des Bundestagsvizepräsidenten. Oder an seine zornigen Leserbriefe gegen die angebliche Vertreibung der Ureinwohner aus dem angesagten Prenzlauer Berg. Oder an den öffentlichen Disput mit seiner Vermieterin, die den prominenten "Ossi-Bär" loswerden wollte. Thierse, ein Streithansel?
Wenn es um seinen Kiez geht, dem er seit vier Jahrzehnten die Treue hält, kennt der Moralist und Sprachpfleger kein Pardon. Da ist Thierse eben ein "Ur-Berliner", auch wenn er in Breslau geboren wurde und in Thüringen aufwuchs. Und was macht der Berliner an sich so gern? Meckern!

